Jüdische Minderheiten in Polen, 1919

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Jüdische Minderheiten in Polen, 1919

Quellentitel:

Poland

Quellenbeschreibung:

'Polish Atlas', containing maps showing ethnography, languages and religions of Poland and Galicia, prepared for the Peace Conference by the Naval Staff, ID. Admiralty.

Info:
Archivsignatur: The National Archives, FO 925/37106.
Zitierweise: Jüdische Minderheiten in Polen, 1919, in: Viadrina Center B/Orders in Motion (Hrsg.): "Grenzen, Kriege und Kongresse. Die Neuordnung Ostmitteleuropas aus dem Erbe der Imperien, 1917-1923" - Ausgewählte Projektquellen, bearb. von Thomas Rettig. URL: https://www.borders-in-motion.de/web/grenzen-kriege-und-kongresse/dokumente-anzeige-seite (Zugriff am 13-12-2019)

Polen 1919

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'Polish Atlas', containing maps showing ethnography, languages and religions of Poland and Galicia, prepared for the Peace Conference by the Naval Staff, ID. Admiralty.

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Archivsignatur: The National Archives, FO 925/37106.
Zitierweise: Polen 1919, in: Viadrina Center B/Orders in Motion (Hrsg.): "Grenzen, Kriege und Kongresse. Die Neuordnung Ostmitteleuropas aus dem Erbe der Imperien, 1917-1923" - Ausgewählte Projektquellen, bearb. von Thomas Rettig. URL: https://www.borders-in-motion.de/web/grenzen-kriege-und-kongresse/dokumente-anzeige-seite (Zugriff am 13-12-2019)

Die Beziehungen Wrangels zu den Nachbarstaaten Südrusslands, Bern, 15. September 1920

Die Beziehungen Wrangels zu den Nachbarstaaten Südrusslands, Bern, 15. September 1920

Transkription:

K. Nr. 134

1 Anlage.

3 Durchschläge dieses Berichts.

Im Anschluss an den Bericht K. Nr. 124.

Als Anlage überreiche ich einen mir aus zuverlässiger russischer Quelle zugegangenen Bericht über die Beziehungen Wrangels zu den Nachbarstaaten Südrusslands (PolenUkraineKosakenländer and Georgien).

Inwieweit die Angaben über den angeblich zwischen dem General Wrangel und der polnischen Regierung abgeschlossenen Vertrag betreffend die Festlegung der polnisch-ukrainischen Grenze und die Unabhängigkeit der Ukrainerichtig sind. kann ich hier nicht nachprüfen.

Die Mitteilungen über die Umgruppierung der Wrangel'schen Streitkräfte scheinen durch die Pressenachrichten der letzten Tage eine Bestätigung zu erfahren.

Inhalt:

Beziehungen Wrangels zu Polen, der Ukraine und den Kaukasusländern.

gez. Adolf Müller.

An das Auswärtige Amt.

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Anlage zum Bericht der Gesandtschaft Bern Nr. 134 von 15. September 1920.

Die Beziehungen Wrangels zu den Nachbarstaaten Südrusslands

I. Polen

Die intransigente Politik Polens gegenüber den Ratschlägen Amerikas und Englands in der Frage der ethnographischen Grenzen hat ihren Rückhalt in Frankreich und erklärt sich aus dem zwischen den Agenten Wrangels und Grabskibereits abgeschlossenen russisch-polnischen Vertrag. Der spiritus rector dieses ganzen Systems ist wiederum Frankreich, das die Direktiven für seine polnisch-russische Politik bei Dmowski holt. Dieser will bekanntlich ein Polenschaffen, das noch größere Grenzen hat, als das Polen von 1772. (Dmowski und seine Anhänger greifen für die Bestimmung der polnischen Grenzen auf den Vertrag von Stolbowo vom Jahre 1617 zurück und machen daran einige Zugeständnisse, um die Russen mit dem Verlust ihrer westlichen Länder auszusöhnen. Auch dieses Programm wurde übrigens von Frankreich gut geheißen und ist in dem Foch'schen Bericht an den Obersten Rat vom Sommer 1919enthalten.)

Getrieben von den Wunsche, die Macht in Russland an sich zu reißen, hat Wrangel durch Vermittelung seiner Agenten in Warschau einen politischen Vertrag unterzeichnet, dessen Abschrift vor der Anerkennung Wrangels durch die französische Regierung nach Paris übersandt worden war. Wie man versichert, war die Unterzeichnung dieses Übereinkommens eine der Vorbedingungen für die Anerkennung Wrangels durch Frankreich.

Das fragliche Abkommen setzt die polnisch— russische Grenze einschließlich der Grenze mit der unabhängigen Ukraine wie folgt fest:

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Mogilew (Dnjestr) — Nowo Wschisk — Proskurow — Starokonstantinow — Schepetowka — Flusslauf des Slutsch — Beresnow — Sarny — Flusslauf des Goryn — David-Gorodok — Turow — Skrigalow — Domanowitche — Flusslauf derBeresina — Borissow — Flusslauf der Beresina — Lepel — Flusslauf der Dwina - Polotsk — Newel - Norosokolniki - Opotchka — Ostrow - Flusslauf der Welikaya über Smolensk — Petchory — Westufer des Peipussees bis zur lettischen Grenze.

Damit würde also zwischen Russland und Lettland eine Art Korridor geschaffen, der ungefähr von Oknist über Rieyitsa - Warklani - Bolowsk - Rapine verlaufen und Dwinsk umfassen soll. Mit einer solchen Grenzregelung wäre der Ring intakt, durch den Clémenceau Russland vom Westen Europas und vor allem von Deutschland trennen wollte. Vom Dnjestr bis zum Peipussee würde damit Russland immer nur an polnisches Gebiet grenzen.

Außerdem soll die Unabhängigkeit der Ukraine ausgerufen werden. Wrangel ist im Namen Russlands im voraus mit den Maßnahmen einverstanden, die die polnische Republik für notig halten wird, um die ukrainische Unabhängigkeit sicherzustellen. Die ukrainischen Grenzen sind jedoch noch nicht festgesetzt. Auch hat Frankreich eine neue Lösung im Auge, durch die die unabhängige Ukraine einem föderativen Russland angegliedert werden soll. Unterdessen ist das polnische Programm von den Vertretern Wrangels in Warschau und Paris gutgeheißen.

Sollte das polnische Protektorat nicht auf die Ukraine ausgedehnt werden, - die französischen Interessen und die von Wrangel gegebenen Garantien wirtschaftlicher Art wären ohne den russischen Einfluss auf die Ukraine in Frage gestellt — , so würde sich Russland gegenüber Polen zu folgenden „Sicherheits"—Maßnahmen als Gegenleistung verpflichten:

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a) Schleifung der Befestigungen von Kiew und anderer Festungen in der Ukraine;

b) der Polizeidienst in der Ukraine wird durch ein gemischtes polnisch-ukrainisches Polizeikorps versehen;

c) Errichtung eines besonderen polnischen Gendarmeriekorps für den ausschließlichen Dienst in der neutralen Zone, die in einer Breite von 50 bis 75 Kilometern entlang der polnischen Grenze auf dem Boden der Ukraine verläuft;

d) die neutrale Zone wird von einer polnisch—ukrainischen Kommission verwaltet;

e) die polnischen Waren jeder Art sind in der neutralen Zone vollständig abgabenfrei.

Außerdem verpflichtet sich die russische Regierung, ohne die Einwilligung der ukrainischen Rada zu keiner Mobilisation der ukrainischen Bevölkerung zu schreiten. Jede Mobilisation, jedes Manöver und alle militärischen Vorbereitungen in der Ukraine würden als unfreundlicher Akt gegenüber Polen gelten. Wrangel hat für die Grenzbestimmungen freie Hand gegeben und widersetzt sich ebensowenig der Idee für die Schaffung der Zone und für den Schutz der Unabhängigkeit der Ukraine durch Polen. Seine militärischen Vertreter in Warschau arbeiten gegenwärtig die militärischen Bedingungen aus, die den bereits unterschriebenen Grenzbestimmungen noch beigefügt werden sollen. Dieses ganze russisch—polnische Vertragssystem wird also von französischem Geist und seinem Hass und Misstrauen gegenüber künftigen deutsch—russischen Beziehungen diktiert sein. Sollten die in Frage stehenden Maßnahmen tatsächlich einmal verwirklicht werden, so werden Russland und Deutschland wie durch eine chinesische Mauer voneinander getrennt sein.

Es darf jedoch nicht vergessen werden, dass die ententefreundlichen

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Kreise Russlands und die Anhänger Wrangels selbst alle diese Verpflichtungen nur als zeitweilig ansehen. Sie sind nur bis zum Zusammentritt der russischen Nationalversammlung gültig, die diese Bedingungen nicht zu ratifizieren braucht. Die Russen hoffen, auf diese Weise die fraglichen Verträge später zu annullieren. Auch Wrangel soll dieser Meinung sein. Demgegenüber muss aber darauf hingewiesen werden, dass, nachdem Wrangel sich einmal so tief in die Machenschaften für die Errichtung einer französisch—polnischen Hegemonie in Russland eingelassen hat, weder er noch seine Anhänger jemals einen Bruch wagen können.

Was mit den militärischen Abmachungen bezweckt werden soll, mag man aus der mit Gewalt durchgeführten Bildung russischer Heeresverbände in Polen ersehen. Eine dieser Brigaden hat noch an den Kämpfen der beiden letzten Monate teilgenommen.

Zur Zeit sind drei Armeen im Werden und zwar:

1) unter General Glasenapp, dem ehemaligen Generalstabchef von Judenitsch;

2) unter General Graf Palen;

3) unter Oberst Bulack—Balakkowitch.

Die in Polen lebenden kriegstauglichen Russen sind verpflichtet, sich in diese Armeen einreihen zu lassen. Die Verbände des Generals Bradow sind nicht mehr in ihrem Konzentrationslager Sluptsy. Sie sind bereits in die Gegend vonLublin verschoben worden und sollen dort den kriegstüchtigen Kernbestand der neuen Armeen bilden. Zur Zeit stehen auf diese Weise über 50 000 Russen unter polnischem Kommando.

Der Chef des gesamten Rekrutierungswesens und der Organisator dieser neuen Armeen ist Boris Saviukoff, der offizielle Vertreter Wrangels. Die polnische Regierung unterstützt dis Arbeit Saviukoffs, dem RoditcheßMerajkowskiusw. beigegeben sind, energisch. Das Zentralbüro

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für Rekrutierung leitet gleichzeitig auch die antibolschewistische und die antimilitaristische Propaganda, die unter den Roten Truppen getrieben wird. Saviukoff und Merajkowsky verfassen dazu selbst heftige demagogische Aufrufe. Die polnischen Offiziere überwachen die Bildung der russischen Heeresverbände. Einige polnische Obersten sind Saviukoff zwecks Aufrechterhaltung der direkten Verbindung mit dem polnischen Kriegsministerium zugeteilt.

Dieses Unternehmen trägt also amtlichen polnischen Charakter. Wir vermuten, dass jedes russische militärische Unternehmen in Polen gleicher Art sein wird.

II. Ukraine

Wrangel versucht, den Nationalismus in der Ukraine zu seinen Gunsten für ein föderatives Russland auszunutzen. Zu diesem Zweck stützt er sich auf die Gruppen der nationalen ukrainischen Kommission in Paris. Allein diese Kreise sind nicht stark und verfügen vor allem über keine Geldmittel, während die ukrainischen Separatisten, die Anhänger Petljuras bei den Regierungen von Polen und von der Tschechoslowakei sowie bei gewissen amerikanischen Kreisen finanzielle Unterstützung finden.

In den Karpathen bilden sich zur Zeit unter den Namen „Karpotskaya” und „Ugorskaya" ganze Armeen. Dort holt sich Petljura seine Ersatztruppen und geschlagene ukrainische Heeresverbände finden dort Unterschlupf und Gelegenheit zur Umbildung.

Die ukrainische Propaganda ist unter den Russen in den Karpathen (Ruthenen) sehr lebhaft.

Die Kreise um Wrangel müssen daher mit Petljura verhandeln, der sich auch bereits einer Lösung auf föderativer Grundlage geneigt zeigt, eine

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Lösung, der sich Polen nicht widersetzen könnte. Die Räuberhorden, unter der Benennung "Porstaktzky", haben ausgesprochenen separatistischen Charakter, wenngleich ihr unmittelbares Ziel im Rauben und Plündern von Städten und Dörfern besteht. Die ukrainische Bauernsame ist im allgemeinen neutral und kennt keine separatistischen Neigungen. Jedoch ist die separatistische Propaganda unter den ukrainischen Bauern sehr tätig. Sie wird von zwei starken wirtschaftlichen Organisationen, den Kooperativen „Dnieprosiuse” und „Ukrainobank", geführt. Doch bemerkt man überall, dass den ukrainischen Bauern der vaterländische Gedanke im Sinne einer unabhängigen Ukrainevollständig fehlt. Dagegen sind die Intellektuellen zum größten Teil ausgesprochene Separatisten und wollen von Russland nichts wissen.

Die Bauern, die nicht im geringsten an eine unabhängige Ukraine denken, haben sogar gegen die Unterdrückung des Russischen in den Schulen Stellung genommen. Sie gehen dabei von dem Gedanken aus, dass die russische Sprache ihren Kindern viel nützlicher sein wird, als die ukrainische. Die Bauern haben außerdem den Bürgerkrieg satt, obgleich ihre Lage heute viel besser ist als die der Städter, und obgleich sie von den Banden meist verschont werden, weil diese für Verpflegung und Pferde auf die Bauern angewiesen sind. Trotzdem ist auch Wrangel bei den Bauern nicht im geringsten populär. Soweit die Ukraine [von] dem Ackerbau lebt, herrscht die größte Anarchie. Jedes Dorf und jeder kleine Flecken hat seine eigene Regierung. Um hier Wechsel zu schaffen, bedarf es einer mehrjährigen festen und umsichtigen Diktatur.

III. Die Kosakenländer und Georgien

Die Zwangsmaßnahmen, mit denen die Sowjetregierung gegen die Kosaken vorgeht, haben aus diesen die entschiedensten Feinde des Bolschewismus

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gemacht. Mit Ausnahme ganz junger und verdorbener Elemente sind alle Kosaken Antibolschewisten. Trotzdem kennen auch sie den vaterländischen Gedanken eines einigen Russlands nicht. Sie sind ganz im Gegenteil offene Anhänger der separatistischen Idee, was besonders für die Kubankosaken gilt.

ln den besetzten kaukasischen Gebieten hat die Sowjetregierung eine ganze Reihe von Maßnahmen ergriffen, um die Kolonisierung des Dongebietes durch Bauern aus Mittel— und Nordrussland einzuleiten. Diese Maßnahmen, die darauf ausgehen, die Kosaken ins Innere Russlands abzuschieben, um die so frei werdenden kaukasischen Gebiete durch russische Bauern aus dem Innern des Landes bebauen zu lassen, bleiben jedoch meistenteils Papier. Die Kosaken wollen von dieser zwangsweisen Auswanderung nichts wissen. Die Gerüchte, die anlässlich dieser Auswanderungspolitik im Lande umgehen, haben die Bevölkerung bereits in große Erregung versetzt.

Wrangel findet daher mit seinem föderalistischen Programm bei den Kosaken viel mehr Sympathien, als bei den russischen Bauern, denen sein Programm nichts Neues bringt.

Donkosaken. — Die Donarmee (die "Weiße Armee" bei den Denekin'schen Truppen) hat ihren Standort gewechselt. Der eine Teil befindet sich in der Krim, wo er an der Seite der Wrangel'schen Truppen kämpft (das Gros der Truppen Wrangels war ja ursprünglich aus Donkosaken gebildet). Der andere Teil ist aus dem Gebiet Tchernomorskya-Oblast gegen das Schwarze Meer zurückgegangen und befindet sich jetzt in der Gegend von Touapse, zusammen mit einem Teil der Kubankosaken.

Es handelt sich jetzt darum, diese Kräfte mit Hilfe Frankreichs neu aufzustellen. Karew und Perchine befinden sich zur Zeit als Delegierte des Dongebietes in Paris, um Munition, Kriegsmaterial und landwirtschaftliche

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Maschinen zu erhalten. Mit den fraglichen Maschinen hofft man, die Herbstsaat und die sonstigen Feldarbeiten des ablaufenden Jahres in gewissen Kosakengebieten ausführen zu können, die man noch vor dem Winter besetzen will.

Die Reorganisation dieses Kosakenheeres wird mit Hilfe französischer Instruktionsoffiziere und dank der von Frankreich gekommenen Waffen und Ausrüstungen tatkräftig gefördert.

Zwischen Wrangel und den Kosaken besteht als Vermittler eine Art Bundesrat, der von folgenden Personen gebildet wird:

Russische Gruppe: General WrangelGeneral KutepoffGeneral Slachteff.

Kubanische Gruppe: Philinonoff, Delegierter der Rada; General Ulagay; Präsident der Rada von Kuban; General Boukeretow;

Terek-Gruppe: General Vdorenko, der auch die kaukasischen Bergvölker vertritt.

Don-Gruppe: General Borgajewski; Werkhowny Krug, Präsident des Don-Parlaments; Oberst Guiloriboff.

Die Mobilisierung der Kosaken im Gebiet des Schwarzen Meeres und der nach Georgien geflüchteten Kosaken ist angeordnet worden.

Man ist entschlossen, unter den oben genannten Gruppen eine gemeinsame Vereinbarung gegen den Bolschewismus zu Stande zu bringen. Georgien, das die Unternehmungen der weißen Truppen immer mit bösem Auge verfolgte, wollte die Mobilisierung der Kosaken an seinen Grenzen und selbst auf einem Teile seines Gebietes verhindern. Doch versichert man jetzt, dass der Druck der Entente, vorzüglich der englischer und französischer Geschwaderführer im Schwarzen Meer, Georgien von dieser intransigenten Haltung abbrachte. Bereits sind die ersten von Wrangel auf georgischem Boden gebildeten Kosakenabteilungen in der

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Krim unter General Chkura angekommen. Der Rest dieser Truppen untersteht dem General Ulagay und ist für die strategischen Operationen bestimmt, deren Zweck die Aufrichtung einer gemeinsamen Front mit Wrangel und die Befreiung des Dongebietes ist. General Wrangel versicherte Georgien formell, dass seine Truppen nur in friedlicher Absicht kommen, und garantierte ihm seine volle und ganze Unabhängigkeit, wie es die Entente von Wrangelgefordert hatte. So muss jede Möglichkeit einer aggressiven Aktion seitens Georgiens gegen die in Bildung begriffenen Truppenverbände Wrangels als ausgeschlossen gelten.

Sowohl die russischen Emigranten als die Intellektuellen aus der Umgebung Wrangels sind tief bestürzt über die großen Zugeständnisse Wrangels an die Entente und an seine Grenzstaaten. Mit Ausnahme einiger namhafter politischer Persönlichkeiten im Solde der Entente bedauern die russischen Intellektuellen die Folgen der englischen Politik zur Auflösung des russischen Reiches, deren Vertreter Wrangel heute ist.

Im allgemeinen hat man wenig Hoffnung, dass Russland sich wieder sammeln und erheben werde, und glaubt, dass in dem Augenblick, wo der Bolschewismus verschwindet, Russland in einen Zustand vollkommener Anarchie und Barbarei geraten wird, wie ihn die moderne Geschichte nicht kennt. Die russischen Politiker sind vollständig unfähig, ihr Land vor dem endgültigen Verderben zu schützen,

Was die Nationalversammlung anlangt, die heute der letzte Rettungsanker für viele in Verzweiflung lebende Russen zu sein scheint, so darf man auf die keine Hoffnungen setzen, da beim heutigen Zustand vollständiger Anarchie auf dem Lande die Wahlen überhaupt unmöglich sind. Außerdem verschwinden die letzten Reste von Ordnung, Arbeitslust und Ehre nach und nach aus der Geistesverfassung des russischen Bauern.

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Selbst wenn die Wahlen zur Konstituante durchgeführt werden könnten, so würden damit zur Arbeit, zum Wiederaufbau und zur Säuberung des riesigen Landes vollständig unfähige Elemente ans Ruder kommen, während Russlanddank der Politik der Entente von unnachsichtigen Feinden rings umgeben ist.

 
Info:
Archivsignatur: Die Beziehungen Wrangels zu den Nachbarstaaten Südrusslands, Bern, 15. September 1920, Politisches Archiv des Auswärtigen Amtes, R81803, Politik 3, Polen/Russland.
Zitierweise: Die Beziehungen Wrangels zu den Nachbarstaaten Südrusslands, Bern, 15. September 1920, in: Viadrina Center B/Orders in Motion (Hrsg.): "Grenzen, Kriege und Kongresse. Die Neuordnung Ostmitteleuropas aus dem Erbe der Imperien, 1917-1923" - Ausgewählte Projektquellen, bearb. von Thomas Rettig. URL: https://www.borders-in-motion.de/web/grenzen-kriege-und-kongresse/dokumente-anzeige-seite (Zugriff am 13-12-2019)

Nachruf Sobernheim, Berlin, 6. Januar 1933

Nachruf Sobernheim, Berlin, 6. Januar 1933

Transkription:
Vossische Zeitung

Moritz Sobernheim

Zum Tode des Orientalisten

Von Professor C. H. Becker

Staatsminister a. D.

Mit Moritz Sobernheim ist ein Mann aus dem Leben geschieden, der, ohne ein offizielles Lehramt innezuhaben, im gelehrten Leben Berlins eine soziale Funktion erfüllte. Von ihr, nicht von seinem reichen und schönen Privatleben soll hier die Rede sein. Sein Haus bildete gemeinsam mit dem seiner ihm eng verbundenen Schwester Frau Dr. Georg Hahn seit Jahrzehnten den gesellschaftlichen Mittelpunkt der Berliner Orientalistik. In beiden Häusern herrschte nicht gesellschaftlicher Ehrgeiz, sondern der schlichte Geist des Dienstes an einer durch gleiche wissenschaftliche Interessen zusammengeführten Gesellschaft. Ererbter und erworbener Wohlstand fühlte sich hier verpflichtet, in vornehmster Weise meist unbemittelte geistige Arbeiter zu fördern und mit anderen Kreisen zu gegenseitig bereicherndem Gedankenaustausch zusammenzuführen. Die orientalistischen Interessen des Verstorbenen waren für die Pflege grade dieses Wissenschaftszweiges ausschlaggebend gewesen, aber der Kreis der hier Verkehrenden umfasste nicht nur die engeren Fachkollegen Sobernheims, sondern die breite Schicht der am alten, mittelalterlichen oder modernen Orient interessierten Personen. Hier fand der Stubengelehrte wie der Diplomat, die wissenschaftliche Größe wie der Anfänger die sonst nie gegebene Möglichkeit des Kontaktes. Was Institutionen meist nur unvollkommen erreichen, war hier dank lebendiger Initiative, Güte und Opfersinn privater Personen Wirklichkeit geworden. Moritz Sobernheim aber war Anlass und Seele dieses Kreises, und es ist die einfachste Pflicht der Dankbarkeit, an dem Grabe dieses zwar energischen und impulsiven, aber im Grunde bescheidenen Mannes auszusprechen, worin seine Kollegen Sinn und Wesen dieses allzu früh abgeschlossenen Lebens erblicken.

Aus einem großbürgerlichen Hause Berlins stammend -sein Stiefvater war Generalkonsul Landau - hatte Moritz Sobernheim schon als Student die damals unerhörte Gelegenheit, seine orientalistische Ausbildung im Orient selber zu vollenden. Einer Anregung seines Leipziger Lehrers Socin folgend, beschäftigte er sich als einer der ersten unter der lebenden Orientalistengeneration mit arabischer Dialektologie. In Kairo hatte damals Osman Galal Molièresche Komödien ins Modernarabische übersetzt. Ihrem Studium galt Sobernheims Dissertation. Das Linguistisch-Philologische lag ihm aber auf die Dauer nicht so sehr; dafür entdeckte er früh in sich Hang und Begabung für Epigraphik. Das Schwergewicht seiner wissenschaftlichen Leistung lag denn auch auf dem Gebiet der arabischen Inschriftenkunde, namentlich der Mamelukenzeit. Ihn interessierten die Monumente mehr als die Bücher, die Kunst der Entzifferung mehr als die historische Bewertung, obwohl er namentlich in seinen letzten Jahren auch zu historischen Darstellungen, besonders in der Enzyklopädie des Islam, fortgeschritten ist. Sein Lehrmeister auf epigraphischem Gebiet war der unvergessliche Schweizer Forscher Max v. Berchem, einer seiner treuesten und sachverständigsten Helfer und Mitarbeiter Ernst Herzfeld. Auf zahlreichen Orientreisen nach Ägypten, dem Sudan, nach Palästina und Syrien sammelte er ein reiches Material das er später in zahlreichen Veröffentlichungen publizierte. So danken wir ihm die Inschriften von Tripolis in Syrien, von Aleppo, von Damaskus (Zitadelle) und Baalbek, von kleineren Publikationen zu schweigen. Der Krieg und der Tod von Berchems verhinderten

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weitere Pläne internationaler Zusammenarbeit. Ein einzelner konnte diese riesige Arbeit nicht vollenden, aber seine Leistung wird immer mit Ehren genannt werden.

In all diesen Jahren hatte er das in Deutschland ungewöhnliche Leben eines Privatgelehrten geführt. Wohl war er schon Mitglied der deutschen Baalbek-Expedition gewesen, aber erst der Krieg brachte ihn in engere Berührung mit der staatlichen Verwaltung. Als mit der Balfour-Deklaration das Judenproblem zu einer offiziellen Frage der auswärtigen Politik geworden war, wurde auch in unserem Auswärtigen Amt ein Referat geschaffen, das die hier liegenden Probleme dauernd beobachten sollte. Auf dieses Referat wurde Sobernheim im Jahre 18 (nicht erst in der Rathenau-Zeit) berufen, da man hier einen Sachkenner des Orients und der europäisch-amerikanischen Judenschaft brauchte, der zugleich ein Mann von Welt war. Damit wurde aus dem freien Gelehrten ein Beamter des Auswärtigen Amts, der Legationsrat-Prosessor hat aber beide Aufgaben miteinander zu verbinden gewusst. Er war ein durch und durch deutsch und national fühlender Mann, aber er besaß die Weite und das Verstehen für die Mannigfaltigkeit der Probleme innerhalb der heutigen deutschen wie außerdeutschen Judenschaft und konnte vermitteln und versöhnen. So stand er hier am richtigen Platz. Daneben aber wirkte er als Präsident der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums und Sekretär der Vorderasiatisch-Ägyptischen Gesellschaft.

Sobernheim war nicht im engeren Sinn politisch interessiert, er hatte auch nichts vom asketischen Gelehrtentyp, er war kein Eiferer und kein Rechthaber, aber er war von einer wahren Leidenschaft zum Helfen erfüllt und stellte gern seine ungewöhnliche Energie in den Dienst einer als gut und sinnvoll erkannten Sache. Vor 35 Jahren bin ich ihm als Student in einem Kolleg des Altmeisters Eberhard Schrader zum erstenmal begegnet, später hat er als älterer Kollege mir in Ägypten die Wege geebnet, und wenn unsere Art und Arbeit auch sehr verschieden waren, wir uns auch manchmal in fördernder Kritik gegenüberstanden, immer habe ich die tiefe Loyalität und Treue, die Sachlichkeit und die einzigartige Hilfsbereitschaft dieses Mannes dankbar anerkannt. Dies Leben hatte Sinn und Wert.

Info:
Archivsignatur: Nachruf Sobernheim, Berlin, 6. Januar 1933, Politisches Archiv des Auswärtigen Amtes, Sobernheim.
Zitierweise: Nachruf Sobernheim, Berlin, 6. Januar 1933, in: Viadrina Center B/Orders in Motion (Hrsg.): "Grenzen, Kriege und Kongresse. Die Neuordnung Ostmitteleuropas aus dem Erbe der Imperien, 1917-1923" - Ausgewählte Projektquellen, bearb. von Thomas Rettig. URL: https://www.borders-in-motion.de/web/grenzen-kriege-und-kongresse/dokumente-anzeige-seite (Zugriff am 13-12-2019)

Haltung des Vatikan zum Zionismus, Rom, 24. Mai 1922

Haltung des Vatikan zum Zionismus, Rom, 24. Mai 1922

Transkription:

Deutsche Botschaft beim päpstlichen Stuhle.

Nr. 68.

Inhalt: betr. Kurie und Zionismus.

Auf Erlass II a Va 371 vom 15. v. Ms.

Wie ich Gelegenheit hatte festzustellen, hat der Kardinalstaatssekretär kein Vertrauen zu einer erfolgreichen Wirksamkeit der auf Grund des Artikel 14 des Palästinamandats zusammentretenden Kommission. Er ist der Ansicht, dass ihre Zusammensetzung aus Vertretern der verschiedenen Konfessionen keinerlei Gewähr für eine unparteiische Regelung der verschiedenen, die Kurie interessierenden Fragen, biete.

In dieser ablehnenden Haltung - zu deren Verständnis ich auch auf meine Berichte No. 65 vom 18. d. Ms. und No. 21 vom 7. Februar d. Js. verweisen darf - ist Kardinal Gasparri, wie mit Sicherheit anzunehmen ist, durch den Patriarchen von Jerusalem, Barlassina, bestärkt worden, der kürzlich sich einige Zeit hier aufgehalten hat. Einem Mitgliede der Botschaft gegenüber, das Gelegenheit hatte mit dem Patriarchen über die Palästinafrage zu sprechen, hat er sich recht ungünstig über den Zionismus geäußert, von dem kein Verständnis für die

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Interessen der katholischen Kirche zu erwarten sei. Diesem Gedanken hat er auch in einem stark besuchten Vortrage sehr deutlich Ausdruck gegeben. Er beklagte es darin, dass man in katholischen Kreisen noch so wenig über die gegenwärtigen Zustände in Palästina unterrichtet sei, zum großen Erstaunen der Araber, die es nicht verständen, dass nichts zur Verteidigung der heiligen Stätten geschehe. Dabei trete jetzt nach der bekannten Erklärung Balfours bei den Zionisten ganz offen das Bestreben zu Tage, nach und nach die gegenwärtigen Bewohner Palästinas zu entfernen, um sich so des ganzen Landes zu bemächtigen und das Reich Zion aufzurichten. Der Zionismus habe dem Lande bereits schwere Schädigungen zugefügt. Eine der schlimmsten sei die öffentliche Unsittlichkeit. Es gebe jetzt öffentliche Häuser, die unter der türkischen Herrschaft verboten gewesen seien und z.B. allein in Jerusalem 500 Dirnen. Auch lebten einige der neubegründeten Ansiedlungen nach kommunistischen Grundsätzen extremster Art, die er nicht näher erläutern wolle. Die Zionisten hätten es vorzüglich verstanden, auf reiche Mittel gestützt, die Notlage der Bevölkerung für ihre egoistischen Interessen auszubeuten. Ihr Hauptaugenmerk richteten sie auf Landerwerb, wobei sie sich nicht scheuten, Ausfuhrverbote für landwirtschaftliche Erzeugnisse zu erlassen, um auf diese Weise auf die Besitzer einen unwiderstehlichen wirtschaftlichen Druck auszuüben

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und sie so zum Verkauf ihrer Äcker zu zwingen. Bei den Behörden fänden die Eingeborenen keinen Schutz, da diese sämtlich in der Hand der Zionisten seien. Am besten würden noch die Schismatiker behandelt, da diese den zionistischen Machenschaften den geringsten Widerstand entgegensetzten. Dagegen seien die Katholiken der Gegenstand einer systematischen Opposition. Die Anwendung der katholischen Gesetze stieße bei der Beamtenschaft auf hartnäckigen Widerstand und selbst die Gerichte ließen sich von ihrer Voreingenommenheit gegen alles Katholische beeinflussen. Die Protestanten dagegen, die eine dem Zionismus günstige Haltung einnähmen, könnten ungestört eine großzügige Propaganda entfalten. Es sei unumgänglich notwendig, schloß der Vortragende, dass die Rechte der Katholiken, ihre Kirchen und Schulen wirksam geschützt und dass die Katholiken der ganzen Welt endlich darüber aufgeklärt würden, was heute in Palästina vor sich gehe.

Der Patriarch hat sich von hier nach London begeben, um bei der britischen Regierung seine Beschwerden vorzubringen. Auf seiner Rückreise will er auch Deutschland besuchen.

Info:
Archivsignatur: Haltung des Vatikan zum Zionismus, Rom, 24. Mai 1922, Politisches Archiv des Auswärtigen Amtes, R72221.
Zitierweise: Haltung des Vatikan zum Zionismus, Rom, 24. Mai 1922, in: Viadrina Center B/Orders in Motion (Hrsg.): "Grenzen, Kriege und Kongresse. Die Neuordnung Ostmitteleuropas aus dem Erbe der Imperien, 1917-1923" - Ausgewählte Projektquellen, bearb. von Thomas Rettig. URL: https://www.borders-in-motion.de/web/grenzen-kriege-und-kongresse/dokumente-anzeige-seite (Zugriff am 13-12-2019)

Die Juden im Kriege, Den Haag, 1915

Die Juden im Kriege, Den Haag, 1915

Transkription:

Die Juden im Kriege

Inhalt:

1. Vorwort.

2. Denkschrift an die Arbeiterinternationale.

3. Sammlung von Dokumenten:

I. Russland und die Juden.

II. Polen und Juden.

III. Die Türkei und die Juden.

IV. Das jüdische Proletariat im Kampfe um die nationale Emanzipation.

Herausgegeben vom Verbandsbüro Den Haag 1915

Vorwort

Die Schrift, die wir der Internationalen Arbeitervereinigung unterbreiten, hat einen eng umschriebenen Zweck. Sie will die proletarische Öffentlichkeit über die Wirkungen der Kriegskatastrophe im Leben des jüdischen Volkes unterrichten. Dazu haben wir eine Reihe von Dokumenten gesammelt, die zum größten Teile keines Kommentars bedürfen. Die Sammlung ist keineswegs vollständig. Manche Schriftstücke, wie Geheimerlässe der militärischen und zivilen Behörden, sind während des Krieges überhaupt nicht erreichbar, andere Lücken sind auf die Schwierigkeiten des Verkehrs mit den kriegführenden Ländern zurückzuführen. Leider ist das Sammeln von jüdischen Kriegsdokumenten, die für die spätere Geschichtsschreibung von Bedeutung sind, noch nicht systematisiert, und wir sind erst in den letzten Monaten an die vorliegende Arbeit herangetreten. Wir haben nur Schriftstücke aufgenommen, die authentische Äußerungen oder Tatsachen enthalten und deren Richtigkeit durch ihren amtlichen Charakter oder durch die Stellung der Verfasser oder Sprecher verbürgt ist. Um den Standpunkt der Gegner des jüdischen Volkes oder jüdischer Forderungen zu kennzeichnen, haben wir den Gegnern selbst das Wort gegeben. Es war notwendig, die durch den Krieg mit elementarer Gewalt zutagegetretenen Widersprüche des jüdischen Lebens in einen ursächlichen Zusammenhang mit der Lage der Juden in den kriegführenden Ländern vor dem Kriege zu bringen. Die Denkschrift gibt diesen Überblick und, wie wir glauben, die notwendigen Aufklärungen über die Stellung des jüdischen Volkes zu seinen Nachbarvölkern. Dabei erhebt die Schrift keineswegs den Anspruch, eine Darstellung der Judenfrage in ihrer Gesamtheit zu geben. Dies war im Rahmen eines Memorandums über die aktuelle Situation nicht möglich, doch enthält es in einigen Teilen Erläuterungen, die unsere Auffassung der Judenfrage vorübergehend darlegen. Obwohl wir von der Lage der Juden in den einzelnen Ländern ausgegangen sind, so ergibt sich wohl aus der Denkschrift mit hinreichender Klarheit eine wichtige Tatsache — die Einheitlichkeit der Judenfrage in allen diesen Ländern. Es besteht ein tiefer Gegensatz zwischen den Daseinsbedingungen der Juden von Osteuropa bis Palästina(wir möchten hinzufügen — auch von Wilna bis Chicago) und ihren Bedürfnissen ökonomischer und kultureller Entwicklung. Der Krieg hat diesen tiefwurzelnden Gegensatz grell beleuchtet, er hat mit grausamer Deutlichkeit gezeigt, dass bei der Regelung der nationalen Fragen Europas und Vorderasiens nach dem Kriege die Judenfrage nicht umgangen oder verschwiegen werden darf. Die proletarische Internationale hat die

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historische Aufgabe, bei den Friedensverhandlungen auch in der Judenfrage das erlösende Wort des Rechtes und der Wahrheit auszusprechen.

Wir wissen, dass man in der Arbeiterbewegung Westeuropas den Versuchen, die tätige Sympathie des Proletariats für die Sache der Juden zu gewinnen, mitunter mit dem beklemmenden Gefühl gegenübersteht, man wolle die Sozialdemokratie in eine „Judenschutztruppe” verwandeln. Dass es aber nicht gerade ein Ehrentitel ist, sich für das verfolgte Volk der Juden einzusetzen — man erinnere sich auch an die Resolution des Internationalen Sozialisten-Kongresses in Brüssel, die den Philosemitismus genau so ablehnt, wie den Antisemitismus, — erklärt sich damit, dass man in der europäischen Arbeiterschaft die Judenheit nach ihrem geringen Bruchteil in Westeuropa zu beurteilen gewohnt ist. Daher die Vorstellung, die Juden seien eine Kaste von Finanzmännern, Kaufleuten und Industriellen, die man in konsequenter Bekämpfung aller Rassenvorurteile gegen Verfolgungen in Schutz nimmt, die aber mit dem Proletariat als Klasse in der Tat nichts gemein haben. Nichts wäre irriger, als das ganze Volk nach dieser plutokratischen Oberschicht zu beurteilen. Die Massen des jüdischen Volkes gehören dem um seine Existenz schwer kämpfenden arbeitenden Mittelstand und dem Proletariat an. Das ist zumeist unbekannt, soll daher mit einigen Zahlen erörtert werden.

Von 5.063.000 Juden, die in Russland (1897) gezählt wurden, ernährten sich 1.957.000 vom Handel. Ihnen standen 2.774.000 Juden gegenüber, die in Handwerk und Industrie (1.794.000), im Lohndienst aller Art (335.000), in freien Berufen (265.000), im Verkehr (201.000) und in der Landwirtschaft (179.000) beruflich tätig waren. Aber ebenso wie die "industrietätigen" Juden fast ausschliesslich schwer bedrängte selbstarbeitende Handwerker sind, sollte man sich die im Handel Beschäftigten nicht als wohlhabende Kaufleute vorstellen. Es sind zumeist armselige Händler und Krämer, die in steter Gefahr schweben, zu deklassierten Berufslosen herabzustürzen. Gehören also zumindest zwei Drittel der Juden Russlands zu den Schichten, die sich von der Arbeit ihrer Hände erhalten, so bildet das Proletariat mehr als ein Drittel der jüdischen Bevölkerung. Nach der offiziellen Statistik und privaten verlässlichen Zählungen waren im Jahre 1897 unter den Juden Russlands: mehr als 275.000 Gewerbe- und Industrie-Arbeiter, 175.000 im Lohndienst verschiedener Art, etwa 150.000 Handelsproletarier, also insgesamt 600.000 berufstätige Arbeiter; die Angehörigen hinzugerechnet, ergibt sich eine Arbeiterbevölkerung von 1,5 Millionen bis 1.800.000 Seelen. Seit dem Jahre 1897 haben sich die Verhältnisse nach allen Anzeichen eher im Sinne einer stärkeren Produktivierung und Vergrößerung des Lohnproletariats verschoben. Also ein Drittel der Juden Russlands gehört der Arbeiterschaft an.

Ähnlich liegen die Verhältnisse in Österreich, wo sich die im J. 1900 gezählten 1.225.000 Juden nach folgenden Berufen verteilen. Den 430.000 Handel treibenden Juden standen 676.000 gegenüber, die sich von Handwerk und

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Industrie (351.000), Lohndienst wechselnder Art (67.000), Verkehr (38.000), freien Berufen (80.000) und Landwirtschaft (140.000) ernährten. *) Was über den harten Lebenskampf des jüdischen Mittelstandes in Russlandgesagt wurde, gilt vielleicht in noch höherem Grade von dem jüdischen Massensiedlungsgebiet in Österreich—Galizien und der Bukowina. Auch in Österreich haben wir ein zahlreiches jüdisches Proletariat: 81.500 Handwerks- und Industrie-Arbeiter, 42.600 Handelsangestellte, 48.000 Lohnarbeiter verschiedener Art. Diese 172.000 Proletarier ergeben mit ihren Angehörigen eine Arbeiterbevölkerung von 350.000 bis 450.000 Köpfen, oder ein Drittel der JudenÖsterreichs.

Blicken wir über den Ozean, nach den Vereinigten Staaten, wo in drei Jahrzehnten das zweitgrößte jüdische Zentrum entstand, so finden wir noch größere jüdische Arbeitermassen konzentriert. Wenigstens 60 % der Einwanderer sind verdrängte Handwerksproletarier, die in den gewaltigen "jüdischen Nadelindustrien" aufgehen. So sind von den 2,5 Millionen seit 1881 neu eingewanderten Juden zumindest anderthalb Millionen Arbeiter in verschiedenen Industrien. In der Tat zählt man in Nordamerika gegen 350.000 organisierte jüdische Arbeiter (etwa eine Viertelmillion in New York allein), rechnet man die zumindest 150.000 noch nicht Organisierten und die Familienangehörigen hinzu, gelangt man zu demselben Resultat. Also die Hälfte der Juden Nordamerikas gehört zur Arbeiterklasse.

Wir wollen unsere Vorbemerkung mit trockenen Zahlen nicht beschweren. Die angeführten beweisen mit genügender Deutlichkeit, dass die Juden ein Volk von wirtschaftlich Schwachen, Bedrängten und von Proletariern sind. Darum war die jüdische Arbeiterbewegung stets eine hingebende Trägerin der sozialistischen Ideale und wurde, trotz ihrer Jugend, zu einem so bedeutenden Faktor in der jüdischen Volkspolitik; darum sehen große Massen des jüdischen Volkes in der Arbeiterinternationale ihren nächsten Freund und Anwalt. Man muss in der jüdischen Geschichte weit zurückgreifen, bis zu den Kreuzzügen oder dem letzten Todeskampf mit den Römern auf eigenem Boden, um Verwüstungen anzutreffen, wie sie dieser Weltkrieg im jüdischen Leben zurücklässt. Das jüdische Volk braucht die Freundschaft der Besten und Edelsten aller Völker, aber es hat sie auch verdient.

Note: *) In Russland gehören der Forst- und Landwirtschaft zum größten Teil Bauern (in Südrussland) an, in Österreich hingegen ist die Zahl der Gutspächter sehr bedeutend.

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allen Ortschaften mit merklicher jüdischer Bevölkerung an hunderttausenden unschuldigen, wehrlosen jüdischen Männern und Frauen. Greisen und Kindern. Die Einzelheiten sind zu entsetzlich, zu quälend, um hier dargestellt zu werden.

Russland hat seiner jüdischen Bevölkerung den Krieg erklärt und führt einen grausamen, erbarmungslosen Vernichtungskampf gegen ein Sechsmillionen-Volk. Die Ruchlosigkeiten und unmenschlichen Schandtaten der Armee und der Behörden konnten sogar von der russischen Zensur in der Presse nicht ganz unterdrückt werden: das Elend wälzte sich auf allen Straßen, schrie aus den versiegelten Vieh- und Lastwagen, in die man die jüdischen Vertriebenen sperrte, brachte wachsende Not und Krankheitsseuchen in die vorgeschriebenen Wohnorte, das Blut der unschuldig Hingerichteten und von Knutenhelden zu Tode Gepeitschten schrie nach Vergeltung. So kam die Wahrheit über die russische Grenze schon vor Monaten. Die Reden der Abgeordneten in der letzten Duma-Session brachten Enthüllungen und Feststellungen, die zu entkräften von der Regierungsbank gar nicht versucht wurde. Man weiß nicht, worüber man mehr staunen soll — über die Ungeheuerlichkeit der begangenen zahllosen Verbrechen, oder über die bodenlose Heuchelei und Unverfrorenheit der russischen Regierung, die von der Tribüne der Duma oder durch ihre Gesandten und Pressagenten im verbündeten und neutralen Ausland alle Judenverfolgungen bis nun skrupellos dementieren ließ. Ja, sie ließ amtlich verkünden, die Lage der russischen Juden hätte sich seit dem Kriegsbeginn gebessert! Es muss wahrheitsgetreu festgestellt werden, dass die reaktionäre Mehrheit der russischen Reichsduma die nach außen hin zweideutige, nach innen unwandelbar brutale Politik der Regierung verständnisvoll unterstützt; sie hat in ihrem Vertrauensvotum vom 5. August die jesuitische Einteilung der Bürger Russlands in treue und verdächtige akzeptiert, den Zusatzantrag der Opposition, der die Beseitigung aller Ausnahmegesetze gegen die nichtrussischen Völker forderte, abgelehnt und der Interpellation der sozialdemokratischen Fraktion und der Arbeitspartei über die Judenpolitik der Regierung die Dringlichkeit versagt. So sind die russischen Duma-Parteien von den „wahrhaft-russischen" Nationalisten bis zu den Oktobristen mitschuldig an dem Vernichtungsfeldzug ihrer Regierung gegen das jüdische Volk.

Die Geschichte kennt kein ähnliches Beispiel, dass ein Heer auf eigenem Boden, gegen die „eigenen Bürger" ärger als im Feindeslande wütet. Man schätzt die Zahl der Juden, die, von Haus und Hof vertrieben, sich auf die Wanderung begaben, auf anderthalb Millionen Seelen, die Gesamtzahl der durch die großfürstliche Rückzugsstrategie heimatlos gemachten Menschen schwankt nach verschiedenen Angaben zwischen 6 und 12 Millionen! Die gewaltige Flut der Flüchtenden und Vertriebenen hat schließlich den

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eisernen Ring gesprengt, in dem man die Juden Russlands niederhielt. Als alle Landstraßen von unübersehbaren Scharen obdachloser jüdischer „Flüchtlinge" überfüllt waren, als Tausende unter freiem Himmel kampierten, himmelschreiende Not und Seuchen in die Städte trugen, als zahllose Lastzüge mit verbannten Juden, abgesperrt und versiegelt, von einem Ort nach dem anderen herumgeschickt, von den Gouverneuren zur „Abladung ihrer Güter" nicht zugelassen und auf Nebengeleisen durch Wochen verschoben wurden, als all diese Vorgänge unmittelbar hinter der Front auch zu einer militärischen Kalamität wurden — da entschloss sich erst die russische Regierung, den Kerker der Ansiedlungszone, wohl nicht aufzuheben, aber zu erweitern. Das menschliche Naturrecht der Bewegungsfreiheit wurde den Juden keineswegs zugestanden, die „Tscherta” wurde lediglich erweitert. Die Luft Petrograds undMoskaus, des kosakischen Don-Gebietes oder der Residenzen des Zaren darf der Jude nach wie vor nicht atmen. Auch die Dörfer, das eigentliche Land, bleiben den Juden verbotenes Gebiet. Nur in den Mauern der Städte können sie sich nunmehr aufhalten.

So lautet der ministerielle Erlass. Es steht aber vorderhand fest, dass dieser „Gunst” der zarischen Regierung kaum beschieden sein wird, uneingeschränkt in die Praxis umgesetzt zu werden. Die Gouverneure revoltieren demonstrativ und machen den Regierungserlass durch Ausführungszusätze faktisch unwirksam. Und die niederen Vertreter des „Tschins", des Beamtentums, erklären öffentlich, dass sie den „Kampf" mit der Obrigkeit, die ihnen in einem plötzlichen Anfall von „Liberalismus” die unerschöpfliche Einnahmequelle der jüdischen Rechtlosigkeit entzog, nicht so bald aufgeben werden. In diesem Augenblick stehen die herumirrenden Juden, die im Vertrauen auf die „Reform” ihren Wohnsitz in russischen Städten aufschlagen wollten, vor denselben Mühseligkeiten und Demütigungen wie zuvor. Die Ausweisungen nehmen kein Ende und verschonen nach wie vor auch verwundete jüdische Soldaten nicht. Und all das — mehrere Wochen nach der angeblichen „Aufhebung der Tscherta”.

Kaum war die große „Reform”, die eigenartige Judenemanzipation verkündet, als russische Regierungssendboten schon an den Türen der jüdischen Hochfinanz in London und New York klopften, um die Belohnung für die so weitgehende Judenfreundlichkeit in klingender Anleihemünze zynisch zu verlangen. Da wurden erst die geheimnisvollen Konferenzen des Russisch-Amerikanischen Comités mit den russischen Ministern über die Judenrechte, sowie die Telegramme des Herrn Wischnegradsky an mächtige Finanzjuden in London verständlich. Massenhunger, Seuchen, sittlicher Verfall in seinen krassesten Auswüchsen, anderthalb Millionen jüdischer Frauen, Mädchen, Kinder, Greise in tiefster Verzweiflung, ganz am Rande des Lebensweges, der privaten Wohltätigkeit jüdischer Hilfskomitees überlassen —

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In der Bedrängnis wenden wir uns an die Sozialdemokraten der mit der Türkei verbündeten Staaten. Genau so, wie wir die Aufmerksamkeit der Sozialisten und Arbeiterparteien EnglandsFrankreichs und Italiens, insbesondere auf die Vorgänge in Russland lenken. Wir wissen nicht, ob eine freundschaftliche Einwirkung der mitteleuropäischen Mächte auf die Türkei und der Westmächte auf Russland zu greifbaren Ergebnissen führen würde. Aber die Regierungen von Mächten, die als Kulturstaaten betrachtet sein wollen, müssen erfahren, dass sie sich an allen Anschlägen gegen Recht und Freiheit mitschuldig machen, wenn sie ihre „Freunde" gewähren lassen. Dies müssen die Sozialisten aller Länder aussprechen, gleichgültig, ob sie auf die Regierung ihres Landes einen direkten oder indirekten Einfluss ausüben.

VII

Judenfrage und Internationale

Die Aufgabe der proletarischen Internationale besteht natürlich nicht bloß darin, die unmittelbaren Gefahren abzuwenden, die den Juden Russlands und Palästinas drohen. Wir erwarten von der Solidarität des internationalen Proletariats die Aufrollung der jüdischen Frage im Rahmen der nationalen Fragen, deren Lösung durch den Krieg unvermeidlich geworden ist. Trotz der großen Unterschiede der Kultur und der politischen Verhältnisse in Russland,PolenÖsterreich und der Türkei, ergibt sich aus unserem Überblick, dass die politischen Kämpfe, die die Existenz von neun Millionen Juden in diesen Ländern bedingt, nur einen Sinn haben. Es ist ein Kampf der herrschenden Gruppen der Nationen, in deren Mitte die Juden leben, gegen den Bestand und für die Verdrängung oder nationale Aufsaugung der jüdischen Minderheiten, während die jüdischen Volksmassen ihre nationale Eigenart mit dem Aufgebot aller Lebenskräfte, unter den schwersten ökonomischen und kulturellen Entbehrungen verteidigen und bewahren. In Übereinstimmung mit der überwiegenden Mehrheit der jüdischen Arbeiterschaft, und wir sind überzeugt, auch des gesamten jüdischen Volkes, verlangen wir das Recht der nationalen Selbstbestimmung für die jüdischen Minderheiten in allen Ländern. Wir fordern, vornehmlich in Nationalitätenstaaten, wo die Juden eine selbständige Kulturgemeinschaft bilden und ihr nationales Eigenleben zu erhalten bestrebt sind, rechtliche Bürgschaften für unseren nationalen Bestand und unsere ungehinderte Kulturentwicklung, Selbstverwaltung in nationalen Angelegenheiten und die nationale Rechtsgleichheit in Staats-, Landes und Stadtverwaltung. Wir wissen, dass die territoriale Zerrissenheit der Juden Schwierigkeiten besonderer Art bietet und Probleme bedingt, auf die wir hier nicht eingehen

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können. Es ist jedoch einleuchtend, dass die Formen nationaler Selbstverwaltung und des Rechtsschutzes für die jüdische Minderheit sich finden lassen, sobald der Grundsatz der nationalen Gleichberechtigung der Juden zugestanden ist. Wenn der bürgerlich-liberale Staat Mittel und Wege gefunden hat, das Problem der religiösen Duldung und der Autonomie der Glaubensgemeinschaften zu lösen, so wird der demokratische Volkstaat, dem wir uns nähern, die Kraft finden müssen, das verwickelte Problem des freien Bekenntnisses zur Nation und der nationalen Selbstverwaltung in Nationalitätengebieten zu lösen. Obwohl in diesem Prinzip schon enthalten, so muss noch insbesondere das Recht der Juden auf freie Einwanderung, Ansiedlung und nationale Gliederung und Entfaltung in Palästina und den angrenzenden Ländern ausdrücklich ausgesprochen werden. Wir fordern gewiss nichts Ungewöhnliches. Nur die Anwendung der allgemeinen Grundsätze des nationalen Rechtes, wie es von der Internationale stets verkündet und vertreten wurde, auch auf die jüdischen Volksmassen. Sie siedeln zumeist in Gebieten, wo nationale Interessen mehrerer Völkerschaften sich berühren oder zusammenstoßen. Es ist nur ein billiges Verlangen, dass die Lebensfragen von neun Millionen unmittelbar betroffenen Juden in den Bereich der Politik der proletarischen Internationale eingeschlossen werden, wie die polnische oder ukrainische, lettische oder armenische Frage. Dabei ist die Judenfrage nicht nur ein europäisches Problem, sie ist eine Weltfrage, die in die ökonomischen und politischen Interessen vieler Staaten tief eingreift.

Diese Aufgaben des Sozialismus und der Demokratie gegenüber dem jüdischen Volke, mögen sie auch selbstverständlich scheinen, müssen deutlich umschrieben werden. Denn bis jetzt schien in der sozialistischen Internationale eine Auffassung der Judenfrage vorherrschend zu sein, die den Lebensbedürfnissen der arbeitenden Massen des jüdischen Volkes geradezu widerspricht. Man hat in der sozialistischen Bewegung in der Judenfrage vielfach die bürgerlich-liberale, assimilatorische Ideologie kritiklos übernommen. Wir haben gesehen, dass die Auflösungstendenz ein Ergebnis des ökonomischen und sozialen Anschlusses der jüdischen Bourgeoisie an die herrschenden Klassen ihres Interessengebietes ist. Dass sie in weiterer Folge die aus dem jüdischen Bürgertum hervorgegangene Intelligenz ergriff und durch sie auch die Anfänge der jüdischen Arbeiterbewegung beeinflusste, ändert nichts an der Tatsache ihres plutokratischen Ursprungs und Charakters. Der Kampf für die „bürgerliche Emanzipation” der Juden, an dem auch die Sozialisten aller Länder teilnahmen, hat sich mit dem Aufstieg der jüdischen Volksmassen und dem politischen Eingreifen des jüdischen Proletariats in einen Kampf gegen die nationale Emanzipation der Juden gewandelt. Es ist kein Zufall, dass die Genossen Dr. Diamand und Dr. Liebermann, Mitglieder des polnischen sozialdemokratischen Klubs des österreichischen Reichsrats, sich mit den

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reaktionärsten Vertretern der jüdischen Plutokratie Galiziens zu einer assimilatorischen Deklaration über die polnisch-jüdische Frage zusammenfanden. Diese Koalition ist geradezu symbolisch und im Wesen dieser volksfremden Strömung begründet. Darum erwarten wir von der sozialistischen Internationale die ausdrückliche Anerkennung des Rechtes des jüdischen Volkes auf Existenz und Entwicklung, sowie auf Schutz gegen gewaltsame Assimilation.

Um ihre Stimme für das nationale Recht der Juden erheben zu können, muss die Internationale Arbeiter-Assoziation die Achtung vor der nationalen Individualität der Juden in ihrer eigenen Organisation zum Ausdruck bringen. In den Vertretungskörperschaften der Sozialistischen Internationale muss der jüdischen Arbeiterschaft das Recht auf eine nationale Sektion zugestanden werden, ebenso wie anderen Völkern, die keine staatliche Selbständigkeit mehr besitzen oder mehreren Regierungen unterworfen sind. In dem Beschluss (vom 4. März 1906) über die Vertretung bei internationalen Kongressen und im Internationalen Büro wird als Nation eine Bevölkerungsgruppe bezeichnet, „deren Streben nach Selbständigkeit und deren geistige Einheit als Folge einer langdauernden historischen Tradition anzusehen sind, mag sie unter einer oder verschiedenen Regierungen stehen." Die Verfasser dieser Formel haben dabei sicherlich nicht an das jüdische Volk gedacht, aber es kann kaum bestritten werden, dass sie den Anspruch auf eine jüdische Sektion in der proletarischen Internationale auch formell begründet. Die Zugehörigkeit der jüdischen sozialistischen Parteien zu dieser Sektion kann nicht von ihren Auffassungen in der Judenfrage abhängig gemacht werden, solange sie den allgemeinen Grundsätzen des internationalen Sozialismus nicht widersprechen. Sollte es bei den ersten Schritten zur Wiederaufnahme der internationalen Verbindungen nicht möglich sein, diese dringende Reform durchzuführen, dann muss jedenfalls an den Beratungen der sozialistischen und Arbeiterparteien aller Länder über die Friedensaktion des Proletariats, sei es im Internationalen Büro, oder bei einem außerordentlichen internationalen Kongress, eine besondere Delegation der jüdischen sozialistischen und gewerkschaftlichen Organisationen teilnehmen. Nur eine derartige Sondervertretung des jüdischen Proletariats aller Länder wird die Internationale über die Lage und die Forderungen des jüdischen Volkes in den verschiedenen Ländern unterrichten können. Und nur die Willenskundgebung einer derartigen umfassenden jüdischen Vertretung kann die Grundlage für eine politische Aktion der Internationale bilden.

Die Hoffnungen der jüdischen Arbeiterschaft sind mit der Friedensaktion des internationalen Proletariats verknüpft. Der Krieg hat gezeigt, dass die arbeitenden Massen im Kriege, wie im Frieden, die unentbehrliche Grundlage der Gesellschaft und ihrer staatlichen Organisation bilden. Ohne Teilnahme des Proletariats, nicht auf den Schlachtfelden allein, sondern in

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Kohlengruben und Hüttenwerken, im Verkehrwesen und in der Erzeugung der Kriegsmittel, ist die moderne Kriegführung undenkbar. Auf dieser Unentbehrlichkeit beruht die unüberwindliche Macht der Arbeiterschaft. Sie wird sie schliesslich gebrauchen im Sinne der Menschlichkeit, Freiheit und eines baldigen Friedens, der keine Keime zu neuen Völkerkonflikten enthält. Das kann nur erreicht werden, wenn dem völkerunterjochenden Imperialismus die Lösung der nationalen Fragen auf der Grundlage freier Selbstbestimmung und demokratischen Rechts entgegengestellt wird. Der sozialistische Staatenbund kann nur eine Föderation freier und gleicher Völker sein.

Den Haag, im November 1915.

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nicht akzeptiert, wird sich das Nationale Arbeiterkomitee an dem Kongress nicht beteiligen und von der Konferenz zurückziehen. Die einzelnen Organisationen, aus denen sich das Komitee zusammensetzt, haben dann die Freiheit, nach ihrer Einsicht und nach ihren Grundsätzen zu handeln.

Resolution der allgemeinen Konferenz der jüdischen Arbeiterorganisationen Englands

Abgehalten am 12. September 1915 in Leeds. 1)

Das jüdische Proletariat als Teil eines Volkes, das infolge seiner abnormen nationalen, politischen und ökonomischen Lage durch Kriege am meisten zu verlieren hat, hat den inbrünstigen Wunsch, dass das Blutvergießen zwischen den Mächten ehestens ein Ende nehmen soll.

Die jüdische Arbeiterschaft wünscht ferner von tiefstem Herzen und wird auch daran mitwirken, dass die sozialistische Internationale mit der größten Beschleunigung wieder aufgebaut wird, um ihre große Mission erfüllen zu können, die Völker zu verbrüdern, eine demokratische Lösung des europäischen Konflikts herbeizuführen, den Kampf für die Befreiung des Proletariats vom kapitalistischen Joch fortzusetzen, um den erhabenen sozialen Zustand zu schaffen, der Kriege unmöglich machen wird.

Da England, das Volk der Demokratie, Hand in Hand mit Russland geht, der reaktionärsten Macht Europas, die die kleinen Nationen und insbesondere die Juden am meisten unterdrückt, fordern wir das englische Volk und insbesondere das englische Proletariat auf, ihre Regierung zu bewegen, nicht zuzulassen, dass Russland seine eigene Bevölkerung verschiedener Nationalitäten unterdrückt und misshandelt, dass es insbesondere mit der Verfolgung von Juden und der Veranstaltung von Pogromen aufhören soll.

Wir erklären es ferner als die Pflicht der Völker, ihre Regierungen dahin zu beeinflussen, dass die europäischen nationalen Fragen auf demokratischer Grundlage gelöst werden, im Sinne der Sicherung und Beschützung der Rechte der unterdrückten Völker, sowie der nationalen Minderheiten, überall und ausnahmslos. Darum verlangen wir die volle Gleichberechtigung der Juden in RusslandRumänien und allen anderen Ländern, wo sie entrechtet sind, Abschaffung der Beschränkungen für Einwanderung und Ansiedlung in Palästina, sowie in allen anderen Ländern.

Resolution der jüdischen Arbeitervereine in Warschau bezüglich der jiddischen Schulsprache

Auf einer Versammlung der Vorstände sämtlicher jüdischer Arbeitervereine in Warschau wurde folgende Resolution bezüglich der Unterrichtssprache in der jüdischen Volksschule gefasst und dem Warschauer Bürgerkomitee unterbreitet:

„Vom Standpunkt ausgehend, dass die jüdische Volksschule national sein muss, d. h. dass die Schulsprache nur die Muttersprache der Schüler

Note: 1) Die Londoner Arbeiterschaft war durch Delegierte des Arbeiterverbandes für jüdische Rechte vertreten.

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sein dürfe; dass ferner das Schulprogramm und die Unterrichtsmethoden der Eigenart der Verhältnisse des volkstümlichen Milieus angepasst sein müssen, dass die Schule dem Volke allein gehören müsse, und in Anerkennung der Tatsache, dass die 300.000 Juden Warschaus eine besondere, vollberechtigte nationale Gruppe darstellen — erklärt die Versammlung, dass die kulturellen Interessen der Mehrheit der jüdischen Bevölkerung nur durch die jüdische Schule befriedigt werden können. Die Unterrichtssprache muss jiddisch sein, und der polnischen Sprache muss als Landessprache ein gebührender Platz als Unterrichtsgegenstand in der jüdischen Schule eingeräumt werden. Die Schule muss einen weltlichen Charakter haben, obligatorisch und unentgeltlich sein.

In Anbetracht der Tatsache, dass die bestehenden jüdischen Chadarim nach ihrem Inhalt und Geist in einem scharfen, unaufhebbaren Widerspruch mit den Bedürfnissen des modernen gesellschaftlichen Lebens und der elementaren Forderungen einer nationalen Pädagogik sich befinden, dass sie, zur Erfüllung rein religiöser Aufgaben bestimmt, den Interessen der Volksbildung nicht dienen, — erklärt die Versammlung, dass ein neues jüdisches Schulwesen geschaffen werden muss.

Die Forderung der Versammlung geht dahin, dass das Bürgerkomitee einen jüdischen Schulrat ins Leben rufe, dessen Mitglieder durch die Vertreter der jüdischen Bevölkerung gewählt werden. Diese Schulbehörde soll mit der Schaffung und der Verwaltung der neuen jüdischen Volksschulen beauftragt werden.

Der Warschauer jüdischen Gemeindeverwaltung als antidemokratischer, unvolkstümlicher Institution, die den wahren kulturellen Interessen der jüdischen Massen fremd gegenübersteht und keineswegs die legitime Volksvertretung repräsentiert, — kann diese Arbeit nicht anvertraut werden. Dem jüdischen Schulrat muss ein entsprechender Teil der vom Bürgerkomitee für Schulzwecke bestimmten Geldmittel zur Verfügung gestellt werden.

Die Versammlung fordert das Bürgerkomitee auf, das Prinzip einer obligatorischen, unentgeltlichen Volksschule auch auf die jüdischen Schulen auszudehnen, so dass den Eltern die Möglichkeit freistehen soll, nach ihren Wünschen ihre Kinder in jüdische oder polnische Schulen zu schicken."

Info:
Archivsignatur: Die Juden im Kriege, Den Haag, 1915, Politisches Archiv des Auswärtigen Amtes, Bern 863.
Zitierweise: Die Juden im Kriege, Den Haag, 1915, in: Viadrina Center B/Orders in Motion (Hrsg.): "Grenzen, Kriege und Kongresse. Die Neuordnung Ostmitteleuropas aus dem Erbe der Imperien, 1917-1923" - Ausgewählte Projektquellen, bearb. von Thomas Rettig. URL: https://www.borders-in-motion.de/web/grenzen-kriege-und-kongresse/dokumente-anzeige-seite (Zugriff am 13-12-2019)

Bevorstehende Aktionen des Komitees der jüdischen Delegationen, Paris, 12. März 1920

Bevorstehende Aktionen des Komitees der jüdischen Delegationen, Paris, 12. März 1920

Transkription:

Comité des délégations juives auprès de la conférence de la paix.

10, Place Edouard VII Paris.

Paris, den 12. März 1920.

Communiqué - Die momentan bevorstehenden Aktionen des Komitees der jüdischen Delegationen

Das Komitee der jüdischen Delegationen hielt unter Vorsitz des Generalsekretärs Motzkin in der letzten Woche mehrere sehr wichtige Sitzungen ab, an denen auch einige auswärtige Mitglieder (so Redakteur Idelsohn -LondonGoldstein - London, Abgeordneter Grünbaum - Warschau, etc.) und eine Reihe von Gästen, die mit öffentlichen Missionen betraut waren, teilnahmen. Auf Grund eingehender Berichte über die Lage in den einzelnen Ländern und über die Arbeiten des Komitees, wurde sowohl der momentane Zustand als die Absichten des Komitees mit Bezug auf die nächste Zukunft einer gründlichen Analyse unterzogen. Es stellte sich von neuem heraus, dass das Komitee noch Monate hindurch die Aktionen, welche im Zusammenhang mit der Friedenskonferenz stehen, zu vollbringen haben wird. Andererseits ging aus zahlreichen schriftlichen Kundgebungen und mündlichen Erklärungen hervor, von welcher Bedeutung das Komitee der Delegationen für die schweren Kämpfe der Juden in den Ländern selbst geworden ist; aus mehreren Orten erklang direkt oder indirekt durch vorangegangene Besprechungen in London und durch die Verhandlungen in den genannten Sitzungen, der Alarmruf, dass das Komitee auf keinen Fall ein Vakuum hinterlassen solle.

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Mehrere der Gäste hatten Gelegenheit, über ihre öffentliche Missionen, die mit der Lage der Juden in den Ländern der großen Katastrophen verbunden sind, zu berichten. So war von großem Interesse der ausführliche Bericht, welchen die Herren Massel und Kamaiky, die als Vertreter des Hebrew Sheltering and Immigrant aid Society of America nach PolenGalizienLitauen und Rumänien sich begeben, über ihre Aufgaben erstattet haben. Gegenüber dieser einzigartigen Mission, die Familien von Zehntausenden Juden, die aus PolenUkraineLitauen etc. schon vor dem Krieg nach Amerika übergesiedelt waren, zu den Ernährern jenseits des Ozeans hinüberzubringen, äußerte das Komitee seine besonderen Sympathien und beschloss nach einer sehr eifrigen Besprechung das Werk der beiden Abgesandten durch seine Beziehungen in jeder Weise zu fördern.

In einer späteren Sitzung wurde ein Bericht der ostgalizischen Delegation entgegengenommen, bestehend aus den Herren Dr. PachtmannDirektor Eisler, Redakteur Frostig und Dr. Tenenbaum über ihre Reise nach Amerikazwecks Rekonstruktion des jüdischen Wirtschaftslebens von Ostgalizien. Auch anlässlich der Diskussion über dieses Problem zeigte sich, wie wichtig die allgemeine jüdische Hilfskonferenz ist.

Auf Grund einer vom Generalsekretär vorgenommenen Zusammenfassung der Einzelheiten über den jetzigen Stand der Arbeiten für die Hilfskonferenz konnte die Beziehung des Judentums gegenüber dem Plan also formuliert werden. Fast sämtliche demokratischen und nationalen Elemente des jüdischen Volkes betrachten die Hilfskonferenz als eine Lebensnotwendigkeit. Insgesamt waren bislang 45 Hilfskomitees, 5 Gemeindeverbände, in deren Programm Hilfsarbeit eingeschlossen ist, 2 jüdische Kongresse, 4 Nationalräte und 5

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allgemeine jüdische Organisationen (Alliance IsraéliteJewish Colonisation AssociationZionistische OrganisationAgudas IsroelBnei Brith), also lauter Organisationen, die indirekt auf das Hilfswerk seinen Einfluss ausüben, eingeladen worden. Ungeachtet des Umstandes, dass eine gewisse Anzahl Organisationen, die in weiter Ferne funktionieren, die Einladungen überhaupt noch nicht haben beantworten können, steht auf Grund der bisherigen Erfahrungen schon heute Folgendes fest: Schon in diesem Stadium sind dreiundfünfzig Delegierte zur Konferenz angemeldet und von einer Reihe anderer Organisationen, deren Teilnahme außer Zweifel steht, sind weitere zwanzig Delegierte zu erwarten. Ein Dutzend weiterer Delegierungen sind sodann nur bedingt angekündigt, aber auch deren Teilnahme ist mehr als wahrscheinlich. Ablehnend haben bis jetzt nur einige Organisationen geantwortet, aber es muss gleich bemerkt werden, dass diese Organisationen im wirtschaftlichen Leben des Judentums eine ungeheuere Rolle spielen und über außerordentliche Machtmittel verfügen, weswegen auf ihre Teilnahme ein großes Gewicht gelegt wird. Es handelt sich um das American Jewish Relief Committee, um die Alliance Israélite und die Jewish Colonisation Association.

Gleichwohl würden auch schon heute die circa achtzig Delegierte, welche mit Bestimmtheit an der Hilfskonferenz teilnehmen wollen und sich aus fast allen Ländern (darunter auch Vereinigte StaatenSüdafrikaKanada) rekrutieren, ganz hervorragende Finanzmittel repräsentieren, und andere materielle Machtfaktoren hervorrufen.

Gleichzeitig ist auf Grund der letzten Berichte, welche von dem Abgesandten des Komitees, Dr. Salkind , auf Grund seiner

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energischen Tätigkeit, aus Amerika eingelaufen sind zu hoffen, dass auch diejenigen amerikanischen Organisationen, die sich gegenüber der allgemeinen jüdischen Hilfskonferenz ablehnend verhalten, schließlich ihre Gesinnung ändern und auf den Plan eingehen werden, der ebenso eine Notwendigkeit ist, wie er den Volkswillen der Juden wiederspiegelt.

In den Beratungen des Komitees herrschte im allgemeinen mit Bezug auf die Hilfskonferenz eine sehr optimistische und entschiedene Stimmung: Dies kam in einer Resolution zum Ausdruck, welche nochmals das Festhalten an der Hilfskonferenz betont und nur hinsichtlich des Zeittermins kleine Zugeständnisse eventuell sanktioniert, einen Aufschub über den Juni hinaus jedoch nicht zulässt. Die zahlreichen Zustimmungserklärungen, welche sodann zur Kenntnis des Komitees gebracht wurden, bewiesen von neuem, dass das Komitee mit seiner Losung nur einem dringenden Bedürfnis nachgekommen ist.

An diesen wichtigen Verhandlungen sowie an den anderweitigen Beratungen nahm einen sehr aktiven Teil auch der Deputierte des polnischen SejmsGrünbaum, der sich vorübergehend in Paris aufhält.

Was die speziellen Formen der künftigen Organisation des Waad Haarazoth anbetrifft, so wurde mit Rücksicht auf die Abwesenheit des Präsidenten, des Herrn Sokolow, der wegen dringender politischer Aktionen mit Bezug auf Palästina und wegen spezieller Aufgaben des Komitees vor der Friedenskonferenz in London zurückgehalten wird, davon Abstand genommen, die endgültige Entscheidung zu treffen. Einhellige Zustimmung fand indes eine Resolution, welche lautet:

Die Plenarsitzung des Komitees der jüdischen Delegationen beschließt, dass das Komitee unverzüglich an die Aktionen zugunsten der Verwirklichung des Waad Haarazoth heran

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treten soll. Die weitere Bestimmung der daranzielenden Schritte soll erst nach Rückkehr des Präsidenten festgelegt werden.

Bei dieser Gelegenheit wurde sodann beschlossen, dass Anfang Juni diejenige Plenarsitzung stattfinden soll, welche endgültig über den ganzen Komplex der noch ausstehenden Fragen über den Übergang des Komitees der jüdischen Delegationen zum Waad Haarazoth usw. Beschlüsse fassen soll.

In organisatorischer Richtung ist beschlossen worden, einige durchgreifende Reformen in der nächsten Zeit vorzunehmen.

Mit Rücksicht auf das Anwachsen der Arbeiten des Sekretariats, der Pressearbeit usw. wurde beschlossen, eine Verteilung der Arbeit in einzelne Ressorts durchzuführen. Als Objekte für diese Ressorts sollen folgende Gegenstände in Betracht kommen:

Pressearbeit, politisch-juristische Abteilung, Vorbereitung der Hilfskonferenz, Schaffung des Waad Haarazoth.

Das Komitee war aufs tiefste betrübt durch die beunruhigenden Botschaften aus Palästina. Auf Grund von zwei Telegrammen Ussischkins aus Jaffa wurde konstatiert, dass die Situation in dem von den Franzosen okkupierten Gebiet Palästinas, in Nordgaliläa, eine kritische ist. Mit um so größerer Zufriedenheit nahm die Beratung nochmals von den früheren Erklärungen Dr. Weizmanns Kenntnis, welche dieser noch vor dem Einlaufen der traurigen Nachrichten hinsichtlich seiner Reise nach Erez Israel zu Anfang der Beratungen abgegeben hatte. Seine damalige Erklärung, dass das Hauptziel seiner Reise die Regelung der arabisch-jüdischen Verhältnisse sei, und sein dazugegebener Kommentar, dass gerade in den jüngsten Tagen neue Perspektiven sich dafür eröffnet haben, waren für das Komitee nach den inzwischen eingelaufenen Nachrichten um so tröstlicher.

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Aus den verschiedenen Mitteilungen des Sekretariats war vom Interesse die Mitteilung darüber, dass das Komitee demnächst neue Mandatare aus Südrussland (Wladimir TemkinDr. Schwarzmann, den Vorsitzenden der Odessaer jüdischen Gemeinde, und andere) die bereits in Konstantinopel angelangt sind, sowie andere Mandatare zu erwarten haben.

Schließlich gelangte zur Kenntnis des Komitees das interessante letzte Schreiben des tschechoslowakischen jüdischen Nationalrates. Darin wurde das Komitee informiert, dass dank den Verhandlungen, welche das Komitee der jüdischen Delegationen, sowie die speziell herübergekommene tschechoslowakische jüdische Delegation in Paris mit der Vertretung des tschechoslowakischen Staate vor der Friedenskonferenz im Herbst 1919 gepflogen hatte und dank den daran sich anschließenden Arbeiten in Paris und Prag die jüdische Nationalität als nationale Minderheit in der Tschechoslowakei anerkannt worden sei. Diese Anerkennung ist im Motivenbericht zu dem von dem Parlament genehmigten Gesetzentwurf der tschechoslowakischen Regierung mit Bezug auf die Minoritätsfragen enthalten. Das Komitee nahm diesen Bericht des jüdischen Nationalrates von Tschechoslowakien und seinen speziellen Dank an das Komitee mit der grössten Genugtuung entgegen.

Info:
Archivsignatur: Die momentan bevorstehenden Aktionen des Komitees der jüdischen Delegationen, Paris, 12. März 1920, Litauisches Staatsarchiv, LCVA_620_1_10.
Zitierweise: Bevorstehende Aktionen des Komitees der jüdischen Delegationen, Paris, 12. März 1920, in: Viadrina Center B/Orders in Motion (Hrsg.): "Grenzen, Kriege und Kongresse. Die Neuordnung Ostmitteleuropas aus dem Erbe der Imperien, 1917-1923" - Ausgewählte Projektquellen, bearb. von Thomas Rettig. URL: https://www.borders-in-motion.de/web/grenzen-kriege-und-kongresse/dokumente-anzeige-seite (Zugriff am 13-12-2019)

Jüdischer Nationalrat Kowno, Kowno, 3. Februar 1920

Jüdischer Nationalrat Kowno, Kowno, 3. Februar 1920

Transkription:

Jüdischer Nationalrat Kowno.

Kowno,den 3.Februar 1920.

An die Herren Dr. Dr. M. HildesheimerA. HantkeB. KahnBerlin.

Sehr geehrte Herren!

Wie Ihnen wohl aus dem Briefe des Herrn Minister Dr. Soloweitschik bekannt sein wird, hat sich der jüdischer Nationalrat bereits konstituiert und seine Arbeit begonnen.

Wir bitten Sie daher, die sich bei Ihnen befindlichen für die jüdische Bevölkerung Litauens bestimmten Hilfsgelder uns gefl. überweisen zu wollen. Wir bitten Sie das Geld auf das Konto des Herrn Dr. N. Ravchmilewitsch in dieLeopold Hamburger Bank Berlin eintragen zu wollen.

Indem wir Ihnen in voraus bestens danken, zeichnen wir mit vorzüglicher Hochachtung

Präsident des Nationalrates

Leiter der ökonomischen Sektion des Nationalrates.

Info:
Archivsignatur: Jüdischer Nationalrat Kowno, Kowno, 3. Februar 1920, Litauisches Staatsarchiv, LCVA_620_1_5.
Zitierweise: Jüdischer Nationalrat Kowno, Kowno, 3. Februar 1920., in: Viadrina Center B/Orders in Motion (Hrsg.): "Grenzen, Kriege und Kongresse. Die Neuordnung Ostmitteleuropas aus dem Erbe der Imperien, 1917-1923" - Ausgewählte Projektquellen, bearb. von Thomas Rettig. URL: https://www.borders-in-motion.de/web/grenzen-kriege-und-kongresse/dokumente-anzeige-seite (Zugriff am 13-12-2019)

Die jüdischen Delegationen in Paris über den Schutz der nationalen Minderheiten, 26. Juni 1919

Die jüdischen Delegationen in Paris über den Schutz der nationalen Minderheiten, 26. Juni 1919

Transkription:

No. 14 K. f. d. O. [Komitee für den Osten]26. Juni 1919

Denkschrift der jüdischen Delegationen in Paris über den Schutz der nationalen Minderheiten

Das „Comité des Délégations Juives auprès de la Conférence des Paix“ hat am 12. Juni eine in französischer und englischer Sprache abgefasste Denkschrift über den Schutz der Minderheiten und die Schadenersatzforderungen für die Pogromopfer der Friedenskonferenz überreicht. Wir sind nunmehr in der Lage, diese Denkschrift, die in ihrem wichtigsten Teile bereits Ende April den Friedensdelegationen AmerikasEnglandsFrankreichs und Italiens zur Kenntnis gebracht wurde und als Grundlage der seitherigen Verhandlungen diente, im authentischen Wortlaut zu veröffentlichen.

An Ihre Exzellenzen

den Herrn Präsidenten und die Herren Delegierten der Friedenskonferenz!

Das „Comité des Délégations auprès de la Conference de la Paix“, welches im Namen der verschiedenen unterzeichneten Organisationen handelt und für neun Millionen Juden eintritt, hat die Ehre, Ihnen nachstehende Vorschläge zu unterbreiten, die den Schutz der verschiedenen nationalen, religiösen, ethnischen oder sprachlichen Minoritäten BulgariensEstlandsFinnlandsGriechenlandsLitauensPolensRumäniensRusslandsTschecho-Slowakiens, derUkraineJugoslawiens und anderer Länder Ost- oder Zentral-Europas zum Gegenstand haben und bittet Sie, sie gefälligst in die betreffenden Friedensverträge einzubeziehen, welche den Niederschlag Ihrer Beschlüsse bilden, wobei das Recht vorbehalten bleiben soll, all diejenigen Modifikationen vorzuschlagen, welche mit Rücksicht auf die speziellen Bedingungen, die in mehreren der oben aufgeführten Länder bestehen, notwendig werden könnten.

I.

Staat ... übernimmt den alliierten und assoziierten Mächten gegenüber nachstehende Verpflichtungen, deren internationalen Charakter er anerkennt und der Gerichtsbarkeit der Liga der Nationen unterstellt:

§ 1. Ohne irgend welche rechtliche oder andere Verfahren anerkennt und erklärt der Staat ... als vollberechtigte Bürger:

a) alle Personen, welche auf dem Territorium, das durch diesen Vertrag dem Staate ... zuerkannt wurde, geboren sind, welche bisher in keinem anderen Lande naturalisiert worden sind und welche zu irgend einer Epoche seit dem 1. August 1909 auf diesem Territorium residiert haben oder domiziliert waren, oder welche ihre Verbindungen mit diesem Territorium seit dem angeführten Datum durch Pass bewahrt haben, der ihnen durch den jetzigen oder früheren Staat ausgefolgt wurde;

b) alle Personen, welche dieses Territorium am 1. August 1914 bewohnten;

c) alle Personen, welche später in ... geboren werden und dessen Gerichtsbarkeit unterstehen.

Jeder, der zu den Kategorien a) und b) gehört, kann im Verlaufe von 2 Jahren nach dem Inkrafttreten des gegenwärtigen Vertrages für seine frühere Bürgerschaft optieren.

§ 2. Staat ... erklärt, dass alle seine Bürger gleiche zivile, religiöse, nationale und politische Rechte genießen werden ohne Unterschied der Geburt, der Rasse, der Nationalität, der Sprache oder der Religion und verpflichtet sich, das Leben, die Freiheit und das Eigentum aller seiner Einwohner zu schützen und ihnen Freiheit zuzusichern in allem was die Religion betrifft und die nach Außen hin freie Ausübung des damit verbundenen Kultus.

§ 3. Keines der oben angeführten Rechte kann vermindert werden, kein Ausschluss, keine Unfähigkeit oder Beschränkung kann durch das Gesetz oder auf andere Weise aus Rassen-, Nationalitäts- oder Religionsgründen ausgesprochen werden, noch kann der gleiche Schutz der Rechte irgend jemandem verweigert werden. Alle gegenteiligen Gesetze, Dekrete oder Verfügungen sind hiermit widerrufen.

§ 4. Das Recht einer Person, sich der Sprache oder der Sprachen einer nationalen Minderheit des Staates ... im Handel, Privatgebrauch, öffentlichen Versammlungen und in der Presse, ebenso wie vor den verschiedenen Gerichtshöfen zu bedienen, sei es mündlich oder schriftlich, kann nicht beschränkt werden; keine nationale Minderheit kann gehindert werden, sich ihrer Sprache in Schulen oder anderen Institutionen zu bedienen, noch kann die Gültigkeit eines Aktes oder eines Dokumentes mit Rücksicht auf die Sprache, in der es verfasst ist, in Frage gestellt werden. Die Schulen, welche sich der Sprache einer nationalen Minderheit bedienen, genießen, vorausgesetzt dass ihr Programm dem allgemein angenommenen Programm entspricht, die gleichen Rechte wie die anderen Schulen gleichen Grades. Alle bestehenden, den Sprachgebrauch betreffenden Beschränkungen, sind widerrufen.

Staat ... anerkennt die verschiedenen nationalen Minderheiten seiner Bevölkerung als ebenso viele verschiedene und autonome Organisationen bildend, welche als solche gleiche Rechte haben, Schulen und andere religiöse, Erziehungs-, Wohltätigkeits- und soziale Institutionen zu gründen und zu verwalten.

Jeder kann durch eine ausdrückliche Erklärung aus der Minderheit, welcher er angehört, austreten.

Nach dem Wortlaut der Artikel dieses Kapitels bildet die jüdische Bevölkerung von ... eine nationale Minderheit, welche alle Rechte, die darin angeführt sind, genießt.

§ 6. Staat ... genehmigt, dass je nachdem die Errichtung und der Unterhalt der Schulen und anderer Religions-, Erziehungs-, Wohltätigkeits- oder sozialer Institutionen zu Lasten eines Staates, Departements, Gemeinde oder eines anderen Budgets gehen, die aus öffentlichen Fonds bezahlt werden, jeder nationalen Minderheit eine proportioneile Quote dieser Fonds gewährt wird, die jeweils in dem betreffenden Gebiet nach dem Verhältnis der Ziffer der Minorität zur Globalziffer der Bevölkerung zugestimmt wird. Außerdem haben die Organe jeder nationalen Minorität das Recht, den Mitgliedern dieser Minorität obligatorische Steuern aufzulegen.

§ 7. Staat ... erkennt jeder nationalen Minderheit das Recht zu, in einer gewissen Proportion zur Bildung der verschiedenen Wahlkorporationen des Staates, des Departements, der Gemeinde oder anderer Korporationen beizutragen. Diese Proportion wird in jedem Bezirk bestimmt durch das numerische Verhältnis der Minderheit zur Gesamtziffer der Bevölkerung. Diese Vertreter werden durch unabhängige Wahlkollegien gewählt oder durch andere gleiche Methoden, welche diesen Minoritäten die gleiche nationale proportionelle Vertretung sichert.

§ 8. Die Personen, welche einen anderen Tag als den Sonntag zum Ruhetag haben, können nicht gezwungen werden, an diesem Tage oder an ihren anderen Feiertagen eine Arbeit zu verrichten, welche ihre Religionsgesetze als Vergehen bezeichnen; sie sind auch nicht gehindert, an einem Sonntag oder an anderen Festtagen ihren Geschäften nachzugehen.

Info:
Archivsignatur: Denkschrift der jüdischen Delegationen in Paris über den Schutz der nationalen Minderheiten, o.O., 26. Juni 1919, Bundesarchiv Berlin, R901 /87275.
Zitierweise: Die jüdischen Delegationen in Paris über den Schutz der nationalen Minderheiten, 26. Juni 1919, in: Viadrina Center B/Orders in Motion (Hrsg.): "Grenzen, Kriege und Kongresse. Die Neuordnung Ostmitteleuropas aus dem Erbe der Imperien, 1917-1923" - Ausgewählte Projektquellen, bearb. von Thomas Rettig. URL: https://www.borders-in-motion.de/web/grenzen-kriege-und-kongresse/dokumente-anzeige-seite (Zugriff am 13-12-2019)

Verhältnis zwischen Polen und Juden, Warschau, 31. Oktober 1918

Verhältnis zwischen Polen und Juden, Warschau, 31. Oktober 1918

Transkription:

Der Verwaltungschef bei dem General-Gouvernement Warschau.

Warschau, den 31. Oktober 1918.

S.-Nr. IV J. 2443.

Euerer Exzellenz überreiche ich anliegend Abschrift eines von mir an das Auswärtige Amt auf dessen Ersuchen erstatteten Berichts zur geneigten Kenntnisnahme.

An das Reichsamt des InnernBerlin.

Der Verwaltungschef bei dem Generalgouvernement Warschau.

Warschau, den 31. Oktober 1918.

IV J. 2443.

Über das gegenwärtige Verhältnis zwischen Polen und Juden gestatte ich mir folgendes zu berichten mit dem Anheimstellen, dem Schriftsteller Weinbaum in Zürich das Material zugänglich zu machen.

Je weiter die polnischen Behörden im Generalgouvernement Warschau allmählich ihre Verwaltungstätigkeit ausdehnen, umso deutlicher zeigt sich, dass sie die Juden trotz angeblicher Toleranz wenig freundlich und ohne Objektivität behandeln. Sie haben weder den Willen noch die Kraft, der allgemeinen judenfeindlichen Stimmung der Bevölkerung entgegenzutreten. Der Kampf gegen die Juden hat keine einheitliche Strategie, er ist nicht wirtschaftlicher oder nationaler oder kultureller Natur - es ist ein blinder Hass, der sich entlädt und der einfach zerstören will.

Bereits zu russischer Zeit hatten die Juden in Polen weit mehr zu klagen als in anderen russischen Gebietsteilen. Zu den einschränkenden und erniedrigenden Verordnungen des Staats kam in Polen ein wirtschaftlicher Boykott gegen Juden, der mit Flug - und Hetzblättern, mit Drohungen gegen Käufer und Lieferanten von Juden arbeitete. Im Kriege hat sich an dieser Tendenz nicht viel geändert.

Schon zu Beginn der städtischen Selbstverwaltung im Jahre 1916 hatte der Warschauer Stadtrat in der städtischen Markthalle die Trennung der jüdischen und

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christlichen Stände verfügt. Später übertrug er das Lebensmitteldezernat einem gewissen Dr. Ilski, der zu russischer Zeit die Seele der Boykottbewegung gewesen war. Klagen von jüdischer Seite gegen die Zurücksetzung bei den Lieferungen waren nun an der Tagesordnung. Jetzt hat Ilski die in der Anlage I angeschlossene Verfügung erlassen. Die jüdischen Zeitungen machen mit Recht darauf aufmerksam, dass durch die angedrohte Entziehung der Lieferungen nicht nur die Angestellten der Verkaufsstellen ihre Stellung verlieren würden, sondern auch die jüdische Bevölkerung, die in den Kundenlisten dieser Geschäfte steht, zunächst ohne Brot bleiben würde.

Es blieb aber nicht bei den administrativen Maßnahmen gegen den jüdischen Handel. Nach jüdischen Blättermeldungen, die, wenn auch nicht frei von Übertreibungen, so doch im wesentlichen richtig sind, hat die durch die Boykottagitation aufgehetzte Menge in mehreren Fällen jüdische Läden geplündert und die Inhaber misshandelt. Dies geschah einmal in Warschau auf dem Kereceliplatz, das andere Mal in der Targowastraße in Praga. Den Bericht der jüdischen Presse über diese Ausschreitung füge ich in der Anlage II und III bei.

Im Stadtrat ist eine dringliche Interpellation in dieser Angelegenheit durch den jüdischen Stadtverordneten Truskier angemeldet worden, außerdem haben sich mehrere jüdische Organisationen an das polnische Ministerium des Innern mit der Bitte um Schutz gewandt. In einer Sitzung der zionistischen Vertrauensmännerkonferenz hat der Generalsekretär Grünbaum in seiner Eröffnungsansprache Ausführungen gemacht, die nachher durch die

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Presse verbreitet wurden und hier als Anlage IV bei gefügt sind.

Veranlasst worden sind die Ausschreitungen außer durch die Boykottagitation in der Presse und von Mann zu Mann anscheinend auch durch direkte Aufrufe zu Gewalttätigkeiten, die in großer Anzahl an den Häusern angeklebt werden. Als vor fünf Monaten die ersten Plakate dieser Art erschienen, drückte auf Interpellation zwar die Stadtverordnetenversammlung ihre Missbilligung aus.

Es konnte aber damals schon festgestellt werden, dass die Miliz offenbar versagt hat, denn an den belebtesten Plätzen sah man die Zettel - am Großen Theater allein sechs Exemplare -, und sie blieben noch Tage lang kleben. Jetzt trat zunächst jemand mit der Unterschrift "General Omski" mit Flugzetteln hervor, in denen zur Schaffung von Kampforganisationen gegen die linken Parteien und gegen Juden aufgerufen und verlangt wurde, die angesehensten Juden als Geiseln festzunehmen. Dann erschien der Aufruf eines ”nationalen Komitees”, sich gegen die jüdische Masse zusammenzuschließen, deren Ziel es sei, Polen zu erobern.

Ein in der Presse wiedergegebener Auszug aus einem Plakat des "Exekutivkomitees der polnischen Republikaner”, verbreitet am 13. Oktober, wird als Anlage 5 angeschlossen. Bereits am nächsten Tage kam es in der Tat auf Warschauer Straßen zu tätlichen Angriffen auf jüdische Passanten gelegentlich eines nationalen Demonstrationszuges. Auch die polnischen Blätter können den Grund nicht in einem irgendwie taktlosen Verhalten der Juden erblicken, sie bemerken nur, dass die Schilderungen

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der jüdischen Presse übertrieben sind. Inzwischen dauern die unterirdischen Agitationen weiter.

Wenn es sich in diesen Fällen um Taten der fanatisierten Massen handelt, so ist seitens leitender polnischer Kreise vorläufig vor allem das Bestreben dahin gerichtet, zu verhindern, dass die Juden irgendein Organ zur Vertretung ihrer Wünsche und Forderungen schaffen. Gegen jüdisch-nationale Organisationen sind die Polen stets vorgegangen, wie man es besonders in Galizien beobachten konnte. Jetzt wollen sie sogar die Durchführung der Organisation der jüdischen Religionsgesellschaft verhindern oder wenigstens hinausschieben. Bekanntlich war im Generalgouvernement Warschau durch die Verordnung vom 1. November 1916 eine Organisation der Juden lediglich auf religiöser Grundlage gegeben worden. Wie wenig sie auf jüdisch-nationale Wünsche Rüoksicht nahm, konnte man unschwer aus der scharfen Kritik ersehen, der die Verordnung in der gesamten zionistischen und nationalistischen Presse ausgesetzt war. Trotzdem war sie den leitenden Kreisen Polens von jeher unbequem. Sie suchten die Durchführung der Wahlen in den Großgemeinden dadurch zu verhindern, dass sie mit stets neuen Vorschlägen auf Abänderung der Verordnung an die Okkupationsbehörden herantraten und zugleich baten, bis zur Entscheidung darüber die Wahlen auszusetzen. Jetzt, nachdem die Übergabe der Verwaltung an die polnischen Behörden in greifbare Nähe gerückt ist, haben sie dem - assimilatorischen - Warschauer Gemeindevorstand nahe gelegt, die Durchführung der

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Wahlen zu verweigern, und es erreicht, dass die Vorstandsmitglieder, trotzdem ihr Mandat seit vier Jahren abgelaufen ist, der an sie gerichteten Aufforderung nachgaben. Damit ist die Durchführung des Organisationsstatuts, das eine gedeihliche Entwickelung der jüdischen Gemeindeverhältnisse verbürgt, das aber auch den polnischen Interessen im hohen Maße entspricht, auf vorläufig nicht absehbare Zeit hinausgeschoben.

Die jüdische Öffentlichkeit aller Parteien (mit Ausnahme des assimilatorischen Kreises) hat gegen diese "Vergewaltigung” protestiert (Beispiel in Anlage 6). Da indessen die polnische Regierung sich ihre jüdischen Ratgeber stets aus den assimilatorischen Politikern gewählt hat, jetzt in der Person des Herrn Adalberg, so ist es nicht wahrscheinlich, dass diese Proteste irgendwelche Wirkung auslösen werden. Die Polen wollen offensichtlich zum Friedenskongress unter Ausschaltung der Juden als national einheitlich geschlossene Masse auftreten. Das zeigt auch eine in dem amtlichen Organ der Regierung, dem "Monitor Polski" erschienene Statistik (Anlage 7), mit der die zahlenmäßige Überlegenheit der Polen in Ostgalizien erwiesen werden soll, indem die Juden einfach national den Polen zugerechnet werden und die 600 000 Juden überhaupt nicht erscheinen. Um diese Fiktion aufrecht zu erhalten, soll der galizische Polenklub in Wien dahin gewirkt haben, dass die Beratungen zur Schaffung des jüdischen Nationalrats verboten und auch hier das nationale Recht der Juden nicht anerkannt würde.

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Auch aus der Provinz laufen Nachrichten wie die in Anlage 8 beigefügte ein, nach der in Stadtratsverhandlungen die jüdischen Gruppen nicht zum Worte zugelassen werden. Dabei ist zu betonen, dass sich die Forderung auf Berücksichtigung des nationalen Selbstbestimmungsrechts für die Juden auch in Kreisen durchsetzt, die bisher diesen Bestrebungen fern standen, weil man sieht, dass sonst eine gerechte Behandlung der Juden nicht zu erhoffen ist.

Der Zweifel an der Aussicht auf gerechte Behandlung der jüdischen Mitbürger ist erst zuletzt noch dadurch verstärkt worden, dass die erste von Polen gegründete Universität (in Lublin), wie die hiesigen jüdischen Zeitungen übereinstimmend berichten, den Juden grundsätzlich den Eintritt verweigert. Man will darin ein Symptom für die Haltung sehen, die künftig polnische höhere Lehranstalten den Juden gegenüber einnehmen werden.

gez. von Steinmeister.

Anlage I.

Rundschreiben an die jüdischen Vereine, die ihren Mitgliedern und anderen Personen billiges Brot verkaufen.

Wir teilen hierdurch mit, dass nach Erhalt dieses Schreibens unter Androhung der sofortigen Schließung alle Brotverkaufsstellen Ihrer Gesellschaft ohne Widerspruch am Samstag in der Zeit von 7 - 2 Uhr und 5 - 7 Uhr geöffnet sein müssen.

Gleichzeitig schicken wir eine entsprechende Verfügung an die Hauptverteilungsstelle.

Direktor der Lebensmittelsektion K. Ilski

Die Brotabteilung.

Info:
Archivsignatur: Verhältnis zwischen Polen und Juden, Warschau, 31. Oktober 1918, Bundesarchiv Berlin, R 1501 /119804.
Zitierweise: Verhältnis zwischen Polen und Juden, Warschau, 31. Oktober 1918, in: Viadrina Center B/Orders in Motion (Hrsg.): "Grenzen, Kriege und Kongresse. Die Neuordnung Ostmitteleuropas aus dem Erbe der Imperien, 1917-1923" - Ausgewählte Projektquellen, bearb. von Thomas Rettig. URL: https://www.borders-in-motion.de/web/grenzen-kriege-und-kongresse/dokumente-anzeige-seite (Zugriff am 13-12-2019)

Korrespondenz zur Übernahme litauischen Staatsgutes, Kowno, Juni 1919

Korrespondenz zur Übernahme litauischen Staatsgutes, Kowno, Juni 1919

Transkription:

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Ministerium des Äußern.

Kowno, den 1. Juni 1919.

Nr . 646.

Sr. Exzellenz dem deutschen Herrn Generalbevollmächtigten für Litauen Kowno.

In der Anlage werden die von litauischer Seite für die Übernahme von Gütern festgestellten Grundsätze zur Kenntnis übersandt.

gez. Slecevizius, Ministerpräsident und Verwalter des Ministeriums des Äußern.

Beschlüsse der Kommission zur Übernahme litauischen Staatsgutes aus den Händen der deutschen Verwaltung (genehmigt durch Beschluss des Minister-Kabinetts v.29. Mai 1919)

§ 1.

Alles, was in der Verwaltung der deutschen Militärbehörde oder Zivilbehörde gestanden hat oder von den Behörden an Privatpersonen verkauft ist, muss in Litauen bleiben und kann ohne Genehmigung der litauischen Regierung nicht aus dem Lande ausgeführt werden.

Die deutschen Gruppen haben das Recht, bei der Räumung des Landes Waffen, Munition, Kleidung und die ganze militärische Ausrüstung mit sich zu führen.

Die litauische Regierung verlangt, dass alle der deutschen Behörde gehörigen, im litauischen Gebiet sich befindlichen Pferde in Litauen belassen werden.

Alle öffentlichen und Verkehrseinrichtungen müssen ohne

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Entschädigung in Litauen bleiben ohne Unterschied, ob sie vorher von der militärischen oder zivilen Behörde verwaltet worden sind.

Von den deutschen Behörden vorgenommene Verkäufe von Staatsgut, mögen sie bewegliches oder unbewegliches Vermögen betreffen, werden von der litauischen Regierung nicht anerkannt.

§ 2.

Alles bewegliche und unbewegliche Staatsgut im Gebiet des litauischen Staates, das noch unter Verwaltung der deutschen Behörden steht, muss sofort an die litauische Regierung übergeben werden und zwar als Staatsgut und ohne jede Entschädigung.

Gegen Entschädigung ist an die litauische Regierung zu übergeben dasjenige Gut, das zum Gebrauch der Staatsbehörden erforderlich ist, wie elektrische Anlagen usw., wenn sie von der deutschen Behörde neu errichtet sind und mittels aus dem Ausland importierten Materials; gegen Entschädigung jedoch nur, soweit sie nur lokale Bedeutung und nicht unter § 1 Abs. 4 fallen.

§ 3.

Abtransportiert werden kann das bewegliche Gut, das den militärischen Verbänden gehört und im militärischen Interesse gebraucht wird, wie Munition, Ausrüstung und Bewaffnung, unbeschadet des § 1 Abs. 3, doch steht es der litauischen Regierung frei, im Einvernehmen mit den deutschen Stellen die unter § 1 Abs. 2 fallenden Gegenstände gegen Entschädigung zu übernehmen.

§ 4.

Bei der Übernahme irgend welcher Güter wird der etwa zu zahlende Entgelt nicht sofort geleistet, sondern bei der endgültigen Abrechnung zwischen Deutschland und Litauen im Wege der Verrechnung.

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§ 5.

Alles Gut, das bei dem Vormarsch gegen die Bolschewiki erbeutet wird, wird litauisches Staatsgut und fällt dem litauischen Staate ohne Entschädigung zu, ohne Rücksicht auf die Herkunft.

Jedes Staats- und Allgemeinheitsgut ist von der deutschen Verwaltung sofort an die litauische Regierung zu übergeben. Die Übernahmeformalitäten sind erst dann zu erledigen, wenn das Gut tatsächlich in die Verwaltung und die Hände der litauischen Regierung übergegangen ist. Das Gleiche gilt von Gut für Privatpersonen, welche sich in Litauen zur Zeit nicht aufhalten.

§ 6.

Falls sich Streitigkeiten bei der Einschätzung des zu übernehmenden Gutes ergeben, wird jedesmal eine besondere Kommission gebildet, die sich aus der gleichen Zahl Vertreter sowohl der litauischen a!s auch der deutschen Regierung und aus einem Vertreter der Entente zusammensetzt und den Preis endgültig festsetzt.

Der deutsche Generalbevollmächtigte für Litauen.

Abt. Z Nr. 1462.

Kowno, den 6. Juni 1919.

Sr. Exzellenz dem Herrn Ministerpräsidenten und Verwalter des Ministeriums des Äußeren.

Die mir mit Note vom 1. Juni übersandten Beschlüsse beehre ich mich in der Anlage wieder beizufügen. Der Inhalt des § 1 macht es mir unmöglich sie entgegenzunehmen. Wenn hier gesagt ist, dass die deutschen Truppen das "Recht” haben sollen, bei der Räumung des Landes Waffen, Munition, Kleidung

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und die ganze militärische Ausrüstung mit sich zu führen, und wenn hier die litauische Regierung verlangt, dass alle den deutschen Behörden, einschl. der militärischen Formationen gehörigen, im litauischen Gebiet sich befindenden Pferde in Litauen belassen werden, so tritt hier eine Auffassung zu Tage, die der Ehre des deutschen Heeres abträglich ist und der ich von vornherein und mit Entschiedenheit entgegentreten muss.

Der Generalbevollmächtigte gez. Zimmerle.

Der deutsche Generalbevollmächtigte für Litauen

Liquidationsstelle Verwaltung.

Abt. W I Nr. 3859.

Kowno, den 2. Juni 1919.

An das Ministerium für Handel u. Gewerbe Kowno.

Betrifft Übernahme der gewerblichen Anlagen usw.

Von dem Inhalt des dortigen Schreibens vom 27. Mai Nr. 2127 habe ich Kenntnis genommen und mir bemerkt, dass seitens des Ministeriums mit der Übernahme der Fabriken und Güter nunmehr beauftragt sind die Herren:

Zivil-Ingenieur Valerian Verbicki

Zivil-Mechan. Nicalas Frumkin

Ing.-Techniker Ceslav Bitenek.

Ich nehme an, dass hiermit die ursprünglich durch dortige Vollmacht Nr.183 vom 1. Februar bestimmte Kommission ersetzt wird und bitte um gefällige Nachricht, wenn meine Annahme nicht zutreffend ist und abgesehen von den jetzt genannten drei Herren auch noch die in der erwähnten Vollmacht genannten Herren für die Behandlung dieser Angelegenheit in Frage kommen.

Gleichzeitig bitte ich davon Kenntnis zu nehmen, dass ich die Übergabe der gewerblichen Anlagen und Betriebe und sonstiger

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Güter der ehemaligen Zivilverwaltung, worüber mit dem Ministerium, die Verträge vom 1. Februar und 19. Februar geschlossen sind, der von seiten des Deutschen Reiches mit der Verwertung reichseigener Güter beauftragten Behörde, nämlich dem Reichsverwertungsamt übertragen habe. Das Reichsverwertungsamt hat eine Zweigstelle in Kowno, Kaiser Wilhelmstr. 48. Diese Stelle wird den Vorzug haben, sich mit dem Ministerium wegen der Übergabe bezw. der Feststellung der Werte in Verbindung zu setzen, und ich wäre besonders dankbar, wenn die Erledigung der beiden geschlossenen Verträge nunmehr möglichst bald vonstatten gehen könnte.

Es ist selbstverständlich, dass das Reichsverwertungsamt in vollem Umfang die von mir für die ehemalige Zivilverwaltung geschlossenen Verträge vom 1. und 19. Februar, sowie die im Anschluss daran erfolgten Übergabeverhandlungen und sonstigen Verpflichtungen anerkennt. Die Übertragung an das Reichsverwertungsamt meinerseits erfolgt nur deswegen, weil ich bei der bevorstehenden Verkleinerung meines Bureauapparates nicht in der Lage bin, die Abwickelung mit meinem Personal vorzunehmen.

Einen Durchschlag dieses Schreibens erhält das Reichsverwertungsamt, Zweigstelle Kowno.

A. B. gez. Katzenstein, Rittmeister.
Info:
Archivsignatur: Kommission deutsches Eigentum Litauen, Kowno, Juni 1919, Bundesarchiv Berlin, R 2202 /304.
Zitierweise: Korrespondenz zur Übernahme litauischen Staatsgutes aus den Händen der deutschen Verwaltung, Kowno, Juni 1919, in: Viadrina Center B/Orders in Motion (Hrsg.): "Grenzen, Kriege und Kongresse. Die Neuordnung Ostmitteleuropas aus dem Erbe der Imperien, 1917-1923" - Ausgewählte Projektquellen, bearb. von Thomas Rettig. URL: https://www.borders-in-motion.de/web/grenzen-kriege-und-kongresse/dokumente-anzeige-seite (Zugriff am 13-12-2019)

Die zionistische Bewegung in der Schweiz, Bern, 2. Dezember 1916

Die zionistische Bewegung in der Schweiz, Bern, 2. Dezember 1916

Transkription:

K.u.k. Militärattaché in Bern

Res.Nr. 4077

An die kais. Deutsche Gesandtschaft

Beiliegend erlaube ich mir ergebenst einen Bericht über die zionistische Bewegung in der Schweiz gefälligst zu übermitteln.

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K. u. K. Gesandtschaft in der Schweiz.

Militärattaché.

Die zionistische Bewegung in der Schweiz

Von verschiedenen Seiten wird in letzter Zeit gemeldet,dass die Zionisten und die diesen nahestehenden jüdischen Kreise eine große Rührigkeit entwickeln. In der Schweiz laufen verschiedene Fäden in diese Bewegung zusammen und die Schweiz wird zur Aufrechthaltung der Verbindungen, die sich über alle Länder erstrecken, benutzt.

Vor einigen Monaten wurde in Zürich eine Stelle "Pro Causa Judaica" gegründet, der angeblich nur Juden neutraler Staaten angehören. Der Zweck dieser Stelle ist es, die Rechte der Juden in allen Ländern zu vertreten und alles zu verbreiten was für die Stellung der Juden von Vorteil erscheint. "Pro Causa Judaica" steht mit dem zionistischen Verbande, der seinen Sitz ebenfalls in Zürich hat in Verbindung und von diesem Verbande hängt wieder das jüdische Pressebüro ab. Als das rührigste und zugleich uns gefährlichste Organ der jüdischen Bewegung muss der Dr. Felix Pinkus bezeichnet werden. Pinkus ist erster Vorsitzender des genannten Zionisten-Verbandes, er spielt in der "Pro-Causa Judaica" eine große Rolle und ist Korrespondent der zionistischen Zentralen in London und im Haag. Dass er im Dienste der Entente steht ist nicht zu bezweifeln. Es geht dies aus seinen Äußerungen, aus seiner ganzen Haltung und aus seinem Verkehr hervor. Trotzdem er deutscher Abstammung ist (er soll in Breslau geboren sein) und sich erst vor einigen Jahren als Schweizer naturalisieren ließ, unternimmt er Reisen nach London und Paris. Er ist Herausgeber des "Economiste""Schweizer Export Revue" (Zürich, Bahnhofstraße Annahof). Diese Zeitschrift stand früher finanziell schlecht, hat sich aber dank der Unterstützungen die sie resp. Pinkus von englischer oder französischer Seite erhält, in letzter Zeit ganz erholt . Die Zeitschrift steht in

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Verbindung mit dem in Paris erscheinenden Finanzblatt "Information". Der Vertreter der "Information" in der Schweiz ist ein gewisser Taponlier, in Lausanne Rue Villamont wohnhaft, der von Frankreich zu Propagandazwecken in der Schweiz benützt wird. Er gibt die Tageszeitung "La Dépêche" heraus welches das gemeinste ententophile Hetzblatt der Schweiz ist; Taponnier ist ferner bei der illustrierten Zeitung "La Guerre Européene" beteiligt.

Pinkus steht ferner im Verkehr mit einem gewissen Wolfsohn, der beim englischen Konsulat in Zürich angestellt und in der englischen Propaganda, wahrscheinlich auch im Kundschaftsdienst und in der Handelsspionage tätig ist, ferner mitDr. Michael Thalberg, einem Juden russischer Abkunft jetzt naturalisierter Schweizer der als rücksichtsloser Advokat bekannt ist und in allen Arten von Geschäften, bei denen Geld zu verdienen ist, seine Hand hat.

Am 21. November d.J. hielt Pinkus einen Vortrag in Zürich "Tivoli" in welchem er Deutschland heftig angriff, von den Versprechungen, die England den Zionisten gab, sprach und die Schaffung "jüdischer Legionen" voraussagte, die von Ägypten und Arabien aus bei der Eroberung Palästinas (vor allem in der Aufwiegelung der Araber) mitwirken soll.

Der zweite Vorsitzende des Zionistenverbandes ist ein Dr. Weinbaum, der als den Zentralmächten freundlich gesinnt, bezeichnet wird. Sein Einfluss scheint aber gering zu sein und gegenüber dem des Pinkus weit zurückstehend.

Der Leiter des jüdischen Pressebüros ist ein Dr. Steinberg. Obwohl er in der Redaktion der deutschfreundlichen "Züricher Post" ist, erscheint seine politische Haltung zweifelhaft, d.h. er zeigt augenscheinlich Neigungen für die Entente. Sein Stellvertreter ist der schon erwähnte Dr. Weinbaum.

Sekretär des Büros ist der rumänische Jude Dr. Abraham

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Braunstein, der ganz entschieden auf der Seite der Entente steht.

Unabhängig von diesem Pressebüro erschienen zwei jüdische Zeitungen in der Schweiz: das "Israelitische Wochenblatt", das von den Rabbinern Dr. Littmann und Strauss in einem den Zentralmächten eher freundlichen Sinne redigiert wird, und das "Bullitin Juif" in Lausanne. Letzteres ist scharf gegen Russland und Rumänien gerichtet. Der Herausgeber ist ein Russe Dr. Klatzkin; ein Mitarbeiter ist der polnisch-jüdische Dichter Gorellik.

Die zionistische Bewegung hat in der Schweiz noch andere Vertreter deren Tätigkeit aber weniger hervortritt als die des Pinkus und seiner Leute. Es werden zwei Österreicher genannt, ein Dr. Ruffschitz und ein Prof. Marmoreck. In Betracht kommen ferner der frühere Oberrabbiner in Odessa Dr. Czernowitz und der Präsident des akademischen zionistischen Vereines "Hechaver"Joffe.

Verschiedene vermögende Juden unterstützen die Bewegung moralisch und vor allem finanziell. Zu nennen wäre Frau Brodzky, eine bekannte Millionärin, die sich zeitweise in Zürich aufhält; eine ihrer Töchter ist an einen Guttmannin Wien, eine zweite an einen Günzburg in Petersburg und die dritte an den angesehenen Bankier Dreifus in Basel verheiratet. Die Verbindung mit Amerika hält ein Herr Kohnheim aufrecht, der dort großen Einfluss besitzen soll und einen Verwandten im Staatsdepartement hat, ferner ein Dr. Bernstein aus New York. Letzterer gab die größte jüdische Zeitung in New York heraus. Er hat gute Verbindungen mit Deutschland und seinem Einfluss soll es zuzuschreiben sein, dass die jüdischen Arbeiter aus den Munitionsfabriken in den Vereinigten Staaten austraten; er dürfte, mit dem deutsch-amerikanischen Bankier Schiff in Verbindung stehen, welcher den Erfolg der französischen Anleihe bedeutend beeinträchtigte.

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Das Endziel der Zionisten ist die Erwerbung von Palästina zu Besiedlungzwecken; sie verlieren dieses Ziel nicht aus den Augen und es jetzt, dass bereits Verhandlungen mit England gepflogen stattgefunden haben sollen, in denen England seine Unterstützung für diesen Plan zusagte unter der Bedingung, dass Palästina unter englisches Protektorat käme. Immerhin ist dies nicht der einzige Plan und das einzige Bestreben dieser Organisation, sie sucht vielmehr mit allen Mitteln den Einfluss der Juden aller Länder zu verstärken, die jüdischen Elemente zu gemeinsamen Arbeiten zu vereinen und dort wo dies noch nicht der Fall ist, die gesetzliche Gleichberechtigung zu erreichen; auch bei den Friedensverhandlungen hofft sie ihren Einfluss in diesem Sinne geltend machen zu können.

Die Mannigfaltigkeit der Ziele, die aber alle einen Zweck, die Förderung des Zusammenschlusses der Juden und die Vergrößerung ihres Einflusses auf allen Gebieten haben, bewirkt, dass an der Bewegung auch nicht orthodoxe Juden und solche, denen die Erwerbung von Palästina gleichgültig ist, teilnehmen. Große Gönner und Förderer bleiben im Hintergrunde, so dass vieles darüber nur Eingeweihten bekannt ist. Ohne Zweifel verfügt die Bewegung jedoch über reiche Geldmittel und - infolge des bei der jüdischen Rasse sehr entwickelten Gefühles der Zusammengehörigkeit - über weitverzweigte Verbindungen.

Wie aus den Angaben, die über Dr. Pinkus gemacht wurden, hervorgeht, sucht die Entente die Bewegung für ihre Zwecke nutzbar zu machen. Sie besitzt dabei gewisse Vorteile, die sie in geschickter Weise gebraucht. Im allgemeinen sehen diese Juden ihr Ideal in England, dann auch in Frankreich und in Italien, wo sie den größten Einfluss besitzen und wo ihre Religionsgenossen im staatlichen, wie auch im gesellschaftlichen Leben das meiste erreichen. Österreich-Ungarn wird von ihnen auch geschätzt, weniger jedoch Deutschland und daher erklärt es sich, dass viele von ihnen mehr auf Seite der Entente neigen. Bezüglich Russlands

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scheinen ihre Gefühle geteilt zu sein, denn die reichen Juden, die dort einen nicht unerheblichen Einfluss gewinnen können halten zu diesem Lande; auch erhoffen viele, dass der Einfluss der Westmächte auf Russland einen grossen Umschwung zu ihren Gunsten herbei führen wird. Die armen Juden sehen in Russland sowie in Rumänien die ihnen feindlichsten Länder und unter den Revolutionären befinden sich viele Juden.

Es wäre für uns von außerordentlich großen Vorteilen, wenn wir den Bestrebungen der Entente nicht nur entgegentreten könnten d.h. ihren Bemühungen, die Bewegung für ihre Zwecke auszunützen, entgegenarbeiten würden, sondern wenn wir eine Organisation, der so reiche Mittel, ein so großer Einfluss und so zahlreiche Verbindungen zur Verfügung stehen, für unsere Zwecke ausnützen könnten.

Eine Tätigkeit dieser jüdischen Organisation im Sinne der Entente birgt überdies eine nicht zu unterschätzende und naheliegende Gefahr. Es erscheint außer Zweifel, dass die Entente die ihr ergebenen Vertreter dieser Ideen ln der Richtung benützen will oder wahrscheinlich schon benützt, dass durch sie ein weitverzweigter Nachrichtendienst betrieben wird. Zu diesem sollen die in den östlichen Teilen der Monarchie lebenden Juden, die aus religiösen Gründen der Bewegung blind anhängen, herangezogen werden.

Info:
Archivsignatur: Die zionistische Bewegung in der Schweiz, Bern, 2. Dezember 1916, Politisches Archiv des Auswärtigen Amtes, Bern 855.
Zitierweise: Die zionistische Bewegung in der Schweiz, Bern, 2. Dezember 1916, in: Viadrina Center B/Orders in Motion (Hrsg.): "Grenzen, Kriege und Kongresse. Die Neuordnung Ostmitteleuropas aus dem Erbe der Imperien, 1917-1923" - Ausgewählte Projektquellen, bearb. von Thomas Rettig. URL: https://www.borders-in-motion.de/web/grenzen-kriege-und-kongresse/dokumente-anzeige-seite (Zugriff am 13-12-2019)

Verwaltungsgebiet Ober-Ost

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Verwaltungsgebiet Ober-Ost

Quellentitel:

Verwaltungsgebiet Ob. Ost. Kaseinstationen und Darren, sowie Anlagen für Obst- und Gemüseverwertung.

Info:
Archivsignatur: Verwaltungsgebiert Ober-Ost, o.O., o.D., Bundesarchiv Berlin, R 3301 /2244.
Zitierweise: Verwaltungsgebiet Ober-Ost, in: Viadrina Center B/Orders in Motion (Hrsg.): "Grenzen, Kriege und Kongresse. Die Neuordnung Ostmitteleuropas aus dem Erbe der Imperien, 1917-1923" - Ausgewählte Projektquellen, bearb. von Thomas Rettig. URL: https://www.borders-in-motion.de/web/grenzen-kriege-und-kongresse/dokumente-anzeige-seite (Zugriff am 13-12-2019)

Polen und seine Nachbarstaaten - Neue Grenzen, 1924

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Polen und seine Nachbarstaaten - Neue Grenzen, 1924

Quellentitel:

Poland and Adjacent Countries. Showing New Frontiers.

Quellenbeschreibung:

Poland and adjacent countries showing new frontiers. GSGS 3726. 1:2,000,000. War Office.

Info:
Archivsignatur: The National Archives, FO925/37156.
Zitierweise: Polen und seine Nachbarstaaten - Neue Grenzen, 1924., in: Viadrina Center B/Orders in Motion (Hrsg.): "Grenzen, Kriege und Kongresse. Die Neuordnung Ostmitteleuropas aus dem Erbe der Imperien, 1917-1923" - Ausgewählte Projektquellen, bearb. von Thomas Rettig. URL: https://www.borders-in-motion.de/web/grenzen-kriege-und-kongresse/dokumente-anzeige-seite (Zugriff am 13-12-2019)

Truppenaufstellungen im Baltikum, 29. September 1920

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Truppenaufstellungen im Baltikum, 29. September 1920

Quellentitel:

Estonia, Latvia, Lithuania, Poland

Quellenbeschreibung:

Esthonia, Latvia, Lithuania, and Poland, with MS additions, showing disposition of troops, 29 Sept, 1920. Secret. 1:1,000,000.

Info:
Archivsignatur: The National Archives, FO925/37046.
Zitierweise: Korrespondenz zur Übernahme litauischen Staatsgutes aus den Händen der deutschen Verwaltung, Kowno, Juni 1919, in: Viadrina Center B/Orders in Motion (Hrsg.): "Grenzen, Kriege und Kongresse. Die Neuordnung Ostmitteleuropas aus dem Erbe der Imperien, 1917-1923" - Ausgewählte Projektquellen, bearb. von Thomas Rettig. URL: https://www.borders-in-motion.de/web/grenzen-kriege-und-kongresse/dokumente-anzeige-seite (Zugriff am 13-12-2019)

Nationalitäten in Mittel- und Osteuropa, London, 1920

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Nationalitäten in Mittel- und Osteuropa, London, 1920

Quellentitel:

Central and Eastern European Nationalities

Info:
Archivsignatur: Central and Eastern European Nationalities, in: A.J. Hammerton (ed.), Harmsworth's Atlas of the World and Pictorial Gazetteer with an Atlas of the Great War, London 1920, S. 521.
Zitierweise: Korrespondenz zur Übernahme litauischen Staatsgutes aus den Händen der deutschen Verwaltung, Kowno, Juni 1919, in: Viadrina Center B/Orders in Motion (Hrsg.): "Grenzen, Kriege und Kongresse. Die Neuordnung Ostmitteleuropas aus dem Erbe der Imperien, 1917-1923" - Ausgewählte Projektquellen, bearb. von Thomas Rettig. URL: https://www.borders-in-motion.de/web/grenzen-kriege-und-kongresse/dokumente-anzeige-seite (Zugriff am 13-12-2019)

Russlands neue Grenzen, Paris, 1920

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Russlands neue Grenzen, Paris, 1920

Quellentitel:

Russie

Quellenbeschreibung:

Russie, showing new boundaries and plebiscite areas. 1:4,000,000. A. Taride, Paris.

Info:
Archivsignatur: The National Archives, FO925/37047.
Zitierweise: Korrespondenz zur Übernahme litauischen Staatsgutes aus den Händen der deutschen Verwaltung, Kowno, Juni 1919, in: Viadrina Center B/Orders in Motion (Hrsg.): "Grenzen, Kriege und Kongresse. Die Neuordnung Ostmitteleuropas aus dem Erbe der Imperien, 1917-1923" - Ausgewählte Projektquellen, bearb. von Thomas Rettig. URL: https://www.borders-in-motion.de/web/grenzen-kriege-und-kongresse/dokumente-anzeige-seite (Zugriff am 13-12-2019)

Königsberger Hartungsche Zeitung, Königsberg, 9. Oktober 1919

Königsberger Hartungsche Zeitung, Königsberg, 9. Oktober 1919

Transkription:
Nr. 474. Abendausgabe. Erstes Blatt.

Königsberger Hartungsche Zeitung

Baltenland und Westrussland - Mitau Regierungssitz - Goltz an Burt — Russisch-lettische Kämpfe — Die Ukrainegegen Denikin - Vom Mordanschlag gegen Haase - Prämienanleihe - Ende des Königsberger Eska-Ausstandes; im übrigen Streikfortdauer

Der Wirrwarr im Baltikum

Die westrussische Regierung von Morgan finanziert im Kampfe gegen Letten und Esten.

Die Balkanisierung der Randstaaten schreitet immer weiter vor. Wenn die Enthüllungen der "Freiheit" zutreffen, ist die neue Westrussische Regierung von Amerika finanziert, da das Bankhaus Morgan schwerlich eine Transaktion auf eigenes Risiko unternehmen würde, die - wie ein Darlehn von 300 Millionen Mark an die Vertreter einer bisher von niemandem anerkannten Regierung - jede Sicherheit vermissen lässt. Ganz aus der Luft gegriffen aber dürfte die Mitteilung nicht sein, da bei den deutschen Truppen in Kurland schon früher bestimmt versichert wurde, dass die Finanzierung der Bermondtschen Aktion durch die Amerikaner sichergestellt sei. Hat Amerika sich jedoch solcher Gestalt für Bermondt festgelegt, dann wird die Haltung der Entente im Baltikum immer widerspruchsvoller. Selbst wenn man dies Vorgehen gegen Deutschland wegen der Haltung der deutschen Truppen in Kurland und Litauen als einen feinberechneten Schachzug ausehen wollte, der Deutschland in Gegensatz zu den Randstaaten und Russland bringen muss, da die deutschen Truppen als Eindringlinge und lästige Gewalthaber den Randstaaten gegenüber und als Feinde gegenüber der Sowjetregierung dargestellt werden, bleibt es doch rätselhaft, wie man der westrussischen Regierung die Entziehung der deutschen Unterstützung, über die sich der Präsident des Zentralrats und Oberst Awaloff-Bermondt eben noch so anerkennend aussprechen, motivieren wollen, Noch unverständlicher aber wäre die amerikanische Unterstützung Westrusslands, wenn man sie der englischen Unterstützung des lettisch-estnischen Angriffs auf die russische Demarkationslinie gegenüberstellt, den der amtliche Bericht derrussischen Westarmee bestätigt. Es sind zwei Dinge möglich: Die Entente spielt ein falsches Spiel gegen die Randstaaten oder Russland und sucht nur einen Grund zur Einmischung, oder Amerika tritt im Baltikum rivalisierend gegen England auf den Plan.

Mag dem nun sein, wie es wolle. Feststehende Tatsache ist zunächst, dass das Freikorps Bermondt sich in dem Zentralrat eine Regierungsorganisation geschaffen hat, die in Westrussland Fuß fassen will. Die Regierung ist nicht ungeschickt gewählt, da sie alle Elemente zusammenfasst, die mit den bestehenden Zuständen im Lande nicht zufrieden sind: Letten, Balten, Russen, MilitärparteiBauernpartei, sogar ein früheres Mitglied der Regierung Ulmanis. Das Programm der Westrussischen Regierung ist nach nicht ganz klar. Bermondt vertritt augenscheinlich großrussische Ideen, darauf lässt zum wenigsten sein Aufruf schließen, der als sein Ziel bezeichnet, Ruhe und Ordnung inRussland wiederherstellen, auf der andern Seite jedoch wird als eine Aufgabe des lettischen Komitees die Wahl einer lettischen Nationalversammlung bezeichnet. Es scheint also, wenn die Randstaaten nach den Plänen derWestrussischen Regierung Russland angegliedert werden sollten, den Randstaaten weitgehende Autonomie zugebilligt zu werden.

Für Deutschland gibt die Bildung der Westrussischen Regierung keinen Anlass, gegen sie Stellung zu nehmen. Wir haben vor der Hand damit zu rechnen, dass sie Deutschland wohl größere Sympathien entgegenbringt als die derzeitige lettische und estnische Regierung. Immerhin wird man die Klärung der Lage abwarten können; um so mehr, als uns durch den Friedensvertrag eine tätige Anteilnahme an der Gestaltung im Baltikum verwehrt ist und wir auch vorher schon es abgelehnt haben, uns in die inneren Angelegenheiten der baltischen Randstaaten einzumischen. Für uns kann heute ein Wort, das der lettische Rechtsanwalt Alberts, der Verwalter des Landwirtschaftsressortsin der westrussischen Regierung aussprach, in umgekehrtem Sinne gelten. Er meinte seinerzeit, dass die Letten mit Deutschland gehen würden, wenn Deutschland seine weltpolitische Stellung wahren könne. Deutschland wird mitRussland und den Randstaaten immer gern zusammengehen, wenn sie ihre staatsrechtliche Festigung erlangen.

Dy.

Die westrussische Regierung

WTB. Mitau8. Oktober. Der neue Zentralrat für Westrussland hat sich gestern in Mitau konstituiert und ist in Funktion getreten. Zur Entente steht er in keinerlei Gegensatz. Seine Hauptaufgabe wird darin bestehen, das jetzt von den Truppen des Obersten Awallow-Bermondt besetzte kurländische Gebiet zu einer Basis auszugestalten, von der aus Russland militärisch und politisch vom Joche des Bolschewismus befreit werden soll.

Der Oberkommandierende der russischen Westarmee verkörpert zurzeit die höchste Gewalt im Lande. Der Zentralrat handelt in seinem Auftrage. Hinsichtlich der Verwaltung des vorerst besetzten Gebietes besteht die feste Absicht, der Bevölkerung das Recht der lokalen Selbstverwaltung zu geben. Zu diesem Behufe hat sich in Kurland ein lettländisches Komitee gebildet, das dem Zentralrat untersteht, und zu zwei Dritteln aus Letten, zu einem Drittel aus Deutschbalten besteht. Die Organisation der Gemeindeordnung, die steuerrechtlich den Großgrundbesitz mit dem Kleingrundbesitz gleichstellt, wird eine der Hauptaufgaben des provisorischen lettländischen Komitees sein. Sodann wird sich das Komitee mit der Organisation und Durchführung der Wahlen zur lettländischen Nationalversammlung befassen, die eine Woche nach ihrer Wahl zusammentritt und ein neues lettländisches Kabinett bildet. Das lettländische Komitee ist somit ein Provisorium, solange keine aus Wahlen hervorgegangene Nationalversammlung besteht, die aus ihrer Mitte ein Kabinett bildet. Das lettländische Gebiet, das nunmehr unter russischen Schutz gestellt ist, seit die deutsche Okkupationsmacht aufgehört hat, wird somit auf breitester Grundlage im Rahmen der Selbstbestimmung der örtlichen Bevölkerung verwaltet werden. Der Zentralrat für Westrussland, dem das lettländische Komitee, das sich heute gebildet hat, unterstellt ist, setzt sich folgendermaßen zusammen: Als Vorsitzender ist Fürst Wolkowski in Aussicht genommen, der im alten Russland als Mitglied der OktobristenparteiVizepräsident der Reichsduma war. Als provisorischer Vorsitzender fungiert Senator Graf Konstantin von der Bahlen, der eine Laufbahn als Bauernkommissar und Gouverneur von Wilna hinter sich hat. Ihm ist die Führung der inneren und äußeren Geschäfte des Zentralrates übertragen. Die militärischen Angelegenheiten verwaltet Generalmajor Tschernilowski-Sokol. Der General kommandierte während des Krieges eine russische Artillerie-Division und stellte nach dem Siege des Bolschewismus in Russland in der Ukraine unter dem Hetman Skoropadski ein Artillerie-Regiment gegen die Bolschewisten auf. Leiter des Gerichts- und Gefängniswesens ist Senator und Mitglied desReichsrates Rimski-Korsakow, der als Gouverneur von Jaroslaw Gelegenheit gefunden hat, sich administrativ zu betätigen. Dem Verkehrswesen steht der frühere Chef der Libauer-Romnier Eisenbahn, Ingenieur Iljin, vor. Als Geschäftsleiter des Zentralrates ist der wirkliche Staatsrat Simin tätig, der mit den örtlichen Verhältnissen gut vertraut ist und in Russland als höherer Administrativ-Beamter tätig gewesen ist. Dem Ressort für Landwirtschaft und Domänen steht der lettische Rechtsanwalt Arrais Alberts vor. Wirklicher Staatsrat Engelhardt hat das Finanzressort übernommen. Der Zentralrat tagt zurzeit ebenso wie das lettländische Komitee in Mitau.

Amerikanische Finanzierung der westrussischen Regierung

(Eigne Drahtung der "Hartungschen Zeitung")

nn. Berlin9. Oktober. Die Ungeduld der Unabhängigen, ihre Enthüllungen über die russische Politik der Regierung recht schnell der Welt zu übergeben, verführt sie heute dazu, die Wirkung der Rede ihres Vertreters in derNationalversammlung dadurch zu verzetteln, dass sie in der "Freiheit" Einzelheiten verfrüht veröffentlichen.

Das unabhängige Organ teilt heute morgen einen Vertrag mit, der zwischen einem Berliner Vertreter des Bankhauses Morgan und den in Berlin anwesenden sieben Mitgliedern der westrussischen Regierung abgeschlossen worden ist. Nach diesem Vertrag gibt das Bankhaus Morgan der westrussischen Regierung ein Darlehen in der Höhe von 300 Millionen Mark zum Zinssatz von 5 Prozent auf 10 Jahre. Als Sicherheit für das Darlehen wird das gesamte mobile und immobile Eigentum des der russischen Regierung jetzt und in aller Zukunft unterstehenden Gebietes verpfändet. Präsident dieser westrussischen Regierung ist der russische General Biskupski. Nach Mitteilungen von anderer Seite ist der Vertrag in Berlin am 26. September 1919 abgeschlossen worden. Das Original trägt am Kopf den handschriftlichen Vermerk: Hauptexemplar für das Haus J. P. Morgan. Der Vertrag ist mit Schreibmaschine in deutscher Sprache geschrieben und ist zum Schluss von sieben Personen unterschrieben, die in der Einleitung als Minister bezeichnet werden, und von einem Vertreter des Bankhauses Morgan. Der Vertrag wurde nicht bei einem Notar abgeschlossen. Das in dem Vertrag gewährte Darlehen von 300 Millionen Mark sollte einen militärischen Feldzug im Osten finanzieren. Der angebliche Vertreter des Bankhauses scheint nur ein Strohmann gewesen zu sein.

Das Korps Bermondt im Kampfe gegen lettische Truppen

WTB. Mitau8. Oktober. Am 6. Oktober richtete der Oberbefehlshaber der russischen WestarmeeOberst Awaloff-Bermondt, folgendes Telegramm an den Ministerpräsidenten der provisorischen lettländischen Regierung: Nachdem ich es in diesem Augenblick für zeitgemäß erachtet habe, an die Bolschewikenfront zu gehen, bitte ich Eure Exzellenz dafür zu sorgen, dass solche Bedingungen geschaffen werden, die es mir ermöglichen, meine Truppen ohne Aufenthalt in den Kampf zu führen gegen die Horden der roten Armee des Sowjetrussland, die sich in den Grenzen Lettlands befinden und alle diesem benachbarten zivilisierten Völker mit Vernichtung und Verderden bedrohen. Über die Maßnahmen, die die durch Sie repräsentierte Regierung zu ergreifen gedenkt, den unbehinderten Durchmarsch der unter meinem Befehl stehenden Truppen sicher zu stellen, bitte ich mich umgehend zu benachrichtigen.

Awaloff.

Oberkommandierender der russischen freiwilligen Westarmee.

Eine Antwort ist hierauf nicht erfolgt. Stattdessen griffen die Letten am 8. Oktober früh die in der Demarkationslinie eingesetzten Truppen an.

Amtlicher Bericht der russischen Westarmee

WTB. Mitau8. Oktober. Infolge des Überschreitens der Demarkationslinie durch die lettischen Truppen und verschiedener Überfälle auf meine Abteilungen gab ich den Befehl zum Gegenangriff, der sich gegenwärtig erfolgreich entwickelt. Meine Truppen befinden sich nach erfolgreichem Vorrücken in der Linie Edingburg-Thüringsdorf-Blawnek und stehen noch etwa sechs Kilometer vor den Toren Rigas.

Awaloff-Bermondt, Oberst und Armeeführer.

Am frühen Morgen des 8. Oktobers wurden die russischen Vorposten bei Olai angegriffen und zurückgedrückt. Gleichzeitig gingen Meldungen über die dauernden estnischen Truppenausladungen in und um Riga ein. Da der russische Führer vom Gedanken des Kampfes gegen den Bolschewismus beseelt ist und seine Hoffungen auf diesen Kampf durch den bevorstehenden Angriff der Esten und Letten vereitelt sah, entschloss er sich, den Gegner hinter und gegen die Düna zurückzuwerfen und setzte daher alle seine Kräfte zum Gegenangriff ein. In teilweise schwerem Kampf, durch das versumpfte Gelände überall behindert, gingen die Truppen vor und warfen den zähe sich wehrenden Gegner bis in die Linie Blawnak an der Düna bis Ostende des Babitzsees zurück.

WTB. Mitau8. Oktober. Teile der im Baltikum aufgestellten russischen Truppen, deren einziges Ziel es ist, gegen den russischen Bolschewismus zu kämpfen und die konstituierende Nationalversammlung herbeizuführen, sind am 8. Oktober von lettischen Truppen angegriffen worden und haben einen Gegenstoß unternommen. Diese Maßnahme ist lediglich erfolgt, um eine sichere Basis zum weiteren Vormarsch gegen die Bolschewiken nach Russlandherzustellen. Der russische Vormarsch richtet sich keineswegs gegen den lettländischen Staat als solchen. Es ist wiederholt von den Russen hervorgehoben worden, dass sie von Lettland lediglich den freien Durchzug und die Sicherung des Nachschubes verlangten. Ein Vorgehen gegen den lettländischen Staat liegt nicht in ihrer Absicht, wie dieses wiederholt durch Aufrufe an das lettische Volk sowie bei den Verhandlungen mit den Vertretern der Ententeund der lettländischen Regierung hervorgehoben worden ist. Als Antwort auf dieses Verlangen begann in der lettischen Presse ein Schmach- und Schmutzfeldzug gegen die Russen, während der Volksrat einen Aufruf an das Volk erließ, indem die freiwillige Westarmee und die Bolschewiken in einem Atemzuge genannt und beide als gleich gefährlich für Lettland bezeichnet wurden. Die Bitte des russischen Oberbefehlshabers um Zurücknahme der lettischen Truppen hinter die Düna, um sich eine sichere Operationsbasis zur Bekämpfung des Bolschewismus zu schaffen, ist von Lettland unberücksichtigt gelassen. Statt dessen wurden dauernd lettische und estnische Truppen nach Olai,Riga und der Gegend östlich Riga anbefördert. Ein umfassender lettisch-estnischer Angriff auf die russischen Truppen stand für die nächste Zeit zu erwarten. Wahrscheinlich wollten die Letten und Esten sich dadurch den Dank der Bolschewisten verdienen. Dabei wurde noch auf der Besprechung am 26. August 1919 in Riga unter Vorsitz des englischen Generals March, an der sämtliche Vertreter der Randstaaten teilnahmen, die gemeinsame Offensive gegen die Bolschewisten beschlossen, wobei der russischen freiwilligen Westarmee die Aufgabe zugedacht war, von Dünaburg in Richtung Welikoje-Luki vorzugehen. Jetzt aber weigern sich der lettische sowohl wie der estnische Staat, die russischen Truppentransporte an die Front und die weitere Formierung der Russen in diesen Gebieten zuzulassen. In dieser Lage sah sich der russische Oberbefehlshaber Oberst Awaloff-Bermondt gezwungen, die bereits formierten Truppenteile an der zwischen Lettland und der deutschen Okkupationsmacht auf Wunsch der Entente vereinbarten Demarkationslinie einzusetzen. Lettische Truppen haben wiederholt Überfälle auf die Russen unternommen, so dass sich der Oberbefehlshaber zur Ergreifung energischer Maßnahmen gezwungen sah. Da über die Absichten der lettischen Regierung keinerlei Zweifel bestehen können, hat sich am 8. Oktober in Mitau beim Oberbefehlshaber ein Rat zur Verwaltung der von den russischen Truppen besetzten Gebiete Westrusslands gebildet. Den Wünschen des lettischen Volkes ist durch ein besonderes lettisches Komitee, das zu zwei Drittel aus Letten und zu einem Drittel aus Deutsch-Balten besteht, Recnung getragen.

Durchbruch der Bolschewistenfront bel Liewenhof

FEB. Mitau7. Oktober. (Sonderdepesche.) Hier sind Delegierte vom dänischen Roten Kreuz eingetroffen, die, über Moskau kommend, die Front bei Liewenhof an der Düna passiert haben. Sie berichten, dass von der Heerführung bei der bolschewistischen Roten Armee die Vorgänge in Kurland genau verfolgt werden. Man kennt dort bis ins einzelne die Zahl der noch in Kurland stehenden deutschen Truppen, der russischen Westarmee und der lettischen Formationen. Das bolschewistische Kommando erwartet mit Spannung, ob Graf von der Golz, dessen Name noch aus der Zeit der Befreiung Finnlands von den Roten in der bolschewistischen Armee bekannt und gefürchtet ist,Kurland mit den Freikorps verlassen muss. Ob trotz der Friedensverhandlungen schon in Kürze wieder ein bolschewistischer Angriff zu erwarten ist, wussten die Delegierten nicht mit Sicherheit zu sagen.

FEB. Mitau7. Oktober. (Sonderdepesche.) An der kurländischen Bolschewisten-Front ist es zu neuen Kämpfen gekommen. Die baltische Landeswehr hat an der ihr zweckmäßigen Frontstelle die bolschewistische Front durchbrochen, hat nach schweren Kämpfen Liewenhof, den Hauptstützpunkt der Bolschewisten an der Düna, diesseits Dünaburgs, genommen, und ist dem fliehenden Feinde folgend, darüber hinaus vorgestoßen. Auch Zargrad an der Düna wurde besetzt, Geschütze und Kriegsgerät erbeutet, zahlreiche Gefangene gemacht, darunter mehrere Offiziere vom Korpsstab. Die Bolschewisten führen Verstärkungen heran, um an dem Flüßchen Dubena einen letzten Widerstand zu versuchen. Wird der Riegel an der Dubena gebrochen, so ist der endgültige Fall Dünaburgs sichergestellt.

Graf v. d. Goltz an General Burt über die Räumung Kurlands

WTB. Mitau9. Oktober. In der Frage der Räumung des Baltikums richtete Graf von der Goltz am 24. September ein Schreiben an General Burt, Chef der verbündeten Militärmission in Riga, in dem es heißt, dass die Sicherung an der Demarkationslinie nördlich Mitau den russischen Truppen übergeben würde, um den Abtransport der deutschen Verbände zu ermöglichen.

Die lettischen Truppen würden aber an der gegenüberliegenden Demarkationslinie fortlaufend verstärkt, sodass mit einem Angriff auf die deutschen Truppen gerechnet werden müsse. Gleichzeitig werde der Transport starker estnischer Kräfte über Stredmannshof gemeldet. Hierdurch könne der deutsche Abtransport erneut verzögert wenden. Ähnliche Verhältnisse hätten die Engländer bei der Räumung von Archangelsk gezwungen, zunächst noch neue Freiwilligenverbände dorthin zu bringen, um die Loslösung der bedrohten Besatzung vorzubereiten. Sollte sich daher die Bedrohung der deutschen Truppen bei Mitau weiter verstärken, so könnte auch hier eine ähnliche Maßnahme wie in Archangelsk erforderlich werden.

Graf v. d. Goltz bittet, dafür zu wirken, dass die estnischen und lettländischen Truppen hinter die von ihnen bezeichnete Linie zurückgezogen würden, damit er die Räumung ausführen kann. Da General Burt auf dieses Schreiben nicht sofort antwortete, wie es der Bedeutung der deutscherseits angeregten Frage entsprochen hätte, wies Graf v. d. Goltz am 4. Oktober in einem zweiten Schreiben an Burt erneut darauf hin, dass immer mehr lettische Truppen bei Olai und Riga, an der Demarkationslinie und über diese hinaus angesammelt würden, die Letten starke Patrouillenvorstöße machten und mit Artillerie schössen. Er habe Ende September die Abtransporte wieder aufgenommen und betonte nochmals, daß die Räumung auf die Dauer undurchführbar sei, wenn nicht die estnischen Truppen und die Masse der lettischen Truppen aus der bedrohlichen Nähe der Olaifront zurückgezogen würden. Graf v. d. Goltzforderte daher, seinem Ersuchen vom 24. September Folge zu geben, andernfalls sei aller Welt klar, dass Burt an einer friedlichen Räumung Lettlands nichts gelegen sei.

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Der Zug der Angerburger Jäger

Tilsit8. Oktober. (Privattelegramm.) Zu der Flucht der Angerburger Jäger über die Grenze bei Laugszargen erfährt die "Tilsiter Zeitung", dass im ganzen elf Jäger mit der Bagage und einem Maschinengewehr abgefasst werden konnten. Etwa 120 Mann mit vier Maschinengewehren sind über die Grenze geflüchtet.

Die Wirkung des Aufrufs an die deutschen Truppen

(Eigne Drahtung der "Hartungschen Zeitung".)

B. D. Berlin9. Oktober. Die "B. Z. am Mittag" meldet aus Mitau: Soweit die Lage sich bis jetzt übersehen lässt, hat der Aufruf der Reichsregierung eine zweifache Wirkung gehabt. Ein Teil der Truppen hat sich unter dem Einfluss des Aufrufs in die durch den Zwang der Entente geschaffene Lage gefunden und den Rückmarsch angetreten, während sich bei einem anderen Teil die Stimmung erheblich verschlechtert hat. Die Strafandrohung für Deserteure und Übergänger hatte gerade die entgegengesetzte Wirkung, als die Regierung beabsichtigte. Man erregt sich darüber, dass dieselbe Regierung, die im November Deserteure straffrei ließ, jetzt gegen Männer, die monatelang Deutschland gegen den Bolschewismus verteidigt haben, in schroffster Form Drohungen ausspricht. Die Aufregung muss ernste Besorgnis erwecken.

nn. Berlin8 Oktober. Zur Räumung des Baltikums und den Gefahren, die sich aus der Gespaltenheit ergeben, erfährt das "B. T." von gut unterrichteter Seite: Die Ankündigung, dass der größere Teil der im Baltikum stehenden Formationen unter dem General Eberhard sich zur Rückkehr entschlossen und den Rückmarsch bereits angetreten habe, scheint zuzutreffen. Bei dem Rest der Mannschaften, die allen politischen Erwägungen zum Trotz im Baltikumbleiben wollen, ist unter Major Bischoff eine Art Nachrichtenstelle eingerichtet worden, die sich einmal bemüht, die Truppen in ihren Absichten zu unterstützen und zum anderen die deutsche und die ausländische Presse mit Nachrichten zu versorgen, die im Sinne der dortigen Kommandos liegen. Die Rückführung der Truppen untersteht dem General von Eberhard. Die Schwierigkeiten des Rückmarsches liegen vor allem darin, dass die Strecke Mitau-Schaulen, auf der die Einwaggonierung der Truppen erfolgen soll, etwa 80 Kilometer beträgt. Diese Strecke muss, da die Feindseligkeit der Esten und Letten immer deutlicher zum Ausdruck kommt, stark gesichert werden. Es wird also nötig sein, den Rückmarsch in breiter Front durchzuführen, um Umgehungen und Abschneidungen kleinerer Trupps durch die Letten zu verhindern. Die technischen Schwierigkeiten des Transports, die in dem Zustande der Marschwege und späterhin der Gestaltung der Transportmittel liegen, sind, wie uns mitgeteilt wird, nicht von entscheidendem Einfluss auf die Räumungsmöglichkeit. Mit einer Beeinflussung des Tempos in ungünstigem Sinne muss allerdings bei Verschlechterung der Witterung gerechnet werden.

Reichswehrminister Noske zur baltischen Frage

Gemeingefährliche Truppen-Aufwiegelung.

Die Ausführungen des Reichswehrministers Noske in der gestrigen Sitzung der Deutschen Nationalversammlung über die baltische Frage und die Widersetzlichkeit der dortigen Truppen, sowie die gemeingefährliche deutschnationale Aufwiegelungsarbeit (vergl. Morgennummer) lauteten ausführlicher wie folgt:

Reichswehrminister Noske: Es ist politisch nicht klug, wie Herr Stresemann die baltische Frage behandelt. Dass die Truppen im Baltikum nichts mehr zu suchen haben, liegt an dem Friedensvertrag. Deshalb darf die Presse nicht mehr auf die Truppen dahin einwirken, als seien sie in einer Rechtslage, wonach sie im Baltikum bleiben könnten. Die zu überwindenden Schwierigkeiten sind außerordentlich groß. Mit der wüsten Schimpferei auf die Truppen, die nicht zurück wollen, ist es allerdings nicht getan. Ihre Motive sind zu respektieren; denn die Leute sehen in der Heimat nur Arbeitslosigkeit und Terror. Sie fühlen sich in ihren Erwartungen betrogen. Als Not am Mann war, hatte ihnen die lettische Regierung die Einbürgerung versprochen und die Ansiedlung in Aussicht gestellt. Aber die Regierung muss jetzt alles daran setzen, um Deutschland vor schweren Konflikten mit den alliierten Regierungen zu bewahren. Offene Unbotmäßigkeit und Ungehorsam sollen geahndet werden, wie es sich gehört. Der Aufruf des Majors Bischoff in der "Täglichen Rundschau" enthält ein Maß von Insubordination und Auflehnung gegen die Interessen des Reichs, dass mit allem Nachdruck schleunigst eingegriffen werden wird. Ich habe sofort telegraphiert, dass in jedem Falle gegen Gehorsamsverweigerung und unbotmäßige Führer mit aller Schärfe vorzugehen und eine kriegsgerichtliche Untersuchung gegen Major Bischoff sofort einzuleiten ist.

Ich möchte mit allem Nachdruck und tiefstem Ernst an jenen Teil der Presse die Mahnung richten, nicht unsere Arbeit in dieser gefährlichen ernsten Situation noch weiter zu erschweren. (Sehr richtig! links.) Ein Berliner Blatt schrieb in Riesenlettern über die ganze erste Seite: "General von der Goltz, russischer Überläufer", und darunter stand ganz klein: "Eine Bestätigung der Nachricht an irgend einer Stelle liegt nicht vor. (Hört! Hört! links), es ist auch die äußerste Vorsicht gegenüber der Meldung geboten." Es ist außerordentlich gemeingefährlich, dass dauernd von manchen Stellen auf die Truppen eingewirkt und sie in ihrer Widersetzlichkeit bestärkt werden. Ich kann der deutschnationalen Presse nicht den Vorwurf ersparen, dass sie ein unverantwortliches Spiel mit den Interessen des deutschen Volkes und Landes treibt. (Sehr richtig! links). Einmal brachte ein Blatt die große Überschrift: "Verrat an den Truppen". Das sah also aus wie Verrat der Regierung an den Truppen. Unser Vorgehen gegen die Soldatenplünderungen nannte das Blatt schamlos und unerhört. Als die Regierung die Note über die Räumung des Baltikumsbeantwortete, brachte das Blatt am 4. Oktober die Überschrift: "Verrat am deutschen Baltenland". Das bedeutete einen neuen Versuch, bei den widersetzlichen Truppen den Eindruck hervorzurufen, als ständen sie nicht auf fremdem, sondern deutschem Boden und würden von der Regierung verraten.Graf Posadowsky kann die Verantwortung für diese Presse von seiner Partei nicht abwimmeln. Herr v. Gräfe hat sich schützend vor ein solches Blatt gestellt und mir einen unliebenswürdigen Brief geschrieben, wie ich mich unterstehen könnte, gegen das Blatt vorzugehen. Wir würden gewissenlos handeln, wenn wir diesen Ausschreitungen nicht entgegenträten.

Wenn Graf Posadowsky versicherte, dass seine Partei sachlich für ihre politischen Ziele wirke, so kann ich das nicht als richtig anerkennen. Ganz systematisch wird in den letzten Wochen von der deutschkonservativen Partei und ihrer Presse das leidliche Vertrauensverhältnis zwischen mir und den Offizieren untergraben und unterwühlt. Wir tanzen in dem Maße auf einen Vulkan, dass es das Letzte sein sollte, uns die Arbeit noch schwerer zu machen. Das deutsche Offizierskorps hat immer in seiner großen Mehrzahl aus armen Leuten bestanden, die ihre Ehre darin setzten, ihrem Vaterlande zu dienen. (Große Unruhe. Zurufe.) Von nichts anderem habe ich gesprochen. (Widerspruch rechts.) Es kennzeichnet die Art, wie der politische Kampf auch in dieser Situation von Ihnen (nach rechts) geführt wird, dass Sie aus diesen einwandfreien Worten Kapital zu schlagen suchen. (Zuruf des Abg. von Gräfe: "Ich danke für die einwandfreien Worte".) Wie die Propaganda getrieben wird, den militärischen Apparat zu zermürben, der mit Mühe wieder aufgebaut worden ist, ergibt sich aus einer Broschüre, in der den Soldaten vorgelogen wird, die Regierung tue nichts für ihre Zukunft, die Regierung stelle sich auf den Standpunkt: Sehe jeder, was er treibe, sehe jeder, wo er bleibe, und wer steht, dass er nicht falle. Weiter wird den Soldaten darin angesonnen, dass sie ihre eidlichen Verpflichtungen nicht halten sollen. Gedruckt ist dieses Pamphlet in der Druckerei der "Deutschen Tageszeitung", und zwar im Auftrag des Vorstandes der Deutschnationalen Partei. (Zuruf: "Landesverräter!" Große Unruhe.) Selbstverständlich habe ich gegen die Schuldigen Strafantrag gestellt dagegen, dass in so unerhörter Weise der Versuch gemacht wird, die Soldaten zu Treulosigkeit und UnbotmäßigKeit zu verführen.

Als die 10 000 Kieler Matrosen wie eine Blutwelle über Deutschland sich ergossen, so verdanken Sie es, wenn nicht ein unglaubliches Verderben über das Land gekommen ist, dem Umstande, dass ich Stunde für Stunde auf sie eingewirkt habe. Deutschland muss zum Unterliegen kommen, wenn nicht in allen Schichten des Volkes die Erkenntnis Platz greift, dass es nicht angeht, immer noch mit schmutzigen Fingern in den Wunden herumzuwühlen. So lange wir die Geschäfte führen, sind wir bereit, - das sage ich den Herren von rechts wie von links - unseren Worten auch Taten folgen zu lassen. (Beifall bei der großen Mehrheit.)

Kommentare zu Noskes Rede

Berlin9. OktoberNoskes gestrige Rede war, wie der "Vorwärts" schreibt, eine kräftige Unterstreichung des Wortes von Scheidemann: Der Feind steht rechts. Sie war um so kräftiger, als sie mit der Erklärung schloss, die Regierung werde es nicht bei Worten bewenden lassen, sondern ihre Taten danach einrichten.

In der "Kreuzzeitung" wird das Auftreten Noskes gegen die deutschnationale Presse als "unerhört" bezeichnet. Das Blatt sagt: Die unter der neuen freiheitlichen Republik fortdauernde Knebelung der rechtsstehenden Presse ist ein schwerer Bruch der Verfassung, die der Reichspräsident feierlich beschworen hat.

In der "Deutschen Allg. Ztg." heißt es: Aus dem Programm der Mitarbeit, welches der Vorsitzende der deutsch-nationalen Fraktion der preußischen LandesversammlungHergt entwickelte, schien hervorzugehen, dass die Partei gewillt sei, jede negative Opposition zu verlassen, um, natürlich unter gewissen Voraussetzungen, die Regierung in den Dingen mit zu stützen, die in der heutigen Lage des Staates für den Wiederaufbau wesentlich sind. Was in diesen Tagen der Landesverband Berlin der deutsch-nationalen Volkspartei beschloss, lag nicht im Sinne der Hergtschen Ausführungen. Niemand wird von der deutsch-nationalen Partei verlangen, dass sie sich innerlich mit der heutigen Zeit uneingeschränkt abfindet, aber man sollte doch meinen, dass abweichende Auffassungen zurückzutreten haben hinter der Forderung der Zeit, alles, was wir heute an Kräften in unserem Volke besitzen auf das eine Ziel des Wiederaufbaues unseres Volkes und Staates zu einen.

Die Ukraine mit Denikin im Kampf

Bern8 Oktober. Das ukrainische Pressebüro meldet aus Kamenez-Podolsk:

Alle Bemühungen der ukrainischen Regierung, den Kampf mit Denikin zu vermeiden, sind gescheitert. Eine ukrainische Truppe wurde von der russischen Freiwilligen Armee überfallen, worauf die ukrainische Regierung Denikin den Krieg erklärte. Das Vordringen der Truppe Denikins nach Westen ist aufgehalten. Es fanden heftige Kämpfe um Christinowka statt.

Die Kriegserklärung wurde von der ukrainischen Bevölkerung mit Begeisterung aufgenommen, denn es ist ein Krieg um die nationale und soziale Befreiung.

Auch hinter der Front Denikins brachen Bauernaufstände aus.

Tobolsk von Koltschak besetzt

WTB. London8. Oktober"Reuter" erfährt, dass nach einem Telegramm aus Moskau vom 5. Oktober die Truppen Koltschaks Tobolsk besetzten.

Haase über das Revolverattentat

Der Täter geistig minderwertig.

B. D. Berlin9. OktoberAbgeordneter Haase gab im Hedwig-Krankenhause, nachdem er verbunden worden war, folgende Darstellung des Attentates:

"Ich ging in Begleitung meiner Frau zum Reichstag und wurde durch einen Schuss, der hinter mir fiel, plötzlich aufgeschreckt. Als ich mich umwandte, sah ich in geringer Entfernung einen Mann, der erneut auf mich anlegte. Ob der erste Schuss mich schon getroffen hat, kann ich nicht sagen. Zunächst bemerkte ich jedenfalls von einer Verwundung nichts. Um ein weniger gutes Ziel zu bieten, lief ich in gebückter Haltung nach der Ecke des Reichstagsgebäudes. Der Attentäter feuerte hintereinander 5 bis 6 Schüsse auf mich ab. Ich war vor allem bestrebt, meine Frau in einer der Nischen des Reichstagsgebäudes vor den Kugeln des Mannes in Sicherheit zu bringen und mich dann mit ihr, während noch weitere Schüsse fielen, in der Richtung auf das Reichstagsportal in der Sommerstraße zu flüchten. Unterwegs brach ich jedoch zusammen. Obwohl mehrere Leute den Vorgang aus nicht allzuweiter Entfernung beobachteten, gelang es dem Attentäter doch, ungehindert sein Feuer auf mich zu richten. Als ich mich nach dem ersten Schuss umdrehte, bemerkte ich deutlich, wie er nach meinem Kopfe zielte. Ich fühlte, dass er dadurch, dass ich mich bückte, das sichere Ziel verlor und unsicher schoss, und glaube, dass ich es nur meiner schnellen Vorsichtsmaßnahme verdanke, wenn ich vor schweren Verletzungen bewahrt geblieben bin."

Die Motive, die den Attentäter geleitet haben, sind jetzt wohl vollkommen geklärt. Es handelt sich um die Tat eines geistig minderwertigen Menschen gegen eine ihm missliebige Persönlichkeit, nicht aber um ein politisches Attentat. Selbst die "Freiheit" muss heute zugeben: "Es hat ziemliche Wahrscheinlichkeit, dass der Mann geistig minderwertig ist, und wir, die wir uns stets gegen die politische Ausschlachtung von Irrsinnstaten gewandt haben, sind die letzten, die diesen Mann irgendeiner Partei an die Rockschöße hängen wollen."

Neben diesen Sätzen bringt die Freiheit aber entsprechend ihrer Hetztendenz einen Aufruf des Zentralkomitees der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, der wieder von der angeblichen Mörderzentrale der Militaristen fabelt und speziell zu dem Anschlag auf Haase sagt: "Diese Tat entspringt nach den offiziellen Angaben Motiven eines geistig nicht Normalen. Wie dem immer sei, sicher ist, dass die Tat nur in einer politischen Atmosphäre, in der die Revolutionäre als volgelfrei gelten und ihre Mörder frei ausgehen, möglich wurde."

Das Vernehmungsprotokoll bietet das typische Bild eines geistig gestörten Querulanten. Er benahm sich auf der Polizeiwache so merkwürdig, dass man ihn zur Überprüfung seines Geisteszustandes einer Irrenanstalt überweisen wird. Für seine Minderwertigkeit spricht auch ein bei ihm vorgefundenes Flugblatt, dessen Verfasser er nach seinen eigenen Angaben ist.

Haases Befinden gibt zu keinen Besorgnissen Anlass. Man hofft, dass er in wenigen Wochen wiederhergestellt sein wird. Unter der Überschrift "Ein unpolitisches Attentat", sagt der "Vorwärts": Die ungeheure Aufregung, die die Nachricht von dem Attentat auf Haase gestern in der Nationalversammlung hervorrief, legte sich erst, als bekannt wurde, dass die Verletzungen Haases unbedenklich seien und dass dem wahnwitzigen Anschlag kein politisches Motiv zugrunde lag. Die menschliche Teilnahme für das Opfer des Überfalls wurde hierdurch nicht vermindert, zumal Haase auch bei seinen politischen Gegnern Achtung und Sympathie genießt. Aber die Entpolitisierung dieses Zwischenfalls bedeutet zugleich eine Entgiftung und darum eine Erleichterung für alle, die das Volksleben auf die Bahn einer gewaltlosen inneren Entwicklung gelenkt zn sehen wünschen.

Näheres über den Attentäter Boß

WTB. Berlin9. Oktober. Von zuständiger Stelle wird uns mitgeteilt: Zur Kenntnis über die Person des Attentäters auf den Abgeordneten Haase mögen noch folgende Tatsachen angeführt werden: Vor genau einem Jahre wandte sichJohann Boß, wie seine Ehefrau in verschiedenen Briefen und Eingaben an das preußische Finanzministerium mit der Behauptung, dass bei der Ziehung der preußischen Klassenlotterie Unregelmäßigkeiten vorkämen. Den Eingaben und Briefen, die voller Beleidigungen waren, waren Flugblätter beigefügt, die die gleichen sind, die heute bei dem Attentäter gefunden wurden. Die Staatsanwaltschaft leitete auf Antrag des damaligen Finanzministers Hergt vom 21. Oktober 1918, erneuert vom jetzigen Finanzminister Dr. Südekum, am 19. Juli 1919, das Verfahren gegen die Eheleute Boß wegen Beleidigung und Erpressung ein. Infolge der Amnestie wurde das Strafverfahren wegen Beleidigung fallen gelassen, wogegen das Verfahren wegen Erpressung fortgeführt wird. Boß scheint also nicht nur ein leidenschaftlicher Gegner des unabhängigen Abgeordneten Haase, sondern auch der früheren und jetzigen Regierung zu sein, wie aus den vorgefundenen, schon oben erwähnten Flugblättern hervorgeht und aus seinen mehrfachen Erpressungsversuchen (er selbst gibt an, dass Haase gegen ihn einen Prozess wegen Erpressung geführt hätte), handelt es sich um einen gemeingefährlichen Menschen, dem wirklich politische Interessen fernliegen dürften.

Erzberger gegen Helfferich

WTB. Berlin8. Oktober. Wie die "Kreuzzeitung" erfährt, hat Staatssekretär Helfferich am 7. d. Mts. von der Staatsanwaltschaft eine Vorladung für den 10. d. Mts. in dem auf den Strafantrag des Reichsfinanzministers Erzbergereingeleiteten Ermittelungsverfahren erhalten.

Eine deutsche Sparprämienanleihe.

(Eigne Drahtung der "Hartungschen Zeitung".)

B. D. Berlin9. Oktober. Auf Grund des § 2 des Gesetzes über einen Anleihekredit für das Rechnungsjahr 1919, sowie die Ausgabe von Inhaberpapieren mit Prämien vom 22. August 1919 ist der Reichsminister der Finanzenermächtigt, mit Zustimmung des Zehnerausschusses der Nationalversammlung die zur Bestreitung außerordentlicher Ausgaben bewilligten Kredite auch durch Ausgabe von Inhaberpapieren mit Prämien flüssig zu machen. Ein vom Reichsfinanzminister dem Ausschuss gestern vorgelegter Plan für eine Sparprämienanleihe ist in der gestrigen Sitzung des Zehnerausschusses eingehend besprochen worden und hat gegen eine Stimme bei einer Stimmenthaltung Annahme gefunden.

Vom Berliner Metallarbeiterstreik

(Eigne Drahtung der "Hartungschen Zeitung".)

B. D. Berlin9. Oktober. In der gestrigen Versammlung der Funktionäre der Verwaltungsstelle Berlin des Deutschen Metallarbeiterverbandes gab der Bevollmächtigte der 15er Kommission Rusch den Bericht über die Streiklage. Er machte die Mitteilung, dass am Mittag ein längerer Brief des Reichsarbeitsministers eingelaufen sei. Es hätte keine Möglichkeit bestanden, die 15er Kommission zusammen zu berufen, damit sie Stellung zu diesem Briefe nehmen könne. Der Reichsarbeitsminister macht in dem Briefe einen Vermittelungsvorschlag, der Opfer von den Arbeitgebern und den Arbeitnehmern fordert. Beide Parteien sollten in den einzelnen Berufsgruppen zusammentreten, um sie in die im Schiedsspruch vom 21. August festgesetzten Lohnklassen einzuordnen. Wenn keine Einigung erzielt würde, so solle ein im Einvernehmen beider Parteien vom Reichsarbeitsministerium benannter Sachverständiger entscheiden.

Auf Antrag eines Obmannes fand über den Brief des Reichsarbeitsministers keine Aussprache statt. Der 15er Kommission bleibt es überlassen, auf Grund des Vorschlages des Reichsarbeitsministers in Verhandlungen einzutreten .

Vor Eintritt in die Tagesordnung wurde anlässlich des Attentates auf Haase eine Resolution angenommen, die schärfsten Protest dagegen erhebt, dass die Regierung durch milde Bestrafung von Mördern, die hervorragende Führer des Proletariates getötet haben, die Gegenrevolution stärkt und neue Mörder heranzieht. (Die Regierung bestraft nicht; die Justizbehörden, die in jeder Beziehung unabhängig sind, verurteilen auf Grund der Beweis- und Tatbestandsaufnahmen.)

In der Siemensstadt ist gestern abend 6 Uhr von der Streikleitung und den Elektrizitätsarbeitern in Spandau der gesamte elektrische Strom abgeschnitten worden. Der Stadtteil liegt vollkommen im Dunkel. Kanalisation und Straßenbahn sind ebenfalls stillgelegt. Man erwartet die technische Hilfstruppe, damit diesen Zuständen ein Ende bereitet werden kann. Es ist auch wieder zu Ausschreitungen der Streikenden gekommen.

Die Mitgliederzahl der Betriebsräte

WZ. Der vor einiger Zeit veröffentlichte Entwurf sieht eine so große Anzahl von Betriebsratsmitgliedern in den einzelnen Betrieben vor, dass die zu gedeihlichem Fortgang des Betriebes unerläßliche Stetigkeit der Arbeit in Werkstätten und Büros gestört, unter Umständen unmöglich gemacht und damit der Bestand des Betriebes und Arbeitsgelegenheit der Arbeitnehmer gefährdet wird.

Diese und ähnliche Gründe sind es auch, die denReichsverband der deutschen Industrie und andere maßgebende Verbände veranlassten, einen diesbezüglichen Abänderungsvorschlag zu machen; nach diesem Vorschlag soll der Betriebsrat bestehen in Betrieben mit

Arbeitnehmern Mitgliedern

50 bis 100 aus 3 gegen 5 des Regierungsentwurfs

101 " 200 " 4 " 6 " "

201 " 400 " 5 " 7 bis 8 " "

401 " 600 " 6 " 9 " 10 " "

601 " 1000 " 7 " 11 " 14 " "

1001 " 2000 " 8 " 15 " 16 " "

2001 und mehr " 15 " 20 " " " bei 3501 Arbeitnehmern und mehr.

Anscheinend in der Erkenntnis, dass ihr Entwurf verbesserungsbedürftig ist, hat sich die Regierung entschlossen, den betreffenden Artikel dahingehend umzuändern, dass nunmehr in Betrieben von 100 bis unter 1000 Arbeitnehmern statt für je 100 für je 200 weitere Arbeitnehmer ein Mitglied zu wählen ist. Mit Recht erklären die obengenannten Verbände: "Ein Betriebsrat von 20 Mitgliedern ist unbedingt zu groß, als dass er noch wirksam verhandeln könnte. Aus denselben Gründen muss Vorsorge getroffen sein, dass bei erheblicher Verringerung der Arbeitnehmerzahl durch eine Neuwahl eine entsprechende Verkleinerung der Zahl ihrer Vertreter herbeigeführt wird."

Der Vorstand der demokratischen Fraktion

WTB. Berlin9. Oktober. Die demokratische Fraktion der Nationalversammlung hat gestern den Abg. v. Payer wieder zum Vorsitzenden gewählt, zum zweiten Vorsitzenden Petersen, zum dritten Hartmann ausersehen.

Die Zensur in Lothringen

WTB. Versailles8. Oktober. Nach einer Privatmeldung des "Temps" aus Metz ist der Chefredakteur Demange des in Metz erscheinenden "Metzer Freien Journals" verhaftet worden. Das Blatt wurde untersagt und die Druckerei geschlossen. Die Verhaftung soll erfolgt sein, weil die Zeitung alle Ausstände, die in letzter Zeit in Lothringen ausbrachen, ermutigte und billigte.

In Elsass-Lothringen finden, laut "Boff. Ztg.", neuerdings wieder Massenausweisungen statt.

Info:
Archivsignatur: Königsberger Hartungsche Zeitung, Nr. 474, 9. Oktober 1919, Bundesarchiv Berlin, R 2202.
Zitierweise: Königsberger Hartungsche Zeitung, Königsberg, 9. Oktober 1919, in: Viadrina Center B/Orders in Motion (Hrsg.): "Grenzen, Kriege und Kongresse. Die Neuordnung Ostmitteleuropas aus dem Erbe der Imperien, 1917-1923" - Ausgewählte Projektquellen, bearb. von Thomas Rettig. URL: https://www.borders-in-motion.de/web/grenzen-kriege-und-kongresse/dokumente-anzeige-seite (Zugriff am 13-12-2019)

Königsberger Hartungsche Zeitung, Königsberg, 6. Oktober 1919

Königsberger Hartungsche Zeitung, Königsberg, 6. Oktober 1919

Transkription:
Nr. 468. Abendausgabe. Erstes Blatt.

Königsberger Hartungsche Zeitung

Zur Räumung des Baltenlandes - Missglückte Moskauer Umschwungpläne — Ende des englischen Eisenbahnerstreiks - Damaschke als Anwärter für das Reichspräsidium - Naumann-Trauerfeier ln Berlin - Schlichtung des Königsberger Ausstandes Union-Steinfurt?

Der Eintritt der Demokraten in die Regierung

Von Freiherrn v. Richthofen, Mitglied der Nationalversammlung und d. Preuß. Landesversamml.

(Nachdruck verboten.)

Morgen wird Reichskanzler Bauer in der Nationalversammlung über die innere und äußere Politik des Deutschen Reiches sprechen. Er wird hierbei Gelegenheit nehmen, sein neues Kabinett dem Parlament vorzustellen und die Gründe darzulegen, die für einen Wiedereintritt der Deutschen demokratischen Partei in die Reichsregierung bestimmend gewesen sind. Die Männer, die zu neuen Mitgliedern im Reichsministerium ernannt worden sind, haben in der Partei und über sie hinaus einen guten Namen. Der neue Reichsjustizminister Schiffer, der zu gleicher Zeit das Amt des Stellvertreters des Reichskanzlers innehat, gilt mit Recht als ein vorzüglicher Jurist. Aus seinen reichen Erfahrungen heraus wird er gewiss die große Aufgabe zu bewältigen vermögen, die ihm in der bevorstehenden Reform unserer gesamten Straf- und Zivilgesetze erwächst. Eine Aufgabe, die die notwendige Ergänzung zu dem Werke der Weimarer Verfassung bildet, und deren Inangriffnahme längeren Aufschub nicht mehr duldet. Auch mit dem bisherigen Oberbürgermeister von Kassel, Koch, zieht ein Sachverständiger ersten Ranges in das Reichsministerium des Innern ein. Und die demokratische Partei hat aus diese Weise deutlich gezeigt, wie ernst es ihr mit der Erfüllung der Forderung ist, dass im parlamentarischen Staate die politisch bedeutungsvollen Ämter wohl unter Berücksichtigung der parteipolitischen Anschauungen besetzt werden sollen, dass aber nach wie vor eine wirkliche Sachkunde die Voraussetzung für jede Ernennung sein muss.

Außer den Ministerien der Justiz und des Innern wird noch ein Mitglied der demokratischen Partei an die Spitze des neuen Ministeriums für die wirtschaftliche Durchführung des Friedens berufen werden. Über die Notwendigkeit dieses neuen Ministeriums werden die Meinungen zweifellos auseinandergehen. Dass für die Entschädigung der Ausland- und Kolonialdeutschen eine oberste Instanz geschaffen wird, ist an sich gewiss in hohem Maße wünschenswert. Die Verhältnisse liegen hier außerordentlich schwierig und für die durch den Ausgang des Krieges so schwer in Mitleidenschaft gezogenen berufenen Pioniere des Deutschtums im Auslande war bisher nur in völlig unzureichender Weise gesorgt. Der neue Minister steht hier gewiss vor einer dankbaren Aufgabe. Das Gleiche gilt von der Wiederherstellung der deutschen Handelsflotte, die uns durch die Bedingungen des Waffenstillstandes und Friedens brutal entrissen worden ist. Der Wiederaufbau der durch kriegerische Maßnahmen zerstörten fremden Gebiete ist aber eigentlich eine Angelegenheit der auswärtigen Politik. Denn das Deutsche Reich hat das lebhafteste Interesse daran, streng darauf zu halten, dass alles, was mit der Durchführung des Friedensvertrages zu tun hat und nur durch andauernde unmittelbare Verhandlungen mit den früher feindlichen Regierungen zu regeln ist, deutlichst in den Bereich der auswärtigen Politik verwiesen bleibt. In dem Friedensvertrag liegt eine so große Gefahr für die Aufrechterhaltung der Souveränität des deutschen Staates, dass wir jede Möglichkeit einer Einmischung des Auslandes in unsere inneren Verhältnisse soweit wie möglich ausschalten müssen. Das neu zu bildende Ministerium wird daher praktisch einen Teil derjenigen Geschäfte zu erledigen haben, die an sich dem Ministerium des Auswärtigen zukommen müssten, und es wird daher nur im engsten Einvernehmen mit dem Auswärtigen Amt geleitet werden können. Der außerordentliche Umfang der von dem Ministerium des Auswärtigen zu bearbeitenden Angelegenheiten rechtfertigt aber vielleicht diese Trennung. Da bisher noch nicht mit Sicherheit feststeht, welches Verfahren die französische Regierung bei dem Wiederaufbau einzuschlagen gedenkt, so lässt sich auch über die eigentliche Tätigkeit des neuen Ministeriums noch nichts Bestimmtes sagen. Es ist möglich, dass ihm die gewaltige Aufgabe zufällt, die Massen deutscher Arbeiter, die die Wiederherstellungsarbeiten zu leisten haben, anzustellen, zu überwachen und im fremden Lande zu schützen; es ist aber auch denkbar, dass seine Leistungen auf Materialbeschaffungen und sonstige Vergebungen an die deutsche Industrie beschränkt bleiben.

Der Eintritt der Demokraten in die Reichsregierung war eine nationale und damit politische Notwendigkeit. Die Lage unseres Vaterlandes erfordert eine Konzentration zum mindesten aller der Kräfte, die an der Schaffung des neuen deutschen Staates mitgearbeitet haben und ihn nach innen wie außen zu verteidigen bereit und damit zu vertreten befugt sind. Als die Deutsche demokratische Partei aus der Regierung ausschied, waren es keine Fragen programmatischer Bedeutung, die hierzu die Veranlassung boten. Die Mehrheit der Deutschen demokratischen Fraktion konnte sich zur Unterzeichnung des Friedensvertrages nicht verstehen und glaubte hieraus auch die parlamentarischen Konsequenzen ziehen zu müssen. Es kann dahingestellt bleiben, ob dies überhaupt notwendig war und ob man nicht mit Rücksicht auf die beispiellose Besonderheit der Friedensfrage hierauf hätte Verzicht leisten können. (Die große Mehrheit der demokratischen Partei war zum Unterschied vom Verfasser gegen diesen Friedensvertag. D. Schriftl.) Seit dem Austritt der Demokraten krankte dann unsere ganze innerpolitische Lage an einer gewissen Unwahrhaftigkeit. Denn die große demokratische Partei, die ihren politischen Grundanschauungen gemäß in erster Linie mit dazu berufen war, nicht nur an der Verfassung des neuen Deutschen Reiches, sondern an seiner weiteren inneren Ausgestaltung mitzuarbeiten, stand beiseite, ohne gleichzeitig eine oppositionelle Stellung einnehmen zu können. Und von den Parteien der rechten und linken Opposition war sie mindestens ebensoweit getrennt wie die beiden offiziellen Regierungsparteien. Diesem unnatürlichen Zustand ist jetzt durch den Wiedereintritt der Demokraten in die Regierung erfreulicherweise ein Ende bereitet worden. Es steht zu hoffen, dass auch weit darüber hinaus die neue, wieder aus drei Parteien bestehende Reichsregierung der bisherigen Regierung der Sozialdemokratie und des Zentrums an innerer Festigkeit und damit an Energie und Entschlussfähigkeit überlegen sein wird. Denn hiervon hängt die Zukunft unseres Vaterlandes ab.

Die deutschen Demokraten sind sich vor ihrem Eintritt in die Regierung sicherlich sehr klar darüber gewesen, dass auf den verschiedensten Gebieten Maßregeln von einscheidender Bedeutung ergriffen werden müssten. DerReichskanzler Bauer wird in seiner Rede gewiss, ohne Widerspruch zu begegnen, feststellen können, dass er an seinem in Weimar dargelegten Regierungsprogramm Änderungen grundlegender Art nicht vorzunehmen brauche. Auf der anderen Seite steht aber fest, dass wenn wir innerpolitisch den kommenden Winter bestehen wollen, mit größerer Voraussicht und festerer Hand regiert werden muss, als dies in letzter Zeit der Fall war. Ununterbrochen wird dem deutschen Volke gepredigt, dass allein angestrengteste Arbeit es zu retten vermag. Diese Arbeitsleistung kann aber nur gesichert werden, wenn der Streitsucht ein Damm gezogen wird, und wenn die unterstützungsbedürftigen Arbeitslosen scharf von solchen Elementen geschieden werden, die tatsächlich keinen Arbeitswillen besitzen. Und für Industrie und Handel muss durch eine Einschränkung der Zwangswirtschaft auf das notwendigste Maß die Bewegungsfreiheit wieder geschaffen werden, ohne die sie sich zu neuer Blüte unmöglich entfalten können. Auch wird nur auf diese Weise die Möglichkeit bestehen, der immer mehr um sich greifenden Korruption und dem Schiebertum wirksam entgegenzutreten. Nimmt man hierzu noch die großen Aufgaben, die in der Steuer- und Sozialpolitik zu lösen sind, so wird man den Entschluss der deutschen Demokraten, nunmehr wieder an entscheidendster Stelle zu tätiger Mitarbeit überzugehen, begrüßen müssen.

Die schwersten Gefahren aber drohen dem Deutschen Reiche nicht aus der inneren Entwicklung. Die Haltung, die einzelne Entente-Staaten noch heute gegen uns einnehmen, ist vielmehr eine so bedrohliche, dass wir nicht wissen können, vor welchen Ereignissen und Entschlüssen wir binnen kurzem stehen werden. Durch den Abschluss des Friedens ist zunächst die Einheit des Reiches gerettet und der Wille unserer Gegner, den deutschen Staat in Atome aufzulösen, zunichtegemacht. Wir haben ihn aber damit noch nicht aus der Welt geschafft. Und die so überaus traurige Schwäche unserer internationalen Stellung zwingt uns zu gespanntester Aufmerksamkeit und andauernder Vorsorge. Der Ausgang des Krieges hat Deutschlands Zukunft von seinem Verhältnis zu den verschiedenen Staaten des Auslandes abhängig gemacht. Das kann uns gewiss zu einer vollen Wiederaufrichtung führen. Aber unmittelbar neben dieser hoffnungsvollen Möglichkeit steht die Gefahr des Unterganges. Von der auswärtigen Politik, die wir in der nächsten Zeit führen, und von der Vertretung, die sie im Auslande finden wird, hängt Deutschlands Schicksal ab. Ein Staat, der sich in solcher Not befindet, braucht die Kräfte Aller, die ihm uneigennützig und aus innerster politischer Überzeugung zu dienen bereit sind. Damit aber war für die Deutsche demokratische Partei die Richtschnur gegeben. (Man kann diesen Anschauungen Richthofens destomehr beipflichten, je weniger sie von seinen persönlichen Wünschen beeinflusst sind, da ihm ja auch bei der neuen Regierungszusammensetzung die Leitung desAuswärtigen Amts nicht zugefallen ist. D. Schriftl.)

Ein offizieller Bericht über die baltische Lage

Über die Lage im Baltikum versendet die Pressestelle beim Generalkommando des 4. A.-K. nachstehenden Bericht, der für den bisherigen Verbleib der deutschen Truppen im Baltikum den Kampf gegen den Bolschewismus geltend macht, aber hinter dem Befehl zur Räumung nunmehr zurückzustehen hat:

Dem Wunsche der deutschen Regierung entsprechend ist das Generalkommando des 4. A.-K. seit Monaten bemüht, die Räumung Kurlands und Litauens durch deutsche Truppen loyal durchzuführen. Ein Hindernis erwuchs dieser Aufgabe, als Graf von der Goltz am 24. August bei seiner Rückkehr aus Berlin vor die vollendete Tatsache eines Beschlusses der Truppen gestellt wurde, der dahin lautete, sich dem Räumungsbefehl zu widersetzen und in Kurlandund Litauen zu bleiben. Die Truppen bestanden einerseits aus materiellen Gründen auf dem Versprechen, in Kurland siedeln zu dürfen, das ihnen die lettische Regierung gegeben hatte. Ausschlaggebend für den Beschluss der Truppe ist aber wohl die ideale Triebfeder gewesen, das Gefühl der Truppe, verpflichtet zu sein, auf dem kurländisch-litauischen Posten gegen den Bolschewismus auszuharren. Die Truppe, die monatelang im Kampfe gegen den Bolschewismus gestanden hat, weiß, wie schwer bedroht die Ostmark des Deutschen Reiches immer noch durch den Bolschewismus ist, und sie weigert sich daher Kurland und Litauen zu verlassen, solange diese Bedrohung der Heimat weiter besteht. Dem neuerlichen Befehl zur Räumung, die nun endgültig durchgeführt werden sollte, haben sich im Laufe der letzten Tage neue Hindernisse in den Weg gestellt. Erstens einmal handelt es sich um die ernste Bedrohung des deutschen Rückzuges durch Letten und Esten. Die jungen Armeen der Randstaaten haben offenbar ein Auge auf das deutsche Heeresgut geworfen und beschlossen, dieses Heeresgut zu erbeuten. Die Letten haben zu diesem Zweck gegenüber der deutschen Demarkationslinie starke Truppen zusammengezogen und mit zwei Divisionen sind ihnen die Esten zu Hilfe geeilt. Diese Bedrohung wird dadurch verschärft, dass die Randstaaten Lettlandund Estland kurz vor dem Friedenschluss mit Sowjetrussland stehen. In Dorpat ist am 30. September zwischen den Vertretern der Randstaaten und Sowjetrussland ein Vorfriede so gut wie abgeschlossen worden. Aus diesen beiden Gründen kann der Rückzug nicht planmäßig vor sich gehen. Trotzdem ist das Generalkommando bemüht, mit der Räumung Ernst zu machen. Zu diesem Behufe haben russische Truppen des Freikorps des Obersten Bermondt bereits Teile der deutschen Demarkationslinie besetzt. Dadurch sind deutsche Truppen freigeworden, die zum Abmarsch bereitgestellt werden können. Ob dieser Abmarsch schon bald wird vor sich gehen können, ist freilich fraglich, denn ein Angriff der Esten und Letten auf die deutsch-russische Demarkationslinie scheint unmittelbar bevorzustehen. Von Seiten des Generalkommandos ist nichts unversucht gelassen worden, diesen Angriff unmöglich zu machen. Es ist zu diesem Zweck die assoziierte Militärmission in Riga darum ersucht worden, auf Letten und Esten dahin einzuwirken, dass sie ihre Truppen über die Düna zurückziehen, um jeglichen Zusammenstoß unmöglich zu machen. Bis zur Stunde hat die Entente diesem Wunsche leider nicht entsprochen, und die Spannung ist infolgedessen nicht gelöst.

Auch die Russen, gegen die die Esten und Letten eine drohende Haltung einnahmen, haben den Wunsch, nur gegen die Bolschewiki zu kämpfen. Eine diesbezügliche Erklärung haben die Russen der lettischen Regierung zugehen lassen, aber ob sie verstanden worden sind, ist eine Frage. Die Hindernisse, die Letten und Esten unter englischem Protektorat den Russen in den Weg legen, sind um so schwerwiegender, als eine militärische Aktion der in Kurlandstehenden russischen antibolschewistischen Formationen gerade im gegenwärtigen Augenblick die größte Aussicht auf Erfolg hätte. Denikin steht nur noch 300 Kilometer von Moskau entfernt und es ist wahrscheinlich, dass er das Herz Russlands noch in diesem Herbste erreichen kann. Auch Admiral Koltschak hat neuerdings Erfolge auf dem linken Flügel zu verzeichnen gehabt. Der strategische Plan Denikins ist dahin angelegt, die Masse der Roten Armeen nach Nordwesten und Westen abzudrängen. Dort sollte sie von der vor Petersburg stehenden Armee des Generals Judenitsch und von der in Kurland und Litauen aufmarschierenden Armee des Obersten Bermondt gepackt und vernichtet werden. Dieser Plan wird sich aber nicht verwirklichen lassen, solange die Entente die Bewegungsfreiheit Bermondts durch Vermittlung der Letten und Esten hemmt. Dagegen dürften die roten Horden über Lettland undLitauen hinaus nach Deutschland hineinfluten und damit den Westen Europas schwer gefährden. All diesen drohenden Aussichten leisten England, leisten die Esten und Letten ebenso Vorschub wie diejenigen,die damit einen natürlichen Schutzwall Deutschlands vernichten, dass sie die Truppen des 6. R.-K. in die Heimat zurückrufen. Man scheint sich in Deutschland der kolossalen aus dem Osten drohenden Gefahren eben immer noch nicht bewusst zu sein. Schwer bedroht sind zur Stunde insbesondere die deutschen Truppen in Kurland und Litauen, denn im Augenblick, da sie diese Gebiete räumen, türmt sich hinter ihnen eine bedrohliche Gewitterwolke empor: Letten und Esten, durch das Instrument des Dorpater Friedens mit den Bolschewiki vereinigt, drohen ihren Rückzug zu verwirren. Ziehen die deutschen Truppen endgültig aus Kurland und Litauen ab, so bleibt nur die Truppe des Obersten Bermondtals Schutzwall gegen die rote Flut im Osten zurück. Darauf sollte man sich in Deutschland besinnen, statt, wie es, um nur ein Beispiel zu nehmen, in Tilsit geschehen ist, die deutschen Soldaten, die die Heimat vor der roten Gefahr geschützt haben, zu verdächtigen und mit Schmutz zu bewerfen.

WTB. Berlin 6. Oktober. Dass die Räumung des Baltikums durch die deutschen Truppen nunmehr ohne Verzug durchgeführt werden soll, dafür bietet, wie der "Lokalanzeiger" schreibt, schon die Ernennung des energischen Generals von Eberhard zum militärischen Liquidator des umfangreichen Unternehmens Gewähr. Zu hoffen wäre, meint das Blatt, dass der örtlichen Zivilbevölkerung, die sich vor der Wiederholung der bolschewistischen Schreckenszeit des vergangenen Winters fürchtet und sich in Sicherheit bringen will, Gelegenheit geboten wird, das Land rechtzeitig zu verlassen. (Außerdem aber hat der Zielverband nunmehr die ernste moralische Pflicht, die Ordnung im Baltenlandezu sichern. D. Schriftl.)

Misslungene Verschwörung in Moskau

Stockholm4. Oktober. Über Finnland wird gemeldet: Eine kürzlich in Moskau aufgedeckte Verschwörung gegen die Räteregierung verdient Beachtung: erstens, weil an dieser Verschwörung namhafte Führer der Kadetten undOktobristen teilgenommen haben; zweitens aber, weil diese Leiter des sogenannten nationalen Zentrums es wahrscheinlich verstanden haben, nunmehr auch wesentliche Teile der Bolschewisten zu sich herüberzuziehen. Unter den verhafteten Verschwörern befinden sich neben den Oktobristen Obolenski und Stromberg die Kadettenführer AstrowSchtschepkinWolkow, wohingegen Miljukow und Winawer sich gegenwärtig außerhalb der Grenze Russlandsaufhalten. Die Meldung, dass die verhafteten Kadettenführer bereits hingerichtet worden sind, scheint sich nicht zu bestätigen. ObolenskiAstrow und Schtschepkin saßen beim Abgang dieser Meldung jedenfalls noch im Moskauer Laganka-Gefängnis [gemeint ist Lubjanka]. In die Hände der Räteregierung geriet bei der Verhaftung die ausgebreitete Korrespondenz zwischen den Verhafteten und Denikin, aus der hervorging, dass für die ersten Oktobertage die Überrumpelung des Kreml und die Gefangennahme sämtlicher in Moskau befindlichen Regierungsmitglieder geplant war.

Man dachte hierbei an den 2. Oktober, wo die meisten Volkskommissare mit Lenin und Trotzki an der Spitze in einer Volksversammlung im Moskauer Großen Theater Bericht über die politische und militärische Lage erstatten wollten. 3000 von den Verschwörern Angeworbene sollten das Theater umzingeln, sich der Regierungsmitglieder bemächtigen, und eine zunächst aus Demokraten und menschewistischen Sozialisten bestehende provisorische Regierung proklamieren. Die von Denikin heimlich nach Moskau gekommenen und nunmehr ebenfalls verhafteten Führer Muchin und Kusnjetzow sollten gleichzeitig erklären, dass Denikin seine Armee der neuen Regierung zur Verfügung stelle. Man hatte gehofft, dass namentlich die Moskauer Arbeiterschaft, die durch ihren jüngsten politischen Streik ihre Abneigung gegen den Bolschewismus kundgegeben hatte, sich nicht gegen eine vollendete Tatsache auflehnen würde. Die in Moskau liegend, hauptsächlich aus Letten und Chinesen bestehende 2. Rote Division glaubte man, würde nach erfolgter Verhaftung sämtlicher Häupter des Bolschewismus sich ebenfalls mit dem plötzlichen Regierungswechsel befreunden und auf eigene Sicherheit bedacht sein. Es soll besonders betont werden, dass der geplante und nunmehr misslungene Putsch ohne Wissen und Mitwirkung des überreaktionären sogenannten Pariser Russenkomitees (SafonowGutschowMaklakow) gedacht war, was schon daraus hervorgeht, dass die neue Regierung eine ausgesprochen demokratisch-sozialistische sein sollte.("Voss. Ztg.")

Rücktritt des türkischen Kabinetts

WTB. Berlin5. Oktober. Nach Meldungen aus Konstantinopel nahm der Sultan die Demission des Großwesir Damad Zefid Pascha an. Das gesamte Ministerium tritt zurück. Es ist bis jetzt noch nicht bestimmt, wer das neue Kabinett bildet.

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Litauer gegen Polen

Aus Kowno wird dem "Litauischen Pressebüro" mitgeteilt: Die Bewohner in den von den Polen besetzten Gebieten Litauens erkennen, dass das polnische Regime die Wiederkehr der Herrschaft der Großgrundbesitzer und der Volksunterjochung bedeutet. Die Polen sehen deshalb ein, dass sie nicht mehr lange imstande sein werden, die litauischen Gebiete besetzt zu halten, und führen darum den Bauern das Getreide und andere Materialien weg. Im Gebiete des früheren Gouvernements Suwalki, wo sich mehrere tausend Bauern zur litauischen Freiwilligenarmee meldeten, kam es zu Erhebungen gegen die polnischen Gebrüder.

Nach einer telephonischen Mitteilung aus Kowno vom 2. Oktober ereignete sich in Schaulen ein bedauerlicher Vorfall. Dort stehende deutsche Soldaten sollen das litauische Gymnasium angegriffen haben, wobei der Gymnasialdirektor und einige Lehrer und Schüler getötet wurden. Eine Untersuchung darüber ist im Gange. (Dann wird sich auch zeigen, ob das selbstverständlich nicht unparteiische "Litauische Pressebüro" berechtiget war, das Gerücht, das einen Vorwurf gegen die deutschen Soldaten erhebt, in dieser Form weiterzuverbreiten. D. Schriftl.)

Trostloses aus Polen

(Eigne Drahtung der "Hartungschen Zeitung".)

B. D. Rotterdam6. Oktober"Times" melden aus Warschau, dass die politische und wirtschaftliche Lage in Polen trostlos ist. Der Landwirtschaftsminister und der Lebensmittelminister sind zurückgetreten, weil sie die Schwierigkeiten nicht zu überwinden vermögen. Seit dem Juli sind keine Lebensmittelsendungen aus Amerika mehr eingetroffen. Das Getreide der diesjährigen Ernte wird von Händlern mit den höchsten Gewinnen verkauft und gleichzeitig ist die kommunistische Propaganda unter den Arbeitslosen und den Industriearbeitern, sogar in der Armee im Gange. Das schlimmste Zeichen ist, dass die mächtige sozialistische Partei jetzt gemeinsam mit den extremsten Kommunisten zusammengeht.

("L.-R.")

Eine russische Westregierung

(Eigne Drahtung der "Hartungschen Zeitung".)

B.D. Berlin6. Oktober. Nach Nachrichten aus Mitau ist eine russische Westregierung gebildet worden. Die Namen der Minister sind noch nicht bekannt. Zum Gouverneur für die lettischen Provinzen ist Oberst Schneidemann ernannt worden. Er soll die deutschen Truppen im Einverständnis mit der deutschen Regierung aus Kurland entfernen. Das Programm der Regierung ist eine baldige Einberufung der Nationalversammlung, um nach dem Willen der Mehrheit der Bevölkerung die Regierungsform festzustellen, und Bekämpfung der Minderheiten, die der Einsetzung einer Nationalversammlung widerstreben, in erster Reihe also der Bolschewisten. Die Regierung ist entschlossen, sich von diesem Programm weder von Deutschland, noch von der Entente abbringen zu lassen. (Deutschland gegenüber ist eine besondere Entschlossenheit der Westrussischen Regierung in diesem Punkte gar nicht nötig; wir sind zufrieden, wenn sich die russische Frage möglichst rasch vernünftig ordnet, und wenn wir von der Bolschewistengefahr befreit werden. D. Schriftl.)

Die Friedensverhandlungen der Randstaaten

(Eigne Drahtung der "Hartungschen Zeitung".)

B. D. Helsingfors6. Oktober. Über die Friedensfrage wird von finnischer Seite amtlich mitgeteilt, dass die baltischen Staaten vorläufig Verhandlungen mit Russland nach dem 25. Oktober beginnen wollen. Finnland wird seinen endgültigen Standpunkt erst nach Befragung des Reichstags erklären, der zum 25. Oktober einberufen wird. Die finnischen Abgeordneten haben in Dorpat die Meinung vertreten, dass die Friedensverhandlungen auf eine breitere Grundlage gestellt werden müssen. Außer der Beteiligung der Polen ist auch eine Beteiligung der Ententemächte erforderlich, deren Haltung für das Friedensproblem ausschlaggebend sei. Die Waffenstillstandsfrage sei für Finnlandbedeutungslos, weil an der Ostgrenze faktisch Waffenruhe herrscht. ("Deutsche Allgemeine Zeitung".)

WTB. Versailles5. Oktober. Nach dem "Temps" veröffentlichte Tschitscherin einen scharfen Protest gegen jede Entscheidung über die Aalandsinseln ohne vorherige Übereinkunft mit Russland.

Ende des englischen Eisenbahnerstreiks

WTB. London 5. Oktober. (Amtlich.) Der Eisenbahnerstreik ist beigelegt.

WTB. London5. Oktober. Es verlautet, dass die Bedingungen, unter denen eine Einigung erzielt wurde, in einer für heute abend stattfindenden Massenversammlung der Eisenbahner bekanntgegeben werden. Die Arbeiter erhielten Anweisungen, die Arbeit sofort wieder aufzunehmen.

WTB. Berlin6. Oktober. Zur Meldung über die Beilegung des englischen Eisenbahnerstreiks sagt der "Vorwärts", es ist bis jetzt nicht erkenntlich, ob und inwieweit es der englischen Eisenbahnerschaft gelungen ist, ihre Forderungen durchzusetzen. Wenn man aber bedenkt, dass die englische Regierung von Tag zu Tag mehr Freiwillige heranziehen konnte, sodass die Aufnahme des Zugverkehrs in immer größerem Umfange erfolgte, so darf man kaum annehmen, dass es der Arbeiterschaft gelungen sei, wesentliche Vorteile in ihrem Kampf gegen die kapitalistische Regierung zu erreichen.

Unzufriedne Koblenzer amerikanische Truppen

B. D. Frankfurt a. M.6. Oktober. Am 2. Oktober wurde von den amerikanischen Behörden in Koblenz ein Generalalarm verkündet. Sämtliche Einwohner mussten sich laut vorheriger Anweisung sofort von der Straße entfernen. Die Straßenbahnwagen und die anderen Wagen mussten an Ort und Stelle halten. Von den amerikanischen Behörden war wohl mit Absicht das Gerücht ausgesprengt worden, es fei ein spartakistischer Putsch zu erwarten. Tatsächlich wurden größere Meutereien unter den amerikanischen Truppen befürchtet, denen in letzter Zeit der Sold nicht unerheblich herabgesetzt wurde. In verschiedenen Kasernen in Koblenz ist es aus diesem Grunde in den letzten Tagen zu offenen Auflehnungen der Soldaten gekommen. ("Deutsche Allgemeine Zeitung".)

Kammerneuwahlen in Frankreich

Versailles4. Oktober. Wie der "Matin" meldet, wird Clemenceau in der Kammer beantragen, diese am 30. November aufzulösen. Neuwahlen werden am 9. November stattfinden.

Vom Völkerbund und vom Frieden

Versailles4. Oktober. Im Anschluss an den Antrag Renaudel-Albert Thomas, der eine baldige Zusammenkunft des Völkerbundes verlangt, veröffentlicht Clemenceau einen Brief, den er am 4. September an Oberst House gerichtet hat und in dem er ersucht, die erste Sitzung des Völkerbundes schon im November abzuhalten.

Die Ratifizierung des Friedens

Versailles4. Oktober. Dem Senat ging gestern der Friedensvertrag zur Ratifizierung zu. Der Ausschuss für auswärtige Angelegenheiten trat sofort zusammen und bestimmte. dass die Verhandlungen am 9.Oktober beginnen. Die Abstimmung dürfte am kommenden Sonnabend erfolgen.

Das blockierte Fiume

Bern4. Oktober. Die Verschärfung der Blockade macht sich in Fiume immer mehr bemerkbar. Das italienische Rote Kreuz versucht, für die Kinder und Gebrechlichen Lebensmittel nach Fiume einzuführen. Italienfeindliche Kundgebungen werden aus Trau und Spalato sowie aus Albanien gemeldet.

Verhandlungen mit d'Annunzio

(Eigne Drahtung der "Hartungschen Zeitung".)

B.D. Lugano6. Oktober. Der Herzog von Aosta, der vom König mit einem Auftrag für d'Annunzio betraut worden war, ist gestern nach Rom zurückgekehrt, nachdem er und General Granzioli eine Zusammenkunft in Abbazia mit einem Vertreter d'Annunzios gehabt hatten. Er sollte d'Annunzio die Aufforderung überbringen, sich auf die Besetzung Fiumes zu beschränken, keine Freiwilligen mehr anzunehmen und im übrigen den Abschluss der VerhandlungenItaliens mit den Alliierten abzuwarten. Gestern mittag hatte der Herzog eine längere Unterredung mit Ritti. ("L.A.")

Innenpolitik
Eine Trauerfeier für Friedrich Naumann

(Eigne Drahtung der "Hartungschen Zeitung")

B.D. Berlin6. Oktober. Zu der Staatsoper fand gestern eine von der Deutschen demokratischen Partei veranstaltete Trauerfeier für Friedrich Naumann statt. Der Theaterraum war uberfüllt. Die Anwesenheit zahlreicher Parlamentarier aus den verschiedenen Fraktionen zeigte, wie die Verehrung für den Verstorbenen weit über den Rahmen der Partei hinaus alle, die ihn kannten, erfüllt. Auch Reichskanzler Bauer und der preußische Ministerpräsident Hirsch waren anwesend.

Senator Petersen hielt die Gedenkrede. Er führte etwa aus: Naumann ist der politische Führer, der seinen Lebensberuf als christlicher Seelsorger nie verleugnet hat. Als Seelsorger ist er in die Politik eingetreten, um so die Massen zur Sozialpolitik zu erziehen. Naumanns Sozialismus ging in die Tiefe. Er verstand unter Sozialismus Gerechtigkeit und Duldsamkeit auf der Grundlage der Menschenliebe. Er wusste, dass sich diese Gedanken nur durchsetzen können, wenn die Massen die Macht erhalten. Aber sein Sozialismus war im Gegensatz zur Sozialdemokratie national. So musste Naumann zur Gründung der national-sozialen Partei schreiten, als einer deren erster Anhänger und Schüler Naumanns sich Petersen bekannte. Petersen gab dann einen Überblick über die politischen Zustände zur Zeit des ersten Auftretens Naumanns und wandte sich im Zusammenhang damit gegen das Sozialistengesetz, welches eine wertvolle Staatsbürgerklasse von der praktischen Mitarbeit im Staate ausschloss. Naumann fand nicht überall das richtige Verständnis. Freilich, die Jugend scharte sich um ihn, denn sie sah in seiner Lehre den Weg zur Überwindung der Klassenkämpfe. All die, welche in Naumann nur einen Ideologen und Propheten sahen, also einen Menschen, der sich nicht auf den nüchternen Boden der Tatsachen stellen kann, tun dem Volksmann Naumannsicher unrecht. Im Gegenteil: Naumann war ein Realpolitiker von staunenswerter Kraft. Als er sah, dass sich seine Gedanken nicht im Rahmen des engen Kreises seiner Partei durchführen ließen, löste er kurz entschlossen seinenational-soziale Partei auf und schloss sich dem linken Flügel der Liberalen an. Sein Ziel und sein Programm war der Zusammenschluss aller Demokraten von Bassermann bis Bebel. Ohne Aufhören hat Naumann bis zu seinem Todestage für die Bildung einer deutschen Linken gewirkt, so lange es noch möglich war. Das Land ohne Revolution zu demokratisieren, war Naumanns großes Ziel.

Petersen ist der Ansicht, Liberale und Sozialisten hätten eine tragfähige Linke bilden können, die dann ohne Revolution mit dem Kaisertum zusammen regieren könnte. Es sei der große Vorwurf, den man der alten Regierung machen müsse, dass sie diese Forderung nicht rechtzeitig erkannt und ihr nachgegeben habe. Die Frage müsse offen bleiben, ob sich nicht bei einem Kaisertum, gestützt auf die große politische Demokratie, Krieg und Revolution hätte vermeiden lassen können. Naumann hatte stets aus dem Boden des Ausgleichs im Interesse der Gesamtheit gestanden. Es war das große Unglück des deutschen Volkes, dass bei Ausbruch des Krieges die politische Führung nicht getragen war von dem Vertrauen der Mehrheit des Volkes. Hätten wir 1914 das parlamentarische System gehabt, und es hätte von der Regierung auf Grund des geheimen und gleichen Wahlrechtes erzwungen werden können, so wäre nach Ansicht des Redners der Krieg wohl zu vermeiden gewesen. Jetzt ist es zu spät und das Kaisertum ist rettungslos verloren, das sich hätte behaupten können, wenn es sich rechtzeitig mit der Demokratie verbunden hätte. Die Zukunft Deutschlands liegt in der neuen deutschen Demokratie, die national und sozial sein muss. Dann wird sie im Sinne Naumanns nicht nur in Deutschland, sondern in der Welt ihre Stellung behaupten, getragen von den Gedanken der Gerechtigkeit und der Duldsamkeit, begründet auf der Liebe zu den Menschen.

Damaschke, Kandidat für die Reichspräsidentschaft

Hamburg4. Oktober. Angehörige aller Parteien veröffentlichten hier einen Aufruf zu der Neuwahl des Reichspräsidenten, die der Verfassung gemäß bald erfolgen muss. In diesem Aufruf wird der bekannte Bodenreformer Adolf Damaschke für das Amt des Reichspräsidenten vorgeschlagen.

Dr. A. Damaschke legte einem Mitarbeiter der "Ratl.-Ztg." seine Stellungnahme zu der ihm angebotenen Präsidentschaftskandidatur dar: Aus allen Parteien Hamburgs, von den Deutschnationalen bis zu den Sozialdemokraten, ist man an mich mit diesem Ersuchen herangetreten, wohl hauptsächlich wegen der Vorträge über die Bodenreform, die ich in Hamburg hielt. Bei der eventuellen Annahme des Reichspräsidentenpostens ist hauptsächlich ein Gesichtspunkt für mich, der ich bekanntlich keiner Partei angehöre, maßgebend, nämlich meine Ansicht, dass innerhalb der Regierung ein entpolitisiertes Gebiet geschaffen werden muss. Nach der Verfassung sind bekanntlich alle Minister gleichzeitig Parteiführer. Der Reichspräsident muss meiner Ansicht nach eine Persönlichkeit sein, deren Wirken und Wollen kein unbeschriebenes Blatt sein darf, sondern deren Wirken und Wollen man jederzeit nachprüfen kann. Ich betone ausdrücklich, dass ich die Bodenreform nicht für die Lösung der sozialen Frage halte, sondern nur für die soziale Frage unserer Zeit. Sollte ich die notwendigen 200 000 Stimmen für die Kandidatur bekommen, so werde ich die Kandidatur annehmen, wenn ich erkenne, dass ich durch mein Wirken dem deutschen Volke nützen kann. (Damaschke hat auf seinem Sondergebiet fleißig und erfolgreich gearbeitet. An die Spitze des Deutschen Reiches gehört jedoch selbstverständlich eine Kraft, die nicht einseitig auf eine Teilfrage festgelegt ist. D. Schriftl.)

Die Vorbereitungsarbeit für das Reichswahlgesetz

WTB. Berlin5. Oktober. Halboffiziell wird geschrieben: Eine Berliner Zeitung behauptete in ihrer Morgenausgabe vom Sonnabend, das neue Reichswahlgesetz befinde sich im letzten Stadium der Vorbereitung. Diese Nachricht ist unzutreffend. Der vom Verfassungsausschuss der Nationalversammlung seinerzeit eingesetzte Unterausschuss ist zu endgültigen Beschlüssen über die Ausgestaltung des Verhältniswahlrechts noch nicht gekommen. Seine Vorschläge werden dann erst en den Verfassungsausschuss selbst gehen. Bevor sich dieser in der Sache nicht grundsätzlich schlüssig gemacht hat, kann die Regierung an die Ausarbeitung des Gesetzentwurfs nicht herantreten.

Turnen und Sport

d. Herbstgeländelauf in Juditten. Weit über 100 Läufer der verschiedenen Sportvereine setzten sich mit dem Startschuss um 3 Uhr in Bewegung. Meyer, von Sportklub Preußen, setzte sich wie üblich an die Spitze und legte die zirka 4000 Meter lange Strecke in der guten Zeit von 19,18 Minuten zurück. Als zweiter folgte Masuhr vom Akademischen Sportklub Ostpreußen. Die ersten weiteren acht Läufer trafen in nachstehender Reihenfolge ein: Keller (Preußen), Seidler (Preußen), Teschner (Akad. Sportkl. Ostpreußen), Gailus (Akad. Sportkl Ostpreußen), Rump (Akad. Sportkl. Ostpreußen), Felchner (Prussia-Samland), Melzer (Preußen), Mischke (Concordia). Den Wanderpreis der Stadt Königsberg gewann die erste Mannschaft des Sportklubs Preußen 1910 mit 52 Punkten, den zweiten Wanderpreis errang der Akademische Sportklub Ostpreußen mit 58 Punkten, Baltia erhielt den dritten Wanderpreis mit 173 und Verein für Bewegungsspiele den vierten mit 206. Von den Vereinen, die den Geländelauf zum ersten Male bestritten, stellte die Sportabteilung des Königsberger Männerturnvereins die beste Mannschaft. Sie errang 143 Punkte und damit die Ehrenurkunde des Kreises Ostpreußen. Als beste zweite Mannschaft ging Sportvereinigung Prussia-Samland II mit 383 Punkten durch das Ziel und erhielt einen Wanderpreis.

a. Stafettenläufe im Tiergarten. Der Verein für Körperübungen veranstaltete am Sonntag auf der Radrennbahn im Tiergarten mehrere Stafettenläufe, die einen recht spannenden Verlauf nahmen, obgleich sich nur Vereinsmitglieder daran beteiligten. In der viermal 100 Meter-Staffel siegte die Mannschaft Schaaf, Molles, Aßmus, Kaufmann in 50,1 Sek. Die dreimal 200 Meter-Stafette gewann Gronau. Horn Lätzler in 1,20 3/5. Die Olympische Stafette (500, 400, 200 Meter) sah wieder die Läufer Molles, Schaaf, Aßmus und Kaufmann siegreich (Zeit 4,9 1/5). In der Schwedenstaffel (400, 300, 200, 100 Meter) passierte die Mannschaft Lätzler, Buldmann, Damrau, Teubner in 2,16 als erste des Ziel. Die zehnmal 1000 Meter-Stafette schließlich gewann die blaue Mannschaft in der guten Zeit von 30,45 3/5. Die Veranstaltung fand bei den zahlreichen Zuschauern großes Interesse.

Königsberger Männerturnverein. Die Übungen für ältere Herren - vornehmlich Hantel-, Stab, Keulen- und Freiübungen - beginnen am Dienstag, den 7. d. Mts. und werden wöchentlich am Dienstag und Freitag von 6:30 U bis 7:15 Uhr abends in der Turnhalle der Hindenburg-Oberrealschule nach Musikbegleitung abgehalten. Diese seit mehr denn 30 Jahren bestehende Abteilung erfreut sich reger Teilnahme, vornehmlich aus denjenigen Berufskreisen, die ihre Tätigkeit in sitzender Stellung ausüben müssen. Nach dem Takte der Musik auszuführende leichte Arm-, Bein- und Rumpfübungen, wechselnd mit Gang- und gemischten Übungen lassen die Teilnahme auch der Ungeübtesten zu. Eine besondere Turnkleidung ist nicht erforderlich, es genügt das Ablegen der Oberkleidung. Zutritt wird auch Nichtmitgliedern gestattet.

Städtekampf Danzig-Königsberg im Ringen. Sonntag, den 12. d. Mts. findet in Danzig ein Städtewettkampf Danzig-Königsberg in vier Gewichtsklassen um einen Wanderpreis statt, der dreimal, auch außer Reihenfolge, zu gewinnen ist, ehe er in endgültigen Besitz übergeht. Außerdem erhält jeder der siegenden Mannschaft einen Ehrenbecher. Gleichzeitig findet ein Propagandaringen in der 3. Klasse statt, dem ein spannender Vorkampf, sowie ein Matchkampf eingefügt wird. Der letztere wird zwischen Ebelt-"Silesia"-Stettin und Eisenblätter, Fritz "Sandow"-Königsberg um den vom Danziger Oberbürgermeister gestifteten Ehrenpreis ausgefochten. Der veranstaltende Verein ist der Kraftsportverein "Gigantia"-Danzig, während Königsberg durch den hiesigen Sportklub "Sandow" vertreten ist.

Ringkämpfe im Metropol-Theater. Am Sonnabend raugen zunächst der Afrikaner Ambrosius de Sorza und Steegemann. Infolge seines geringeren Gewichtes musste Steegemann sich vollständig auf die Verteidigung verlegen, tat dies aber in so geschickter Weise, dass der Neger in seiner Erregung zu unerlaubten Mitteln Zuflucht nahm, was von dem Kampfleiter aber energisch zurückgewiesen wurde. Nach 14 Minuten siegte dann Ambrosius de Souza durch Untergriff von hinten. Der Danziger Bokrieske erlag nach 9 Minuten einem Schleudergriff aus dem Stande des Europameisters Hinze. Im Entscheidungskampfe zwischen dem Dänen Eriksen und dem Berliner Mohrmann siegte Eriksen nach einer Gesamtzeit von 1 Stunde 16 Minuten durch Schulterdrehgriff aus dem Stand. Am Sonntag rangen Steegemann und Bokrieske unentschieden. Dann traten sich der Neger Ambrosius de Souza und Mohrmann gegenüber. Der Neger musste wieder verwarnt und mit Disqualifikation bedroht werden. Er siegte nach 15 Minuten durch Schulterdrehgriff aus dem Stande. Zum Schluss gab es noch einen unentschiedenen Kampf zwischen dem Württemberger Ritzler und dem Dänen Eriksen. Heute ringen Binetzli gegen Binner. Hinze ringt gegen Bidler, Semmel gegen Mohrmann (Entscheidungskampf).

Aus Ost-Preußen

Studienfahrt von Danzig nach Königsberg.

Die Abteilung für Schiff- und Schiffsmaschinenbau an der Technischen Hochschule Danzig beendete am Donnerstag eine siebentägige Besichtigungsfahrt mit fünfzehn Teilnehmern unter Führung von Professor O. Lienau. Es wurden besichtigt: in Elbing die Werft und Lokomotivfabrik von Schichau, die Automobilfabrik und der Motorpflegbau von Komnick, sowie die Zigarrenfabrik von Loefer + Wolff, in Königsberg die Eisenbahnhauptwerkstätte, die Union-Gießerei und die Königsberger Zellstoff-A.-G. Das dankenswerte Bemühen der Werke ermöglichte es, die

Betriebe bis ins kleinste kennen zu lernen. Den Studierenden ward so nach langem Kriegsdienst wieder Gelegenheit geboten, den Stand der deutschen Industrie im Osten kennen zu lernen und neue Anregungen zu schöpfen. Die Studienfahrt lieferte den trefflichen Beweis, dass die namentlich im Westen stark verbreitete Ansicht irrig ist, dass die Danziger Hochschule aus der östlichen Industrie keine Anregung und Belebung des Unterrichts gewinnen könnte. Die Fülle des Gesehenen und die Hochwertigkeit des Erzeugten sowie das überaus bereitwillige Entgegenkommen der Werke zeigten vielmehr, dass Industrie und Hochschule zusammen dem Studierenden gerade viel zu bieten vermögen.

Labiau, 4. Oktober. Von einer Kuh auf der Weide zu Tode geschleift wurde der zwölfjährige Knabe Bluhm aus Grabenhof. Er hatte sich den Strick um die Hüften gewickelt; beim Überspringen eines Grabens muss der Knabe hingefallen sein, und da er jedenfalls nicht mehr auf die Beine konnte, ist er zu Tode geschleift worden.

Graudenz, 4. Oktober. Ein Wagen mit Handgranaten ist am Freitag in Tusch in die Luft gegangen. Bei dem Transport mehrerer Kisten Handgranaten von der Fortifikation Graudenz nach dem Artilleriedepot in Graudenz explodierten die Kisten mit Handgranaten, vermutlich durch Selbstentzündung von Sprengkapseln. Der Wagen wurde vollständig zertrümmert, ein Arbeiter war sofort tot, der Kutscher und ein Oberfeuerwerker wurden schwer verletzt.

Sind Lungenleiden heilbar? Mit dieser wichtigen Frage beschäftigt sich eine volkstümliche Broschüre des Chefarztes der Finken-Kur-Anstalt Dr. med. H. Guttmann. Es bieten sich in dieser Broschüre ganz neue Ausblicke zur Bekämpfung derartiger Leiden. Um es nun jedem Lungen-, Hals- und Kehlkopfkranken zu ermöglichen, sich dieses interessante Büchlein mit Abbildungen zu beschaffen, wird es vollständig umsonst und portofrei an derartig Kranke abgegeben. Man schreibe nur eine Postkarte mit genauer Adresse an die Firma Buhlmann + Co., Berlin 331, Müggelstraße 25a. Das Buch wird dann jedem Besteller sofort gratis zugesandt.

Info:
Archivsignatur: Königsberger Hartungsche Zeitung, Nr. 468, 6. Oktober 1919, Bundesarchiv Berlin, R 2202.
Zitierweise: Königsberger Hartungsche Zeitung, Königsberg, 6. Oktober 1919, in: Viadrina Center B/Orders in Motion (Hrsg.): "Grenzen, Kriege und Kongresse. Die Neuordnung Ostmitteleuropas aus dem Erbe der Imperien, 1917-1923" - Ausgewählte Projektquellen, bearb. von Thomas Rettig. URL: https://www.borders-in-motion.de/web/grenzen-kriege-und-kongresse/dokumente-anzeige-seite (Zugriff am 13-12-2019)

Forderung nach Plebiszit in Vilnius, Paris, 29. September 1919

Forderung nach Plebiszit in Vilnius, Paris, 29. September 1919

Transkription:

29 Septembre 1919

2.399

A Son Excellence Monsieur le Président de la Conférence de la Paix

Paris

Monsieur le Président,

Ces temps derniers, les sphères politiques polonaises ont entrepris une propagande intense en faveur de la séparation de Vilna de la Lituanie et de son rattachement à la Pologne, ainsi que pour un règlement de cette question par voie de plébiscite.

Dans la supposition que le Gouvernement polonais a pu entreprendre également des démarches en ce sens auprès de la Conférence de la Paix, nous demandons la liberté d'exposer à ce sujet les considérations suivantes:

1) VILNA est la capitale historique de l'Etat Lituanien, et elle est située dans une région qui, de temps immémorial, fait partie intégrante du domaine ethnographique purement lituanien.

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Tout ce qui s'y trouve actuellement de remarquable est l'oeuvre séculaire des Lituaniens, de leurs rois et de leurs Grands-Dues. L'histoire de la ville de Vilna est l'histoire de la Lituanie et inversement. Sans Vilna, il ne peut être question d'un développement subséquent du peuple et de l'Etat lituaniens.

2) La Ville de Vilna constitue, actuellement, le centre économique, politique et intellectuel du pays, ainsi que le noeud principal des voies de communication. Elle se nourrit des forces vives de peuple lituanien. Pendant la période marquée par le réveil du peuple lituanien à la conscience et à la vie nationales, la presse périodique lituanienne se concentre à Vilna, ainsi que les maisons d'édition, les institutions et sociétés savantes, les associations artistiques, etc... Séparer Vilna de la Lituanie, ce serait porter une atteinte des plus graves au pays et un coup de grâce à la ville elle-même.

3) On ne saurait céder Vilna à la Pologne sans rattacher en même temps à ce pays tout le gouvernement du même nom. Bien mieux le gouvernement de Vilna n'ayant pas de frontière commune avec la Pologneethnographique, on se verrait obligé de rattacher à la Pologne une grande partie du gouvernement de Grodno, et une partie de celui de Minsk. Or, une résolution de ce genre ne saurait être motivée d’aucune manière, car le nombre dos Polonais, estimé,

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dans les statistiques officielles de 1897, à 8,17% pour le gouvernement de Vilna et à 10% pour le gouvernement de Grodno, est, en réalité, beaucoup moins élevé.

4) Au point de vue ethnographique, les Polonais n'ont rien de commun avec Vilna et ses environs. L'élément qui prend ici le nom de Polonais se compose principalement de propriétaire fonciers lituaniens qui ont l'habitude de passer l'hiver dans la capitale lituanienne et dont les origines, en général, ne sont pas slaves mais bien lituaniennes. A cet élément de Vilna, se rattachent également les personnes appartenant aux mêmes milieux et exerçant des professions libérales. Tout le commerce de la ville, ainsi que l'industrie et les banques, (à l’exception d'une seule, fondée dans des buts politiques par les propriétaires fonciers) se trouvent, avec une grande partie des métiers et des professions libérales, entre des mains autres que celles de l'élément polonais ou polonisé.

En ce qui concerne les basses classes, très peu cultivées jusqu'à ce jour, elles sont, dans les campagnes comme dans les villes, d'origine purement lituanienne. Les doutes et les contestations relatifs au caractère ethnographique des habitants du gouvernement de Vilna sont provoqués principalement par les traces qu'ont laissées dans cette province des conditions tout-à-fait particulières et sans précédent dans l'histoire des peuples

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auxquelles fut soumise la population de ce pays.

Après l'annexion de la Lituanie, le Gouvernement russe a maintenu le peuple, durant plus d'un siècle, dans une complète obscurité. La langue nationale était bannie non seulement des écoles, mais même des livres de prières, et son emploi en public était sévèrement prohibé.L'Eglise Catholique, le seul lieu où quelque liberté était laissée à la population de développer ses facultés intellectuelles et morales, se trouvait entre les mains du clergé polonais ou polonisé et des grands propriétaires fonciers qui, grâce à l'ignorance artificiellement entretenue dans le peuple de ces provinces, parvenaient à lui faire confondre le catholicisme avec l'idée d'une confession polonaise.

Le peuple, de la sorte, demeura dans l'état où il se trouvait avant le partage de la Lituanie, avec cette différence que, sous l'influence du sévère régime russe et de la lutte contre le gouvernement moscovite pour la "confession polonaise", la conscience de sa nationalité et de ses origines s'obscurcit. Dans les districts orientaux, une partie de la population remplaça même par un jargon polono-russe sa langue maternelle qui était encore d'un usage courant dans toutes ces contrées il y a quelques décades. Si bien que, dans la partie orientale du gouvernement de Vilna, où l'action civilisatrice de la renaissance nationale n'a pas eu le temps de s'étendre, toute la population, d'origine lituanienne et non slave, ferme aujourd'hui une masse amorphe, susceptible de se transformer en un instrument aveugle entre les mains de

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démagogues habiles à exploiter les sentiments populaires tels que la religion, les intérêts économiques du moment, etc ...

Et comme le commun du peuple, se conformant à une vieille tradition, oppose à l'orthodoxie russe sa religion catholique comme une "confession polonaise" et, se considérant parfois, pour cette raison, comme polonais, défend son soi-disant "polonisme" avec une ardeur religieuse, les Polonais profitent de leur occupation actuelle du pays pour mieux exploiter encore qu'en temps ordinaire cette inconscience de la population lituanienne du Gouvernement de Vilna dans des fins politiques contraires aux intérêts généraux du peuple lituanien renaissant.

Etant donné que, jusqu'à ces derniers temps, la renaissance nationale lituanienne, grâce aux circonstances extérieures, eut à lutter contre mille difficultés et n'a pas pu étendre son influence sur les populations de pure origine lituanienne dont il est question ici, le fait de subordonner leurs destinées nationales à des données fournies par l’expression d’une volonté populaire dans les conditions ci-dessus équivaudrait à une justification des mesures de rigueur et des méthodes démoralisantes employées pendant plus d’un siècle par les ennemis du peuple lituanien.

Une époque relativement récente, celle des commencements de la renaissance nationale, nous fournit aussi dans les contrées des gouvernements de Kovno et de Suvalki de nombreux exemples de

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l'aberration qui, grâce aux conditions politiques néfastes où se trouvait la Lituanie, frappait un certain nombre de Lituaniens et en faisait les adversaires de leur propre patrie. Aujourd'hui, cependant, ceux-ci sont revenus au sentiment de leur nationalité véritable.

Pour ces raisons, la Lituanie ne consentira jamais à se laisser amputer ce ses domaines ethnographiques du Gouvernement de Vilna et considérera un pareil règlement comme une injustice criante envers son peuple frappé de maux si cruels dans sa lutte pour l'existence et la liberté.

5) Le plébiscite, outre les raisons indiquées ci-dessus, ne peut pas être considéré comme une expression exacte de la volonté des populations en question, en raison des conditions anormales créées par les évènements de guerre et par l'occupation polonaise actuelle qui maintient la plus grande partie de la population sous l'impression des pogroms, du boycottage et d'autres persécutions.

Enfin, nous prenons la liberté de joindre à ce pli une copie du rapport de Mr. Rozenbaum, notre Sous-Secrétaire d'Etat aux Affaires Etrangères et représentant des intérêts juifs auprès de la Délégation, rapport qui montre clairement de quel immense danger serait accompagné pour les Juifs de Pologne, de Galicie et des pays occupés par les Polonais, un plébiscite à Vilna.

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Veuillez agréer. Monsieur le Président, l'expression de notre considération très distinguée.

Le Président de la Délégation de Lituanie à la Conférence de la Paix.

Le Secrétaire.

 
Info:
Archivsignatur: Forderung nach Plebiszit in Vilnius, Paris, 29. September 1919, Litauisches Staatsarchiv, LCVA_383_7_10.
Zitierweise: Forderung nach Plebiszit in Vilnius, Paris, 29. September 1919, in: Viadrina Center B/Orders in Motion (Hrsg.): "Grenzen, Kriege und Kongresse. Die Neuordnung Ostmitteleuropas aus dem Erbe der Imperien, 1917-1923" - Ausgewählte Projektquellen, bearb. von Thomas Rettig. URL: https://www.borders-in-motion.de/web/grenzen-kriege-und-kongresse/dokumente-anzeige-seite (Zugriff am 13-12-2019)

Polnische Siedlungsgebiete, 1919

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Polnische Siedlungsgebiete, 1919

Quellentitel:

Poland

Quellenbeschreibung:

'Polish Atlas', containing maps showing ethnography, languages and religions of Poland and Galicia, prepared for the Peace Conference by the Naval Staff, ID. Admiralty.

Info:
Archivsignatur: The National Archives, FO 925/37106.
Zitierweise: Polnische Siedlungsgebiete, 1919, in: Viadrina Center B/Orders in Motion (Hrsg.): "Grenzen, Kriege und Kongresse. Die Neuordnung Ostmitteleuropas aus dem Erbe der Imperien, 1917-1923" - Ausgewählte Projektquellen, bearb. von Thomas Rettig. URL: https://www.borders-in-motion.de/web/grenzen-kriege-und-kongresse/dokumente-anzeige-seite (Zugriff am 13-12-2019)

Die auswärtige Politik des Zionismus, Wien, 30. November 1925

Die auswärtige Politik des Zionismus, Wien, 30. November 1925

Transkription:

Die auswärtige Politik des Zionismus

Bei einem Massenmeeting in den Olympiasälen gab Oberrabbiner Dr. Chajes eine wertvolle Übersicht über den politischen Status der zionistischen Bewegung. Aus diesem Vortrage geben wir das Nachfolgende wieder:

Die zionistische, jüdische und auch nicht jüdische Öffentlichkeit hat sich in den letzten Monaten sehr eingehend mit größerem oder geringerem Wohlwollen mit den inneren Fragen des Zionismus, mit der inneren Politik des Zionismus und mit den Fragen des Palästinaaufbaues beschäftigt, aber man hat sich in der Öffentlichkeit sehr wenig mit der auswärtigen Politik des Zionismus befasst. Es ist sehr schade, dass in unseren Kreisen so wenig Interesse für diese lebenswichtige Frage des Judentums und des Palästinaaufbaues vorhanden ist. Ich weiß sehr wohl, dass wir darin das Schicksal fast aller Kulturvölker teilen. Die Fragen der auswärtigen Politik, die so häufig für das Sein oder Nichtsein eines ganzen Staates oder einer Nation entscheidend sind, sie stehen sehr wenig im Mittelpunkte der öffentlichen Diskussion. Ich weiß nicht, ob sich seit dem Eintritt eines Großteiles der Welt in den Krieg in dieser Beziehung viel geändert hat. Ich glaube sogar annehmen zu können, dass das nicht der Fall ist. Der einzelne Bürger bemüht sich heute nicht mehr als vor dem Kriege, die auswärtige Politik seines Landes kennen zu lernen, um zu wissen, in welcher Richtung sie geführt werden soll. Das hängt letzten Endes in allen Staaten, soweit sie demokratisch regiert werden, vom Volke ab. Wir sind leider in diesem Punkte nicht besser als alle anderen Völker und das ist um so mehr zu bedauern, weil wir eine viel größere und schwierigere Mission zu erfüllen haben als bereits konstituierte Völker und Staaten. Im Interesse unserer Arbeit liegt

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es, dass so weite Kreise als nur irgend möglich zur Mitarbeit und zum Verständnis für die auswärtige Politik herangezogen werden, und noch aus einem anderen Grunde ist es schade, dass für diese Frage in der jüdischen und nichtjüdischen Öffentlichkeit so wenig Verständnis vorhanden ist, nämlich weil hier eine Tradition nach Jahrtausenden wieder aufleben könnte. Wenn wir von der heutigen Generation absehen, so ist es ein einziges Mal in unserer Geschichte geschehen und das war zur Zeit der Makkabäer, dass Juden auswärtige Politik betreiben konnten. Wohl hat es schon früher so etwas wie führende Politiker gegeben, nämlich die Propheten Jesaia und Jeremia, aber es waren nicht viele, die ihnen folgten. Was wir heute auswärtige Politik nennen, jene komplizierten Probleme, die sich nicht auf zwei oder drei Nachbarn beschränken, wie etwa zur Zeit der Propheten, die großzügige Politik auf weite Sicht haben wir nur ein einziges Mal, zur Zeit der Makkabäer. Seit dieser Zeit bis zum heutigen Tage hat es das nicht mehr gegeben. Nicht während der Zeit der Herodianer, denn damals waren wir schon Sklaven Roms, nicht während des ganzen Mittelalters und nicht während der Neuzeit bis auf den heutigen Tag. Erst jetzt nach zwei Jahrtausenden bietet sich uns wieder die Chance und sie ist weit günstiger als zur Zeit der Makkabäer, auswärtige Politik zu betreiben.

Wenn wir von auswärtiger Politik des Zionismus sprechen, so müssen wir in erster Reihe an das Verhältnis zu England denken. Es ist allgemein bekannt, dass unser Verhältnis zu England es ermöglicht hat, das Interesse weiter Kreise für unsere Idee zu erwecken, wenn auch nicht immer das richtige Verständnis hierfür vorhanden war. Die Ereignisse der letzten Monate, die sich in der nächsten Umgebung von Palästina abspielten, geben uns die Möglichkeit — soweit Mitlebende dies tun können, die für sich nicht in Anspruch nehmen, als Propheten zu gelten — , zu beurteilen, ob das Verhältnis zu England, wie es von der gegenwärtigen

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Leitung der zionistischen Bewegung seit der Balfour-Deklaration inauguriert wurde, ein gutes war oder nicht. Es ist nicht unbekannt, dass während und nach dem Kongress der verantwortlichen Leitung der zionistischen Bewegung der Vorwurf gemacht wurde, sie wäre England gegenüber zu nachgiebig und lasse sich ausbeuten. Zugegeben, dass wir in den fünf oder sechs Jahren unserer gemeinsamen Arbeit mit England mehr als einmal Gelegenheit hatten, berechtigte Klage zu führen. Ich glaube aber, wir haben heute ein Recht darauf, zu sagen, dass die Politik, wie sie von den verantwortlichen Führern der Bewegung seit der Balfour-Deklaration bis zum heutigen Tage im Verhältnis zuEngland geführt wurde, die richtige war. Es war berechtigt, dass wir vom ersten Augenblick an unser Verhältnis zu England als ein Verhältnis des gegenseitigen Vertrauens hinstellen. Gerade von England können wir lernen, Politik auf weite Sicht zu machen. Es gibt kein Volk und keine Bewegung, die sich so darauf einrichten muss, Politik auf weite Sicht zu führen, wie des jüdische Volk und die zionistische Bewegung. Wir haben uns vor kurzen bitter darüber beklagt, dass England zum High Commissioner von Palästina, ohne sich mit uns zu beraten, einen Nichtjuden und gerade einen hohen Militär gewählt hat. Wenn man kein Vertrauen zu seinem Partner hat, so konnte man sagen, dass dies wohl ein Vertrauensbruch war, den England begangen hat. Dagegen ist aber einzuwenden, dass sich England nie verpflichtet hat, einen Juden zum High Commissioner zu wählen, weder im Mandat noch in privaten Abmachungen. Man könnte sagen, dass wir bei einem Verhältnis, das mehr als vorübergehend ist, das auf Intimität und Vertrauen begründet sein muss, wohl hätten verlangen können, dass bei einer so entscheidenden

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Frage unsere frei gewählte und von England sowie vom Völkerbund anerkannte Behörde gefragt werde.

Die Ereignisse der letzten Wochen und Monate haben gezeigt, warum England über diese Frage auch im engeren Kreise eine Diskussion nicht zulassen konnte. England hat Unruhen in der Nähe von Palästina vorausgesehen und wollte für diesen Fäll einen Mann an die Spitze des Landes stellen, der die Ruhe garantieren könne. Wir, die wir keinen Einblick in die Verhältnisse haben konnten, haben den Unruheherd damals in Ägypten gesehen und haben uns nicht sehr getäuscht. England hat damals schon ganz sicher den Unruheherd in Syrien erkannt und vielleicht hätten auch wir es erkennen können. Es ist doch nicht unbekannt, dass gerade während der Anwesenheit Amerys inPalästina die ersten Demonstrationen in Damaskus gegen Balfour vorgekommen sind. Wir haben es damals in der Öffentlichkeit klar ausgesprochen, dass die Unruhen beim Besuche Balfours in Damaskus nicht gegen ihn, sondern gegen die französische Okkupation gerichtet waren. Was wir aber nicht voraussehen konnten und was England damals schon erkannte, ist, dass dies ein Symptom und keine vorübergehende Episode war und dass sich innerhalb der syrischen Bevölkerung Dinge vorbereiteten, die England und uns zur größten Wachsamkeit verpflichten. Dadurch, dass aus diesen Gründen die Wahl auf Feldmarschall Plumer gefallen ist, ist es durchaus begreiflich, dass die Frage nicht Gegenstand einer Diskussion auch nur im engsten Kreise sein konnte. Mitglieder des englischen Kabinetts haben bestätigt, dass sie bis zum letzten Augenblick nicht wussten, auf wen die Wahl fallen werde. Nur ein ganz kleiner Kreis, das engere Kabinett, hat die Entscheidung getroffen. Es hat sich nicht

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darum gehandelt, wie die Verwaltung Palästinas im Sinne des Mandats und auf den von Herbert Samuel vorgezeichneten Wege weitergeführt werden solle, sondern es spielten die Fragen des Dominion in Ägypten und die Schwierigkeiten, die in Syrien für Frankreich vorauszusehen waren, mit. Das waren Fragen delikatester Art und es war ganz richtig, dass die führenden zionistischen Kreise in diesem Falle bei aller Kränkung, die sie damals mit Recht als Kränkung empfanden, doch ihr vertrauenvolles Verhältnis zu England nicht änderten.

Wir wissen nicht, wie sich die Verhältnisse im nahen Orient entwickeln werden; was wir aber jetzt sehen, ist dass unsere politische Situation vielleicht niemals so günstig war wie heute. Wir können nicht nur England, sondern der ganzen Welt zeigen, was es bedeutet, dass dank der jüdischen Einwanderung und der jüdischen Arbeit in Palästina Ruhe gehalten werden kann. England gibt sich keinen Täuschungen hin. Hätte es das Mandat über Palästina so übernommen wie Frankreich über Syrien, das heißt mit der ausdrücklichen und alleinigen Verpflichtung, einen arabischen Staat in Palästina zu verwalten, so wären in Palästina wahrscheinlich dieselben Unruhen wie in Syrien unter französischen Regime und in Teilen Mesopotamiens und Transjordaniens, die auch unter englischen Mandat stehen, entstanden. Frankreich hat in Syrien schwere Fehler begangen, die man ihm nach den großen Erfahrungen, die es in seinen Kolonien in mehr als einen halben Jahrhundert gesammelt hatte, nicht zugetraut hätte. Sein schwerer Fehler in Syrien bestand darin, dass es vermeinte, seine Arbeit leichter gestalten zu können, wenn es Syrien in drei Teile teilt. Durch die Teilung des Landes wurde jedoch

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seine Einheitlichkeit nicht geschwächt, sondern im Gegenteil, es wurde die Bewegung für den einheitlichen Kampf gegen die Fremden nur noch gestärkt. Wenn England solche Fehler nicht begeht, so ist dies auf eine größere Erfahrung zurückzuführen. In Palästina wäre zweifellos ein ähnlicher Unruheherd vorhanden, wenn England nicht die jüdische Einwanderung und das jüdische Nationalheim gefördert hätte. Ich glaube, dass die englischen Kreise, die bis vor kurzem die Frage des Nationalheimes in Palästina als Belastung für England empfunden haben, jetzt ganz anderer Ansicht geworden sind, nämlich das dadurch Palästina zu einer Oase, zu einer Insel der Seligen im aufgewühlten Orient wurde. Es liegt im jüdischen Interesse, im Lande vollständig Ruhe zu halten und die Macht Englands zu stärken. Es hat sich gezeigt, dass die Politik des gegenseitigen Vertrauens schon nach verhältnismäßig kurzer Frist Früchte getragen hat. In jüdischen Kreisen ist die Überzeugung stärker geworden, als sie noch vor einigen Monaten war, dass wir unser vertrauensvolles Verhältnis zu England ausbauen müssen. Was aber noch wichtiger ist, ist der Umstand, dass England erkannt hat, das Vertrauen der Juden sei Englands eigenen Interessen weit förderlicher, als noch vor wenigen Monaten geglaubt wurde.

Die zweite Frage in der Au3enpolitlk ist die arabische Frage, die uns hauptsächlich interessiert. Es ist schwer, sie im gewöhnlichen Sinne des Wortes als eine Frage der Außenpolitik zu bezeichnen. Man kann es aber deswegen tun, weil die arabische Frage sich nicht nur auf die Araber in Palästina beschränkt, sondern auch auf die Araber, die in den benachbarten und entfernteren Ländern Asiens und Afrikas leben. Auch unsere arabische Politik, wie sie bis jetzt

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geführt wurde, ist die einzige, die man führen konnte und die man in der nächsten Zeit wird führen müssen. Sie bestand darin, durch Worte und noch mehr durch Taten dem arabischen Volk zu beweisen, dass wir nicht als Ausbeuter ins Land kommen, um sie zu schädigen oder zu verdrängen, sondern dass wir die ehrliche und redliche Absicht haben, die schon vom gesunden Egoismus diktiert ist, mit diesem Stamme so gut und friedlich zu leben, als nur irgend möglich. Diese Politik schien Schiffbruch gelitten zu haben. Man hat der Leitung Vorwürfe gemacht, weil sie zu keiner aktiven arabischen Politik übergegangen ist, und well sie keine konkreten Vorschläge eines Kondominiums, einer gemeinschaftlichen Herrschaft, gemacht hat. Der Zeitpunkt dazu ist noch nicht gekommen und es gibt keinen Menschen mehr, ob er nun rechts oder links oder außerhalb der zionistischen Bewegung steht, der nicht erkennen würde, dass zu einer solchen Auseinandersetzung mit den Arabern über die gemeinsame Zukunft im Lande die Zeit noch nicht reif ist. Es hat sich gezeigt, dass unser Verhältnis zu den Arabern - und nicht zum arabischen Volke, denn zu diesem war es niemals ein schlechtes - , zu den verantwortlichen und unverantwortlichen Führern der arabischen Bewegung ein besseres geworden ist. Kurz nach dem Ausbruch des Drusenaufstandes inPalästina haben die Araber gemeint, dass der Augenblick gekommen sei, um eine Offensive in Palästina zu machen; nicht im Sinne eines Pogroms oder Straßenkampfes denn sie wussten sehr genau, dass England gerade jetzt, da es einen erfahrenen Feldmarschall zum Leiter gemacht hatte, nicht mit sich spaßen lassen werde. Aber sie dachten an eine Offensive bei der englischen Regierung, sie vermeinten einerseits, dass die Wahl eines nichtjüdischen

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Militärs, von dem sie annehmen konnten, dass er mit der Politik und mit der Balfour-Deklaration nicht so verwachsen sei, und dass andererseits die Unruhen in Syrien ihre Aufgabe erleichtern würden, von der englischen Regierung zu verlangen, die Balfour-Deklaration und die Einwanderung nach Palästina soweit sie möglich zu sabotieren. Die Ereignisse haben sie eines Besseren belehrt. Nicht nur ist in den letzten Wochen, soweit bisher bekannt ist, die Offensive weit schwächer geworden, sondern es macht sich auch in den Kreisen, die bis zum heutigen Tage erklärten, es könne keinen Frieden mit England und den Juden geben, ehe nicht die Balfour-Deklaration zurückgezogen sei, jetzt eine Bewegung bemerkbar, von der wir von hier aus nur beurteilen können, dass die Stimmung dahin geht, dass England das Protektorat über die anderen arabischen Staaten übernehme, die jetzt unter französischer Herrschaft stehen, und das selbst unter der Bedingung, dass die Balfour-Deklaration geschluckt werden könnte; und noch mehr - dass unter dieser Bedingung das jüdische Nationalheim in Palästina für die Araber nicht gefährlich wird. Ich weiß nicht, ob das mehr als Stimmungen sind und ob sie eine radikale Änderung in der Politik der Araberführer bedeuten. Aber es ist immerhin charakteristisch, dass sich im Laufe von wenigen Wochen unter dem Druck der Verhältnisse, die ursprünglich einer arabischen Offensive günstig erscheinen mussten, die Lage so änderte, dass die Araberführer, und zwar gerade diejenigen, die bis vor kurzem im schärfsten Gegensatz zur englischen Politik inPalästina standen, jetzt solche Gedanken in ihren Kreisen aufkommen lassen.

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Dies beweist, dass unsere Politik den Arabern gegenüber keinesfalls eine verfehlte war. Wir haben nichts getan, um die Araber zu reizen. Man hat sich die größte Mühe gegeben, mit jenen arabischen Führern, die irgend einem Raisonement zugänglich waren, erträgliche Verhältnisse zu schaffen. Noch während des Krieges, als die erste zionistische Kommission — so war ihr Name - unter Führung Weizmanns nach Palästina kam, hat man schon damals mitHussein, der zu dieser Zeit noch im Hintergrund stand, Verbindungen gesucht. Man hat auch mit Faisal, der für wenige Woche gegen den Willen Frankreichs König von Syrien geworden war, und später Mesopotamien erhielt, Verbindungen angeknüpft. Es war damals jedem von uns klar, dass diese Politik noch keinen effektiven Wert haben würde. Es war aber von Vorteil, diesen arabischen Führern zu zeigen, dass ein gutes Verhältnis mit der Zionistischen Organisation für sie nur nützlich sein kann. Man hat alles getan, um die arabische Bevölkerung so wenig als möglich zu reizen, und so stark als möglich zu fördern. Baron Edmund Rothschild, ein Faktor, der nicht zu unterschätzen ist, der bei den Arabern große Achtung genießt, hat schon während des Krieges immer eine Tendenz verfochten, dass beim Bodenkauf die Interessen der arabischen Bevölkerung viel stärker zu schützen sind, als irgend eine türkische oder mohammedanische Regierung je tun könnte. Der Boden gehört meistens den Efendis, die sich um die seit Jahrhunderten auf den Boden ansässigen Fellachen überhaupt nicht kümmern, und die bei jedem für sie günstigen Anlass bereit sind, die bauerliche Bevölkerung, ohne sich weiter um ihr Schicksal zu kümmern, von Grund und Boden zu verjagen. Sowohl Edmund Rothschild als auch der Nationalfonds haben beim Bodenkauf immer für die um ihre Existenz gebrachten

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Fellachen gesorgt. Man hat ihnen größere Darlehen gewährt und ihnen sogar oft viel besseren Boden geschenkt. Wir haben dazu beigetragen, dass das Verhältnis der arbeitenden Bevölkerung zu den Juden keinesfalls ein schlechtes gewesen ist, und auch nicht während der Pogromzeit war.

Es handelte sich damals ja nur um von bezahlten Agitatoren hervorgerufene Ausschreitungen. Die bäuerliche Bevölkerung hat sich nie an solchen antisemitischen Ausschreitungen beteiligt. Denn für uns ist es etwas Selbstverständliches, dass in dem Augenblick, in dem die Juden einen Grundbesitz übernehmen, die dort ansässigen arabischen Familien besser versorgt werden, als sie es bisher waren. Erstens werden die Fellachen, die bisher im drückendsten Abhängigkeitsverhältnis von den Grundbesitzern lebten, von diesen befreit und zweitens für sie menschliche Lebensverhältnisse geschaffen. Baron Rothschild hat für Ameliorierungsarbeiten des Bodens ungeheure Summen ausgegeben und das, ohne dazu verpflichtet zu sein. Die arabische Bevölkerung richtet sich auf dem ihr zugewiesenen neuen Boden viel besser ein als auf dem alten und kann dies durch die Darlehen, die ihr unter den günstigsten Bedingungen gewährt werden, tun. Diese Tatsache hat dazu geführt, dass im Laufe des Jahres die Araber, die im ganzen und großen intelligent sind, wenn sie auch auf keiner hohen Kulturstufe stehen, verstanden haben, dass die Behauptung ganz unrichtig ist, die Juden kämen als Ausbeuter, die sie verdrängen wollen, ins Land. Trotz alldem wäre es gefährlich, wenn es zu einer Bewegung gegen die Juden käme, die bei einem so primitiven Volk, wenn es aufgehetzt wird, immerhin Platz greifen könnte. Wir erleben es in europäischen Staaten, deren Verhältnisse weit günstiger sind, das sonst Juden gar

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nicht unfreundlich gegenüberstehende Menschen durch Verhetzung dazu gebracht werden, Grausamkeiten zu begehen, der man sie nie für fähig gehalten hätte. Jetzt stehen wir soweit, dass auch die hetzerischen Führer anfangen umzulernen. Ich glaube, dass dieser psychologische Moment jetzt gekommen ist, wo auch die maßgebenden gegnerischen Führer einsehen, dass es nicht vernünftig ist, in dieser Weise gegen die Juden und gegen England Politik zu machen.

Der dritte Faktor unserer auswärtigen Politik ist der Völkerbund und da müssen wir uns schon den Vorwurf machen, dass wir diesen Zweig bisher nicht genügend gepflegt haben. Es ist unsere Pflicht, weitsichtiger zu sein, als es alle anderen in glücklicheren Verhältnissen lebenden Völker sein müssen. Es ist wohl richtig, dass uns aus dieser Vernachlässigung bis jetzt kein Schade entstanden ist, trotzdem im vorigen Jahre die permanente Mandatskommission des Völkerbundes über die Einwanderung nach Palästina ein ungerechtes, aus mangelnder Sachkenntnis entstandenes Gutachten abgegeben hat. Trotzdem hat im letzten Jahre die Einwanderung nicht nur nicht nachgelassen, sondern sie ist sogar stärker geworden. Der Präsident der permanenten MandatskommissionMarchese Theodoli, kann uns auch aus verschiedenen Gründen nicht gewogen sein. Erstens weil er klerikal und zweitens weil er Faszist ist, wobei Faszismus nicht Antisemitismus bedeutet; aber Faszismus bedeutet in gewissem Sinne Misstrauen gegen jede Macht, die irgend einmal die Interessen Italiens schädigen könnte und eine solche Macht sieht er in England undFrankreich, da dies Staaten sind, die die Expansionsgelüste Italiens bei verschiedenen Anlässen bereits gehemmt haben. Aus dieser Perspektive heraus ist das entstanden, was selbst ein genauer Kenner der italienischen Verhältnisse wie

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ich, der ich 16 Jahre dort gelebt habe, nicht für möglich gehalten hätte, dass ln Italien eine scharfe antienglische Bewegung entstand. Im Augenblick ist sie gedämpft, aber sie kann in jedem Moment wieder neu aufleben. Der italienische Faszismus muss deshalb gegen das jüdische Nationalheim sein, weil das englische Imperium seinen Expansionsgelüsten im Wege steht. Der dritte Grund dafür, dass uns Marchese Theodoli nicht gewogen sein kann, ist der, dass seine Frau eine Syrierin ist, die Tochter eines Mannes, der zu den Führern der arabischen Hetzpartei gehört. Dieser Theodoli hat aber jetzt mit einer undiplomatischen Offenheit gesagt: "Glauben Sie mir, wir von der Mandatskommission werden nichts tun, was England tatsächlich unangenehm ist. Wir werden nicht nur nichts tun, was gegen England ist, sondern auch nichts, wozu England nicht implicite oder explicite seine Zustimmung gibt." Tatsache ist, dass die Immigration im letzten Jahre stärker geworden ist und die Mandatskommission dagegen nicht protestiert hat. Wir wissen nicht, wie der Bericht in diesem Jahre ausfallen wird. Er ist bereits fertig, aber er wird - anders wie im Vorjahre - bis zum Tage der Veröffentlichung streng geheim gehalten. Man weiß, wie die Verhandlungen vor sich gegangen sind. Der englische Vertreter, Ormbsby-Gore, hat das Palästinamandat viel stärker verteidigt, als dies Herbert Samuel getan hat. Dieser wurde damals gleichsam als Angeklagter verhört, während Ormbsby-Gore, der nicht High Commissioner ist, eine ganz andere Sprache führen kann. In der Mandatskommission saßen voriges Jahr viele, die wie Professor RappardPalästina gar nicht kannten. Rappard war zum ersten Male heuer bei der Universitätseröffnung in Erez Israel und sein Eindruck war so stark, dass er ihn in der ganzen Welt zum Ausdruck bringen musste. Wir dürfen also annehmen,

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dass der Bericht diesmal weit gerechter ausfallen wird, als im Vorjahre. Wie immer sich auch die Sache verhält, so muss man Vertrauen dazu haben, dass Theodoli die Wahrheit gesagt hatte, wenn er behauptete, dass nichts geschehen werde, was England nicht gefällt. Chamberlain hat der damaligen Mandatskommission eine Rüge erteilt, wir haben uns überzeugt, dass es notwendig ist, mit dem Völkerbund engsten Kontakt zu haben, und zwar hauptsächlich mit seinen für uns vorwiegend in Betracht kommenden Organen, mit dem Völkerbundrat und dem Sekretariat der ständigen Mandatskommission. In den letzten Minuten des Jahres 1924 wurde in Genf eine ständige zionistische Vertretung eingerichtet, die sich nach Kräften bemüht, die Organe des Völkerbunds über die Verhältnisse in Palästina zu Informieren. Es genügt aber nicht, wenn der Völkerbundrat und das Sekretariat auf dem Laufenden gehalten werden. Wir müssen nicht nur trachten, mit den jetzigen Mitgliedern des Völkerbundrates in Verbindung zu treten, denn diese wechseln ständig ab, und es kann geschehen, dass beispielsweise morgenDeutschlandPolen oder Österreich dort sitzen werden. Daraus erklärt sich auch, dass die zionistischen Führer sich bemühen, die einzelnen Staaten Europas zu veranlassen, irgendwie bindende Erklärungen für das jüdische Nationalheim abzugeben. Im vorigen Jahre waren es die rumänische und die polnische Regierung, die solche Erklärungen abgaben, und es dürfte nicht allgemein bekannt sein, dass auch die deutsche Regierung eine derartige Erklärung abgegeben hatte. Es war dies zur der Zeit als Rathenau Außenminister war und Deutschland noch nicht daran denken konnte, in den Völkerbund einzutreten. Während der Anwesenheit Weizmanns in Deutschland hat der Minister des Äußern einen offiziellen Empfang gegeben und dadurch seine Interessenahme an der zionistischen Bewegung

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kundgetan. Man darf diese Tatsachen nicht unterschätzen, denn Deutschland kann, wie gesagt, bald Mitglied des Völkerbundes, ja sogar des Völkerbundrates werden. Auch mit Japan, von dem wohl keine Gegnerschaft zu erwarten ist, wurden in der letzten Zelt freundschaftliche Beziehungen angeknüpft und man hat den Vertreter Japans im Völkerbund genau über die Lage in Palästina informiert. Es ist immer besser, uninteressierte Freunde zu haben, wie esJapan ist, als Freunde, die vom eigenen Interesse abhängen und morgen schon in ein anderes Lager getrieben werden können.

Wenn man von jüdischer Außenpolitik spricht, so müssen noch drei Faktoren in Rechnung gezogen werden: Amerika, der Vatikan und die Türkei. Unser Verhältnis zu Amerika ist ein durchaus positives. Ein Ereignis, das nicht hoch genug eingeschätzt werden kann, ist, dass beide Häuser des amerikanischen Parlaments mit Zustimmung des Präsidenten eine Resolution fassten, in der das jüdische Nationalheim in Palästina begrüßt wird. Es ist ein nicht hoch genug einzuschätzendes Ereignis deshalb, weil Amerika stets ängstlich darauf bedacht ist, mit der europäischen Politik ein so loses Verhältnis wie nur irgend möglich zu haben und weil Amerika alles ablehnt, was nur irgendwie mit dem Völkerbund in Verbindung steht. Trotzdem hat Amerika in diesem Falle eine Ausnahme gemacht. Nicht aus amerikanisch-politischen Gründen, sondern aus Sympathie für die Juden. Dies ist nicht nur deshalb von Bedeutung, weil Amerika ein maßgebendos Wort in allen Weltfragen zu sprechen hat, und nicht nur, weil Amerika vielleicht doch in einem etwas

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anders konstruierten Völkerbund eintreten könnte, sondern weil die Willensäußerung der Regierung auch für die im Lande lebenden Juden eine gewisse Bedeutung hat. Es gibt in Amerika Juden, die 100- und 120prozentige Amerikaner sind oder zu sein wünschen und vorgeben. Für diese Juden ist es eine große Beruhigung, wenn sie hören, dass ihre Regierung in einer so solennen, fast noch nie dagewesenen Weise die Errichtung des jüdischen Nationalheims begrüßt. Dass in Amerika jetzt eine starke Bewegung für den Zionismus entstanden is, ist diesem Schritt der Regierung zuzuschreiben.

Der zweite Faktor, von dem zu sprechen ist, ist der Vatikan. Wir unterhalten zu ihm ein durchaus negatives Verhältnis. Viele sind der Meinung, dass dieses Verhältnis niemals ein anderes werden könne. Trotzdem ist es nicht uninteressant, daran zu erinnern, dass es doch Augenblicke gegeben hat, in denen der Vatikan die Sache ganz anders angesehen hat, als dies die gegenwärtigen Leiter der katholischen Kirche tun. Ich will hier an den vorigen Papst Benedikt den Fünfzehnten, der während des Krieges regierte, erinnern. In einer Unterredung mit Sokolow sagte er: "Ich hoffe, dass wir gute Nachbarn sein werden". Aber noch eine andere Tatsache, die nicht allgemein bekannt ist, möchte loh dafür anführen. Ein jüdisch-amerikanischer Journalist namens Henry Bernstein [geimeint ist wahrscheinlich Herman Bernstein] reiste für große amerikanische Blätter durch die ganze Welt, um die hervorragendsten Vertreter der Politik, Kunst und Wissenschaft zu interviewen. Vor wenigen Monaten wurden alle diese Unterredungen, in einem Werke gesammelt, herausgegeben. Es ist darin auch eine Unterredung mit Papst Benedikt dem Fünfzehnten enthalten.

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Für ihre Authentizität bürgt, das sie schon während des Krieges, also noch zu Lebzeiten des Papstes in amerikanischen Blättern veröffentlicht wurde und damals kein Dementi erfolgte. Die Unterredung fand im Jahre 1915 statt, zu einer Zeit, als der Papst den missglückten Versuch unternahm, zwischen Deutschland und England zu intervenieren. Bernstein wünschte eine Intervention des Papstes in Polen und Russland gegen die Ausschreitungen des russischenGroßfürsten Nikolaus. Der Papst hat damals tatsächlich interveniert und die Bischöfe Polens aufgefordert, über die Grausamkeiten gegen die Juden nach Rom zu berichten, und auf Grund dieses Materials erwirkte er eine Besserung der Lage der Juden. Benedikt der Fünfzehnte hat auch in der Beilis-Frage interveniert. Der Journalist stellte an den Papst die Frage, wie er sich zur Errichtung eines jüdischen Nationalheims in Palästina stelle. Diese Frage war damals im Jahre 1915 wohl etwas verfrüht, denn die Verhandlungen wurden erst im Jahre 1917 zu Ende geführt und gerade Amerika hatte sehr viel dazu beigetragen. In Amerika hatte man sich schon seit 1914 mit der Palästinafrage beschäftigt, vor allem waren es die zionistischen Führer Brandeis und Wise. Auf die Frage, die Bernstein an den Papst stellte, antwortete dieser wörtlich: "Ich habe volle Sympathie für die nationalen Bestrebungen der Juden inPalästina. Wir wünschen Freiheit und Gerechtigkeit und die Juden streben überalls nach Freiheit und Gerechtigkeit". Diese Antwort war sicherlich zum Fenster hinaus gesprochen, denn der Papst musste wissen, dass der Journalist diese Äußerungen der breitesten Öffentlichkeit mitteilen werde. ln einer späteren Unterredung mit Sokolow hat dar Papst ähnliche Äußerungen kundgetan.

Schon damals war Kardinal Gasparri Staatssekretär, der

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später alles mögliche getan hat, um die Palästinabewegung zu stören. Es ist nicht recht klar, was in der Zwischenzeit vorgefallen ist. Es kann aber nicht darein gelegen sein, dass es sich damals noch um ein Projekt gehandelt hatte, das jetzt zur Wirklichkeit wurde, und da man damals einer "Utopie" Sympathien zum Ausdruck bringen konnte, während man jetzt die Tatsachen zu bekämpfen glauben müsse. Als im Jahre 1904 Theodor Herzl mit Papst Pius dem Zehnten sprach, hatte sich dieser durchaus ablehnend verhalten, und zwar aus Gründen, die durchaus religiöser Natur waren. Für ihn kam eine Rückkehr der Juden nach Palästina nur in Betracht, wenn sie sich zum Christentum bekennen. Wenn nun wieder eine Änderung in der vatikanischen Politik eingetreten ist, so muss dies auf politische Verhältnisse zurückzuführen sein, die uns bisher unbekannt sind. Die Stimmung des Vatikans ist frankophil geworden, und Frankreich hat in den ersten Jahren nach der Balfour-Deklaration in Verbindung mit dem Vatikan in Syrien und Palästina Politik gemacht. Ob nur diese Sympathie für Frankreich für Gasparri, der der tatsächliche Leiter der vatikanischen Politik ist, maßgebend ist, oder ob nicht auch andere Gründe, etwa ein gewisses Misstrauen gegen das protestantische England entscheidend sind, entzieht sich unserer Kenntnis. Immerhin steht die Tatsache fest, dass der Vatikan seine Politik geändert hat, und so steht auch die Möglichkeit offen, dass wieder eine Änderung im günstigen Sinne erfolgen kann. Tatsache ist, dass im letzten Halbjahr der Vatikan eine viel reserviertere Stellung eingenommen hat, vielleicht hat auch die Niederlage der französischen Politik in Syrien dazu beigetragen, unser Verhältnis günstiger erscheinen zu lassen, als dies noch vor einem Jahr der Fall war

Was unser Verhältnis zu Frankreich anlangt, so muss

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daran erinnert werden, dass es in den ersten Jahren nach der Balfour-Deklaration nicht allzu günstig war, und zwar nicht hauptsächlich in Paris, sondern vielmehr in den Kolonien. Heute ist es unsere Pflicht zu sagen, dass die Regierungen PoincaréHerriot und Painlevé der Palästinafrage durchaus sympathisch gegenüberstanden. Man konnte nicht mehr nachweisen, dass irgendwie französische Hände dabei im Spiel waren, wenn eine Gegnerschaft gegen die Juden in Palästina im Spiele stand.

Zu der Türkei haben wir zu unserem größten Bedauern gar keine Beziehungen. Es ist dies nicht nur deshalb bedauerlich, weil die Türkei immerhin im Orient wieder ein Machtfaktor geworden ist, und weil sie tatsächlich versucht, ein gutes Verhältnis zu den Arabern herzustellen, sondern weil uns mit der Türkei alte freundschaftliche Bande verknüpfen. Wir können und wollen nicht vergessen, dass die Türkei durch Jahrhunderte hindurch das Asyl aller gedrückten Juden war. Deshalb müssen wir uns bemühen, mit der Türkei freundschaftliche Beziehungen zu unterhalten, auch wenn wir die Türkei momentan nicht brauchen. Denn es gibt im Orient keinen Faktor, den wir nicht einmal brauchen werden. Es ist sicherlich ein Unrecht, dass man die Türkei gewissermaßen beiseite lässt. Denn es gibt Symptome dafür, dass jetzt der gegebene Augenblick ist, um mit den führenden Männern der Türkei in ein Verhältnis zu kommen, von dem ich überzeugt bin, dass es für Palästina und seine Entwicklung aus ökonomischen und politischen Gründen nur förderlich sein kann.

Aus dem oben gesagten geht hervor, dass die Fragen der auswärtigen Politik nicht nur für die führenden Zionisten

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äußerst wichtig sind, sondern dass jeder an der Zukunft unseres Volkes und an dem Aufbau Palästinas interessierte Jude sich mit diesen Fragen mehr beschäftigen sollte, als es bisher geschehen ist. Wir sind eine demokratische Bewegung und wir wünschen, dass unsere Bewegung demokratisch geführt wird. Wir wollen den Wünschen der Juden Rechnung tragen, aber dazu ist es notwendig, dass wir ihre Wünsche tragen, aber dazu ist es notwendig, zu wünschen, muss man die Politik nicht nur kennen lernen, sondern sie auch verstehen.

 
Info:
Archivsignatur: Die auswärtige Politik des Zionismus, Wien, 30. November 1925, Politisches Archiv des Auswärtigen Amtes, R72221, Vatikan.
Zitierweise: Die auswärtige Politik des Zionismus, Wien, 30. November 1925, in: Viadrina Center B/Orders in Motion (Hrsg.): "Grenzen, Kriege und Kongresse. Die Neuordnung Ostmitteleuropas aus dem Erbe der Imperien, 1917-1923" - Ausgewählte Projektquellen, bearb. von Thomas Rettig. URL: https://www.borders-in-motion.de/web/grenzen-kriege-und-kongresse/dokumente-anzeige-seite (Zugriff am 13-12-2019)

Brief aus Ober Ost, 28. Dezember 1917

Brief aus Ober Ost, 28. Dezember 1917

Transkription:

Oberbefehlshaber Ost.

(General beim Stabe).

An die Nachrichtenabteilung des Auswärtigen Amtes, zu Händen des Herrn Vizekonsul v. Kauffmann,

Berlin W.8. Wilhelmstraße 62.

Zum Abdruck in den "Neuen Jüdischen Nachrichten" wird der beifolgende "Brief aus Oberost" übersandt.

Von seiten des Oberbefehlshabers Ost.

Der Verwaltungschef.

H. Qu. Ost, den 1. Januar 1918

Keine Bedenken

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Brief aus Oberost

Die Teilnahme der Vereinigten Staaten am Kriege an der Seite unserer Gegner hatte u. a. die bedauerliche Folge, dass der regelmäßige Zufluss der erheblichen Hilfsgelder, die die amerikanischen Juden ihren Glaubensgenossen in den von Deutschland und seinen Verbündeten besetzten Gebieten seit fast zwei Jahren allmonatlich hatten zukommen lassen, plötzlich ins Stocken geriet. Hierdurch war die Fortsetzung der segensreichen Arbeit der Wohltätigkeitsanstalten, vorzüglich in den Städten, ernstlich in Frage gestellt worden, da die durch den Krieg und die Abwanderung der meisten wohlhabenden Elemente geschaffenen Verhältnisse eine Annahme von Unterstützungen von außerhalb notwendig gemacht hatten.

Langwierigen Verhandlungen, die durch Vermittlung von menschenfreundlichen Holländern zwischen den amerikanischen Geldgebern und den deutsch-jüdischen Hilfsorganisationen geführt worden sind, haben nunmehr das erfreuliche Ergebnis gezeitigt, dass das amerikanische Hilfswerk von neuem in Fluss kommt. Der Oberbefehlshaber Ost ist den ihm von den Holländern übermittelten Wünschen der Amerikaner weitgehend entgegengekommen, um der notleidenden Bevölkerung die Wohltaten der Bruderhilfe zu sichern. Durch besonderen Befehl wurde ein aus Einheimischen gebildetes Zentralkomitee mit dem Sitze in Wilna gegründet, dem Vertrauenspersonen sämtlicher Juden aus dem Obost-Gebiete angehören.

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An dieses Zentralkomitee werden die amerikanischen Gelder direkt aus Holland geleitet, um auf die einzelnen Verwaltungsgebiete verteilt zu werden. Bezirks-, Kreis-, und schließlich Ortskomitees - alle aus Delegierten, die das Vertrauen ihrer Mitbürger in dieses Ehrenamt berufen - gebildet, nehmen die Unterverteilungen vor und führen schließlich die Gelder ihrer eigentlichen Bestimmung zu. Der erste größere Betrag ist bereits eingetroffen, sodass die neugeschaffene Organisation sofort in Kraft treten konnte. Zweifellos wird sie dazu beitragen, der Bevölkerung aufs Neue zu zeigen, in welchem Masse die Landesverwaltung bemüht ist, das Los der Armen besser zu gestalten.

Dem aus der Mitte der jüdischen Bevölkerung laut gewordenen Wunsche, möglichst frühzeitig die Herstellung der Osterbrote (Mazzen) für das kommende Osterfest gesichert zu wissen, ist insofern Rechnung getragen worden, als trotz der relativen Lebensmittelknappheit bestimmt wurde, tunlichst schon bis zum 15. Februar 1916 die zuständige Portion im voraus zu verabfolgen, um die rituelle Herstellung der Mazzen in aller Ruhe zu ermöglichen. Bei dieser Gelegenheit wurde besonders darauf hingewiesen, bei Auswahl des Getreides die rituellen Bedürfnisse zu berücksichtigen, wenn auch - wie bereits in den Vorjahren - die Notwendigkeit einer Mischung von Weizen- und Roggenmehl betont wird.

Im allgemeinen hat sich die Lage der Bevölkerung etwas gehoben. Erfreulicherweise darf das auch insbesondere von Wilna gesagt werden, wo eine reiche Kartoffel-Rübenernte die Ernährung der Ärmsten gegen das Vorjahr nicht unwesentlich erleichtert hat.

Info:
Archivsignatur: Brief aus Ober Ost, 28. Dezember 1917, Politisches Archiv des Auswärtigen Amtes, R121439.
Zitierweise: Brief aus Ober Ost, 28. Dezember 1917, in: Viadrina Center B/Orders in Motion (Hrsg.): "Grenzen, Kriege und Kongresse. Die Neuordnung Ostmitteleuropas aus dem Erbe der Imperien, 1917-1923" - Ausgewählte Projektquellen, bearb. von Thomas Rettig. URL: https://www.borders-in-motion.de/web/grenzen-kriege-und-kongresse/dokumente-anzeige-seite (Zugriff am 13-12-2019)