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Die zionistische Bewegung in der Schweiz, Bern, 2. Dezember 1916

Die zionistische Bewegung in der Schweiz, Bern, 2. Dezember 1916

Transkription:

K.u.k. Militärattaché in Bern

Res.Nr. 4077

An die kais. Deutsche Gesandtschaft

Beiliegend erlaube ich mir ergebenst einen Bericht über die zionistische Bewegung in der Schweiz gefälligst zu übermitteln.

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K. u. K. Gesandtschaft in der Schweiz.

Militärattaché.

Die zionistische Bewegung in der Schweiz

Von verschiedenen Seiten wird in letzter Zeit gemeldet,dass die Zionisten und die diesen nahestehenden jüdischen Kreise eine große Rührigkeit entwickeln. In der Schweiz laufen verschiedene Fäden in diese Bewegung zusammen und die Schweiz wird zur Aufrechthaltung der Verbindungen, die sich über alle Länder erstrecken, benutzt.

Vor einigen Monaten wurde in Zürich eine Stelle "Pro Causa Judaica" gegründet, der angeblich nur Juden neutraler Staaten angehören. Der Zweck dieser Stelle ist es, die Rechte der Juden in allen Ländern zu vertreten und alles zu verbreiten was für die Stellung der Juden von Vorteil erscheint. "Pro Causa Judaica" steht mit dem zionistischen Verbande, der seinen Sitz ebenfalls in Zürich hat in Verbindung und von diesem Verbande hängt wieder das jüdische Pressebüro ab. Als das rührigste und zugleich uns gefährlichste Organ der jüdischen Bewegung muss der Dr. Felix Pinkus bezeichnet werden. Pinkus ist erster Vorsitzender des genannten Zionisten-Verbandes, er spielt in der "Pro-Causa Judaica" eine große Rolle und ist Korrespondent der zionistischen Zentralen in London und im Haag. Dass er im Dienste der Entente steht ist nicht zu bezweifeln. Es geht dies aus seinen Äußerungen, aus seiner ganzen Haltung und aus seinem Verkehr hervor. Trotzdem er deutscher Abstammung ist (er soll in Breslau geboren sein) und sich erst vor einigen Jahren als Schweizer naturalisieren ließ, unternimmt er Reisen nach London und Paris. Er ist Herausgeber des "Economiste""Schweizer Export Revue" (Zürich, Bahnhofstraße Annahof). Diese Zeitschrift stand früher finanziell schlecht, hat sich aber dank der Unterstützungen die sie resp. Pinkus von englischer oder französischer Seite erhält, in letzter Zeit ganz erholt . Die Zeitschrift steht in

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Verbindung mit dem in Paris erscheinenden Finanzblatt "Information". Der Vertreter der "Information" in der Schweiz ist ein gewisser Taponlier, in Lausanne Rue Villamont wohnhaft, der von Frankreich zu Propagandazwecken in der Schweiz benützt wird. Er gibt die Tageszeitung "La Dépêche" heraus welches das gemeinste ententophile Hetzblatt der Schweiz ist; Taponnier ist ferner bei der illustrierten Zeitung "La Guerre Européene" beteiligt.

Pinkus steht ferner im Verkehr mit einem gewissen Wolfsohn, der beim englischen Konsulat in Zürich angestellt und in der englischen Propaganda, wahrscheinlich auch im Kundschaftsdienst und in der Handelsspionage tätig ist, ferner mitDr. Michael Thalberg, einem Juden russischer Abkunft jetzt naturalisierter Schweizer der als rücksichtsloser Advokat bekannt ist und in allen Arten von Geschäften, bei denen Geld zu verdienen ist, seine Hand hat.

Am 21. November d.J. hielt Pinkus einen Vortrag in Zürich "Tivoli" in welchem er Deutschland heftig angriff, von den Versprechungen, die England den Zionisten gab, sprach und die Schaffung "jüdischer Legionen" voraussagte, die von Ägypten und Arabien aus bei der Eroberung Palästinas (vor allem in der Aufwiegelung der Araber) mitwirken soll.

Der zweite Vorsitzende des Zionistenverbandes ist ein Dr. Weinbaum, der als den Zentralmächten freundlich gesinnt, bezeichnet wird. Sein Einfluss scheint aber gering zu sein und gegenüber dem des Pinkus weit zurückstehend.

Der Leiter des jüdischen Pressebüros ist ein Dr. Steinberg. Obwohl er in der Redaktion der deutschfreundlichen "Züricher Post" ist, erscheint seine politische Haltung zweifelhaft, d.h. er zeigt augenscheinlich Neigungen für die Entente. Sein Stellvertreter ist der schon erwähnte Dr. Weinbaum.

Sekretär des Büros ist der rumänische Jude Dr. Abraham

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Braunstein, der ganz entschieden auf der Seite der Entente steht.

Unabhängig von diesem Pressebüro erschienen zwei jüdische Zeitungen in der Schweiz: das "Israelitische Wochenblatt", das von den Rabbinern Dr. Littmann und Strauss in einem den Zentralmächten eher freundlichen Sinne redigiert wird, und das "Bullitin Juif" in Lausanne. Letzteres ist scharf gegen Russland und Rumänien gerichtet. Der Herausgeber ist ein Russe Dr. Klatzkin; ein Mitarbeiter ist der polnisch-jüdische Dichter Gorellik.

Die zionistische Bewegung hat in der Schweiz noch andere Vertreter deren Tätigkeit aber weniger hervortritt als die des Pinkus und seiner Leute. Es werden zwei Österreicher genannt, ein Dr. Ruffschitz und ein Prof. Marmoreck. In Betracht kommen ferner der frühere Oberrabbiner in Odessa Dr. Czernowitz und der Präsident des akademischen zionistischen Vereines "Hechaver"Joffe.

Verschiedene vermögende Juden unterstützen die Bewegung moralisch und vor allem finanziell. Zu nennen wäre Frau Brodzky, eine bekannte Millionärin, die sich zeitweise in Zürich aufhält; eine ihrer Töchter ist an einen Guttmannin Wien, eine zweite an einen Günzburg in Petersburg und die dritte an den angesehenen Bankier Dreifus in Basel verheiratet. Die Verbindung mit Amerika hält ein Herr Kohnheim aufrecht, der dort großen Einfluss besitzen soll und einen Verwandten im Staatsdepartement hat, ferner ein Dr. Bernstein aus New York. Letzterer gab die größte jüdische Zeitung in New York heraus. Er hat gute Verbindungen mit Deutschland und seinem Einfluss soll es zuzuschreiben sein, dass die jüdischen Arbeiter aus den Munitionsfabriken in den Vereinigten Staaten austraten; er dürfte, mit dem deutsch-amerikanischen Bankier Schiff in Verbindung stehen, welcher den Erfolg der französischen Anleihe bedeutend beeinträchtigte.

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Das Endziel der Zionisten ist die Erwerbung von Palästina zu Besiedlungzwecken; sie verlieren dieses Ziel nicht aus den Augen und es jetzt, dass bereits Verhandlungen mit England gepflogen stattgefunden haben sollen, in denen England seine Unterstützung für diesen Plan zusagte unter der Bedingung, dass Palästina unter englisches Protektorat käme. Immerhin ist dies nicht der einzige Plan und das einzige Bestreben dieser Organisation, sie sucht vielmehr mit allen Mitteln den Einfluss der Juden aller Länder zu verstärken, die jüdischen Elemente zu gemeinsamen Arbeiten zu vereinen und dort wo dies noch nicht der Fall ist, die gesetzliche Gleichberechtigung zu erreichen; auch bei den Friedensverhandlungen hofft sie ihren Einfluss in diesem Sinne geltend machen zu können.

Die Mannigfaltigkeit der Ziele, die aber alle einen Zweck, die Förderung des Zusammenschlusses der Juden und die Vergrößerung ihres Einflusses auf allen Gebieten haben, bewirkt, dass an der Bewegung auch nicht orthodoxe Juden und solche, denen die Erwerbung von Palästina gleichgültig ist, teilnehmen. Große Gönner und Förderer bleiben im Hintergrunde, so dass vieles darüber nur Eingeweihten bekannt ist. Ohne Zweifel verfügt die Bewegung jedoch über reiche Geldmittel und - infolge des bei der jüdischen Rasse sehr entwickelten Gefühles der Zusammengehörigkeit - über weitverzweigte Verbindungen.

Wie aus den Angaben, die über Dr. Pinkus gemacht wurden, hervorgeht, sucht die Entente die Bewegung für ihre Zwecke nutzbar zu machen. Sie besitzt dabei gewisse Vorteile, die sie in geschickter Weise gebraucht. Im allgemeinen sehen diese Juden ihr Ideal in England, dann auch in Frankreich und in Italien, wo sie den größten Einfluss besitzen und wo ihre Religionsgenossen im staatlichen, wie auch im gesellschaftlichen Leben das meiste erreichen. Österreich-Ungarn wird von ihnen auch geschätzt, weniger jedoch Deutschland und daher erklärt es sich, dass viele von ihnen mehr auf Seite der Entente neigen. Bezüglich Russlands

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scheinen ihre Gefühle geteilt zu sein, denn die reichen Juden, die dort einen nicht unerheblichen Einfluss gewinnen können halten zu diesem Lande; auch erhoffen viele, dass der Einfluss der Westmächte auf Russland einen grossen Umschwung zu ihren Gunsten herbei führen wird. Die armen Juden sehen in Russland sowie in Rumänien die ihnen feindlichsten Länder und unter den Revolutionären befinden sich viele Juden.

Es wäre für uns von außerordentlich großen Vorteilen, wenn wir den Bestrebungen der Entente nicht nur entgegentreten könnten d.h. ihren Bemühungen, die Bewegung für ihre Zwecke auszunützen, entgegenarbeiten würden, sondern wenn wir eine Organisation, der so reiche Mittel, ein so großer Einfluss und so zahlreiche Verbindungen zur Verfügung stehen, für unsere Zwecke ausnützen könnten.

Eine Tätigkeit dieser jüdischen Organisation im Sinne der Entente birgt überdies eine nicht zu unterschätzende und naheliegende Gefahr. Es erscheint außer Zweifel, dass die Entente die ihr ergebenen Vertreter dieser Ideen ln der Richtung benützen will oder wahrscheinlich schon benützt, dass durch sie ein weitverzweigter Nachrichtendienst betrieben wird. Zu diesem sollen die in den östlichen Teilen der Monarchie lebenden Juden, die aus religiösen Gründen der Bewegung blind anhängen, herangezogen werden.

Info:
Archivsignatur: Die zionistische Bewegung in der Schweiz, Bern, 2. Dezember 1916, Politisches Archiv des Auswärtigen Amtes, Bern 855.
Zitierweise: Die zionistische Bewegung in der Schweiz, Bern, 2. Dezember 1916, in: Viadrina Center B/Orders in Motion (Hrsg.): "Grenzen, Kriege und Kongresse. Die Neuordnung Ostmitteleuropas aus dem Erbe der Imperien, 1917-1923" - Ausgewählte Projektquellen, bearb. von Thomas Rettig. URL: https://www.borders-in-motion.de/web/grenzen-kriege-und-kongresse/-/die-zionistische-bewegung-in-der-schweiz-bern-2-dezember-1916 (Zugriff am 19-9-2019)