Workshop: Die reale Fiktion der Grenze. Grenzregionen zwischen historischen Grenzregimen, lebensweltlichen Grenzerfahrungen und politischen Visionen

Das Graduiertenkolleg „Grenzen in Gesprächen wahrnehmen – Grenzen diskursiv verhandeln" lud sich für den 23. und 24. April 2014 Dr. Christian Banse aus Göttingen ein, um an zwei Tagen - neben dem Hauptthema der Grenzregion - allerlei Grenzfragen zu diskutieren. Den Anfang machte die gemeinsame Gestaltung der Research Factory, in deren Rahmen sich das Kolleg vorstellte und Herr Banse einen spannenden Vortrag zu seiner jüngst veröffentlichten, vergleichenden Grenzregionsstudie „Nationale Grenzerfahrungen und grenzüberschreitende Prozesse" hielt, der im Nachgang ebenso spannend diskutiert wurde. Beim anschließenden gemeinsamen Abendessen und bei einem eher informellen Treffen am Folgetag konnten dann insbesondere die DoktorandInnen die Möglichkeit nutzen, sich wertvolle Tipps von einem einschlägigen Grenzforscher geben zu lassen. Beim abschließenden gemeinsamen Workshop im Rahmen des B/ORDERS IN MOTION Forschungskolloquiums konnten schließlich wesentliche Erkenntnisse der beiden Tage zusammengefasst und pointiert werden. Der intensive Austausch erwies sich für das erst kürzlich gestartete Kolleg vor allem dahingehend als gewinnbringend, als der Fokus der eigenen Kollegsarbeit weiter geschärft werden konnte.

Vortrag von Dr. Christian Banse (Göttingen)

Der Begriff der Grenzregion wurde durch die Europäisierung sowohl politisch als auch wissenschaftlich aufgewertet. Gleichwohl thematisiert er je nach Perspektive unterschiedliche Phänomene, die von geografischen Maßstäben über wissenschaftliche Konzepte und politische Geltungsbereiche bis hin zu lebensweltlichen Wahrnehmungsräumen reichen. Nicht weniger mehrdeutig ist der Begriff der Grenze, der zwar auf eindeutige Unterscheidungen verweist, jedoch – die Vorstellung der Grenzregion verdeutlicht es – ein Gebiet um eine Trennlinie zu erzeugen scheint, in dem vielfältige Wirkungen erfahrbar werden. Während alte Vorstellungen diese Mehrdeutigkeiten ausgeblendet haben, betonen neue Konzepte das Uneindeutige und Vielfältige, aber auch Konstruierte und Variable.

Aus empirischer Sicht sozialwissenschaftlicher Forschungen über nationale Grenzregimes stellt sich die Frage, ob bestimmte Grenzen nicht vielmehr eigene Wirkungen entfalten, sowie die jeweilige Grenzregion – je nach historisch-politischem Kontext – fallspezifische Erfahrungen ermöglicht und Interpretationskämpfe (etwa um den Ort der ‚wahren‘ Grenzregion) verdeutlicht.

Im Workshop soll die analytische Tragfähigkeit des Grenzregion-Begriffs diskutiert werden, der den Wirkungen von Grenzziehungen gerecht wird. Im Vordergrund stehen auf Grundlage einer gemeinsamen Lektüre der offene Austausch über den Nutzen der Grenzregionsvorstellungen sowie die methodischen Möglichkeiten, empirisch der sozialen Herstellung einer Grenzrealität habhaft zu werden. Das sollte auch unter kritischem Einbezug der Terminologie des Kollegs (Durabilität, Permeabilität, Liminalität) geschehen.