Viadrina Center B/ORDERS IN MOTION

2. Sommerschule B/ORDERS IN MOTION 2019

Grenztheoretische Perspektiven auf gesellschaftliche Ordnungen, Flucht und Migration


22. - 28. September 2019
Europa-Universität Viadrina, Frankfurt (Oder)

Das Viadrina Center B/ORDERS IN MOTION der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder) organisiert seine zweite Sommerschule. Das Angebot richtet sich in diesem Jahr an Promovierende und fortgeschrittene Studierende, die sich mit den Effekten staatlicher Grenzziehungen auf gesellschaftliche Ordnungen, Flucht und internationale Migration beschäftigen.


Grenztheoretische Perspektiven auf gesellschaftliche Ordnungen, Flucht und Migration
Die Frage eines angemessenen Umgangs mit Flucht und Migration dominiert die politischen Debatten auf der ganzen Welt. Und im Zentrum der Kontroversen steht die Gestaltung staatlicher Grenzziehungen. Die Dynamiken staatlicher Grenzziehungen und Flucht- und Migrationsbewegungen interagieren in ambivalenter Weise. Politisch-territoriale Grenzziehungen konstituieren, markieren und stabilisieren ökonomisch, sozial und politisch differente Ordnungen, die ungleiche Lebensverhältnisse produzieren können und so Anreize für grenzüberschreitende Wanderungen setzen. Militärische Konflikte um territoriale Grenzverläufe bilden eine zusätzliche Ursache für Flucht und Migration. Staatsgrenzen ermöglichen aber auch das Bestehen friedlicher Ordnungen im Innern - und können Flüchtenden und Migrant*innen zugleich den Zugang zu Schutz und besseren Lebensperspektiven verwehren. Staatsgrenzen sind somit multidimensional. Sie können gleichzeitig trennende und verbindende Funktionen ausüben.  

In den politischen Diskursen wird diese Komplexität politisch-territorialer Grenzziehungen unzureichend berücksichtigt. Auf der einen Seite wird die Befestigung von Staatsgrenzen zum populistischen Versprechen auf Schutz der eigenen Bevölkerung vor externen Gefahren und unkontrollierter Zuwanderung. Zum Beispiel plant die Regierung in den USA den Bau einer Mauer an der Südgrenze mit Mexiko. Und die ungarische Regierung hat die Außengrenze der EU mit einem Zaun befestigt.
Auf der anderen Seite wird darauf hingewiesen, dass die Schließung und Militarisierung der Staatsgrenzen moralisch und ethisch nicht zu rechtfertigende Folgen habe. Tausende von Menschen verlieren ihr Leben beim Versuch, auf der Suche nach Schutz vor Verfolgung oder einem besseren Leben in ein anderes Land zu gelangen.

Ausgewählte Themenstellungen
Die Sommerschule B/ORDERS IN MOTION 2019 befasst sich theoretisch und methodisch vertieft mit Fragen der Auswirkungen staatlicher Grenzziehung auf gesellschaftliche Ordnungen, Flucht und Migration.

Erstens geht es um eine konzeptionelle Bestimmung der Staatsgrenze und ihrer Funktionen als praktisch wirksame Membran, als symbolisches Versprechen auf Ordnung und Schutz, sowie als identitätsstiftende Institution. Wie interagieren diese unterschiedlichen Dimensionen und welche Effekte ergeben sich aus diesen Wechselwirkungen auf die Gestaltung der politisch-territorialen Grenze?  

Zweitens wird die Staatsgrenze mit Blick auf grenzüberschreitende Kooperation betrachtet. Die Europäische Union setzt enorme politische, rechtliche und finanzielle Ressourcen ein, um den Zusammenhalt grenzüberschreitender Euro-Regionen zu erreichen. Diese Verflechtungsräume überlagern nationalstaatliche Kompetenzräume und bilden eigene „spaces of power“. Wie beeinflussen diese veränderten Kontexte die Gestaltung und Wirkmächtigkeit von Grenzen?

Drittens werden soziale Praktiken des Grenzziehens und Aneignens von Grenzen (anhand von Interaktionen, Narrativen, Materialität u.a.) betrachtet. Gefragt wird danach, wie und durch welche sozialen Praktiken Grenzen hergestellt, aktualisiert oder auch unterlaufen werden.

Viertens werden die Status zuweisende Funktion von Grenzen und die damit verbundenen sozialen Positionierungen in den Blick genommen. Da ein Grenzübertritt auch immer mit einer Statusveränderung verbunden ist – z.B. werden Bürger*innen zu Ausländer*innen -, soll gefragt werden, wo und wie der Status von Migrant*innen verhandelt wird. Inwieweit gibt dies Rückschlüsse auf die Veränderung der gesellschaftlichen Ordnung und des Grenzregimes?  

Und fünftens wird nach der transformativen Wirkung grenzüberschreitender Flucht und Migration auf gesellschaftliche Ordnungen und politische Grenzziehungen gefragt. Migrant*innen sind keine bloßen Objekte staatlicher Maßnahmen, sondern handlungsfähige Akteure. Welche Auswirkungen haben ihre widerständigen Praktiken auf die Aufrechterhaltung bzw. Veränderung bestehender gesellschaftlicher Ordnungen und Grenzziehungen?  

Mit der Kombination dieser Zugänge werden die Wechselwirkungen dieser – in der aktuellen Grenzforschung zumeist isoliert behandelten – Themenstellungen erkennbar und in produktiver Weise in die Reflexion über eine fairere Gestaltung von Grenzarrangements und die Auswirkungen auf gesellschaftliche Ordnungen, Flucht und Migration eingebracht.

Das Viadrina Center B/ORDERS IN MOTION
Das Viadrina Center B/ORDERS IN MOTION ist eine zentrale Forschungseinrichtung der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder). Für die Arbeit des Centers ist die Einsicht leitend, dass Grenzen und Ordnungen immer in dynamischen Wechselbeziehungen zu denken sind. Grenzziehungen zielen auf die Etablierung oder Aufrechterhaltung von Ordnungen, die rechtlich fixiert, historisch tradiert oder symbolisch zum Ausdruck gebracht werden. Ordnungen wiederum kommen nicht ohne Grenzmarkierungen aus. Grenzen können als „Laboratorien“ gesehen werden, in dem sich gesellschaftliche Entwicklungen verdichten und dadurch besonders gut beobachtet, analysiert und antizipiert werden können. Das Viadrina Center B/ORDERS IN MOTION initiiert und bündelt als interdisziplinäres Institut sozial-, kultur-, wirtschafts- und rechtswissenschaftliche Analysen zu den Wechselverhältnissen von Grenzen und Ordnungen. Es organisiert den wissenschaftlichen Austausch durch die Ausrichtung von Workshops, Tagungen und der Vortragsreihe „Research Factory“. Die Sommerschule ist Teil der vielfältigen Angebote des Centers zur Förderung junger Wissenschaftler*innen.

Zum Programm der Sommerschule
Das Programm der Sommerschule umfasst eine Mischung verschiedener Formate, die Erwerb und Vertiefung von Wissen sowie von praxisrelevanten Kenntnissen ermöglicht. International renommierte Grenzforscher*innen werden in Vorträgen die oben genannten Aspekte eingehender behandeln. In einem durchlaufenden Seminar wird die Gruppe ausgewählte Schlüsseltexte zu den oben genannten Themenstellungen lesen und mit Forschenden des Viadrina Centers B/ORDERS IN MOTION diskutieren. Alle Teilnehmenden haben die Möglichkeit, eigene Forschungsideen oder -projekte im Format der Speed-Presentation vorzustellen. In themenspezifischen Arbeitsgruppen werden die Teilnehmenden unter professioneller Anleitung eine Lehreinheit didaktisch konzipieren und abschließend in der Sommerschule präsentieren. Weiterhin geplant sind geführte Besichtigungen der Gedenkstätte Berliner Mauer und der deutsch-polnischen Grenze. Die Sommerschule wird in deutscher Sprache durchgeführt. Einige Vorträge werden in englischer Sprache gehalten.

 

Programm: https://www.borders-in-motion.de/programm-der-sommerschule

Kontakt: sommerschule-borders@europa-uni.de