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Panel der Sektion Kulturwissenschaftliche Border Studies: "Entgrenzungen: Posthumanismus und die Kulturwissenschaftliche Grenzforschung"


Anfangsdatum:
27.05.2022 09:00

Enddatum:
27.05.2022 11:00

Ort:
Karl-Franzens-Universität Graz



Beschreibung:

"Die Debatten um Posthumanismus (Braidotti), Neuen Materialismus (Barard, Bennett) oder auch die Mensch-Technik-Beziehungen (Haraway) haben in den letzten Jahren politische, soziale, kulturelle, technologische und auch biologische Grenzziehungen in Frage gestellt – wie etwa diejenigen zwischen Tier/Mensch, Objekt/Subjekt, Technik/Leben. Die Protagonist*innen der im Detail verschiedenen posthumanistischen Ansätze plädieren dafür, einen humanistischen Zentrismus in den Geistes- und Sozialwissenschaften aufzugeben, stärker die Eigenwertigkeit und vitale Wirkkraft jeglicher Entität („lebendige Materie“, Barard) zu benennen und Kultur als eine Art Ökologie, welche aus vielfältigen Elementen besteht, zu erfassen. Die Konsequenz dieser Perspektive besteht darin, klassische disziplinäre Zuordnungen zu unterlaufen, etablierte Begriffe zu hinterfragen und zu einer kritischen Reflexion des (Zusammen-)Lebens beizutragen. Der Posthumanismus ist mithin Provokation wie Einladung zugleich, die theoretischen wie methodischen Grundlagen kulturwissenschaftlichen Forschens zu hinterfragen. Entsprechend fordert eine solche Verschiebung grundlegender Konzepte auch die Kulturwissenschaftliche Grenzforschung in vielfältiger Art und Weise heraus.

Epistemologie/ Methodologie: Erstens irritiert der Posthumanismus epistemologische wie methodologische Annahmen einer Kulturwissenschaftlichen Grenzforschung. Wenn Handlungsmacht nicht nur menschlichen Akteur*innen zugeschrieben wird, hat dies auch Folgen für die Konzeption wie auch Erforschung von Grenze, welche innerhalb der Border Studies meist als Trennung/Verbindung von menschlichen Gemeinschaften gedacht wird. Gewiss hat die Kulturwissenschaftliche Grenzforschung auch zuvor auf materiale wie ökologische Bedingungen und Wirkungen von Grenzziehungen hingewiesen, gerade in der Kulturwissenschaftlichen Grenzforschung wurde die Vielfältigkeit der Akteur*innenkontexte thematisiert. Aber dies geschah weitestgehend ohne eine Dezentrierung des Menschen. Was bedeutet es also, Grenzen posthumanistisch zu denken? Welche Analysegewinne sind hier zu erwarten? Welche konzeptionellen Verschiebungen, welche begrifflichen Konsequenzen sind hier gefragt? Wie lassen sich aus posthumanistischer Perspektive Grenzkonstellationen in ihrer Vielfältigkeit methodisch in den Blick nehmen?

Subjekt/ Praxis: Zweitens fordert der Posthumanismus dezidiert die Konzeption von Subjektivität und Praxis heraus: Zum einen wird eine Vervielfältigung der beteiligten Entitäten attestiert. Im „Parlament der Dinge“ (Latour) werden Grenzen von Objekten, Tieren, Menschen, Techniken, Apparaturen u.a. bearbeitet. Zum anderen werden die Verknüpfungen dieser Elemente fraglich, da sie nicht mehr durch eine klare Instanz (den Menschen, den Staat) zusammengeführt werden. Wenn auch andere Entitäten als ‚aktive‘ Elemente in die Untersuchung von Grenzen einbezogen sind, wie erzielen dann die prozessual zu denkenden Verbindungen dieser einzelnen Elemente Wirkung? Posthumanistische Theorien gehen zwar von einer omnipräsenten „vibrierenden Materie“ (Barard) aus und betonen deren affizierende Wirkung, heben aber zugleich die Instabilität von Ganzheiten und die Ungerichtetheit von Effekten hervor. Daher ist zu fragen: Welche Subjektivitäten werden an Grenzen hervorgebracht? Wie entsteht in diesen vielfältigen Kontexten so etwas wie die Effektivität von Grenzen, die ja – allen theoretischen Einwürfen zum Trotz – faktisch Ein- und Ausgrenzungen produzieren?

Kritik/ Anfechtung: Drittens wohnt posthumanistischen Perspektiven eine machtkritische Dimension inne. Der Posthumanismus startet als Kritik an traditionellen menschzentrierten Positionen, welche die Exklusionseffekte ihrer konzeptionellen Engführungen übersehen würden. Daraus folgt eine kritische Grundposition für die Forschung, die nach einer Kartografie „vielschichtiger und komplexer Machtbeziehungen“ (Braidotti) strebt, um von einer Vorrangigkeit einzelner Elemente abzusehen und somit auf eine „Artenhierarchie“ (Braidotti) zu verzichten. Für die kulturwissenschaftliche Grenzforschung ist dabei zu fragen, welche kritischen Positionen sich entwickeln lassen. Welcher Protest, welcher ästhetische Widerstand kann an Grenzen mittels des Posthumanismus gefunden werden? Wie verschaffen sich die vielfältigen Elemente Gehör? Wie kann eine engagierte Grenzforschung in posthumanistischer Perspektive aussehen?

Grenzreflexivität: Viertens operiert der Posthumanismus selbst mit starken Annahmen über Grenzziehungen, die er überwinden, aber auch verteidigen will. Für eine kulturwissenschaftliche Grenzforschung, die maßgeblich an den kulturellen Formen von Grenzziehungen interessiert ist, wird eine solche Theorie der Grenze‘ selbst zum Forschungsgegenstand. Welche Differenzen werden innerhalb des Posthumanismus thematisiert? Welche Grenzkonzepte werden dabei in posthumanistischen Theorien verwendet? Welche Trennungen, welche Verbindungen, welche Formen des Dazwischen werden in posthumanistischen Positionen deutlich? Wie werden diese Differenzsetzungen in epistemischen, aber auch politischen wie aktionistischen Kontexten sichtbar?"

Quelle: https://www.kwg2022.com/p12