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Sabine Lehner: "Grenzerfahrungen von Geflüchteten während der Flucht und in Österreich. Ein kritisch-reflexiver Rückblick auf eine Arbeit über multiple Grenzen und deren Narration", Research Factory B/ORDERS IN MOTION


Anfangsdatum:
02.02.2022 16:15

Enddatum:
02.02.2022 17:45

Ort:
in Präsenz HG 109


Sabine Lehner, M.A. (Internationales Forschungszentrum Kulturwissenschaften, Kunstuniversität Linz in Wien)

Grenzerfahrungen von Geflüchteten während der Flucht und in Österreich. Ein kritisch-reflexiver Rückblick auf eine Arbeit über multiple Grenzen und deren Narration

Der Vortrag bildet den Abschluss eines mehrjährigen Forschungsprojekts, das sich mit Grenzerfahrungen von Geflüchteten während ihrer Flucht nach Österreich und ihres prekären Aufenthalts in Österreich beschäftigt hat und dessen Realisierung durch mehrere Forschungsaufenthalte am Viadrina Center B/Orders in Motion unterstützt wurde. Im Vortrag werden ausgewählte Ergebnisse des kritisch-soziolinguistischen Projekts vorgestellt: Erstens werden Analyseergebnisse der narrativen Rekonstruktion von Grenz- und Fluchterfahrungen im Rahmen von Forschungsinterviews präsentiert. Für die Darstellung der Flucht ist eine Abwechslung von physischer Mobilität und erzwungener Immobilität charakteristisch. Grenzen werden meistens nur im Zusammenhang mit befürchteten oder tatsächlich eingetroffenen Hindernissen explizit erwähnt, wobei sich zahlreiche Hinweise auf Grenzregime finden lassen. Zweitens bietet der Vortrag Einblicke in die Aufnahme von Geflüchteten bzw. Infrastrukturen des Ankommens in Österreich. Einerseits stütze ich mich dabei auf die durchgeführte ethnographische Studie in einer Grundversorgungseinrichtung in Wien. Dabei zeichne ich das Spannungsfeld, dem Bewohner:innen und Sozialarbeiter:innen angesichts der restriktiven Asylpolitik, der Einschnitte in der sozial- und wohlfahrtsstaatlichen Versorgung und der paradoxen gesellschaftlichen Diskurse ausgesetzt sind, nach. Die Arbeit zeigt, wie Akteur:innen sich diesen Diskursen gegenüber positionieren, unterwerfen, aber auch Coping- und Gegenstrategien entwickeln. Andererseits erweisen sich Handlungsbegrenzungen auch über den Unterkunftskontext hinaus als charakteristisch für die Situation von Asylwerber:innen. Im Vortrag gehe ich daher auch auf den Zusammenhang zwischen dem subjektiven Erleben, Agencykonstruktionen und strukturellen Bedingungen des Ausschlusses, der andauernden Ungewissheit und des Wartens während des Asylverfahrens nach. Drittens liegt neben grenztheoretischen Fragen und deren soziolinguistischen Bearbeitung ein weiterer Fokus auf einer kritisch-reflexiven Auseinandersetzung mit den eingesetzten Methoden und der eigenen Positionalität als weiße Forscherin in einem Forschungssetting, welches von Prekarität, multiplen Grenzziehungen, und Ungleichheiten geprägt ist. Die Auswertung der Interviewdaten und der Art, wie Geflüchtete über ihre Flucht, Grenzerfahrungen und aktuelle Situation sprechen, verdeutlicht die Omnipräsenz und Wirkmacht hegemonialer Diskurse, die spezifische Grenznarrationen sowie die Selbstdarstellung als legitim, hilfsbedürftig, dankbar und ‚integrationswillig‘ forcieren.

 

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