Viadrina Center B/ORDERS IN MOTION

Zwischenräume in Gedächtnislandschaften: Holocaust/Porajmos

  • Dr. Carolin Leutloff-Grandits zusammen mit Snežana Stanković, M.A.
  • Maria Klessman, EUV
  • Katharina Link, EUV
  • Linda Paganelli (Filmemacherin, No Division Studios)
  • Magdalena Saiger (Universität Hamburg)
  • Florian Grundmüller, EUV
  • Felix Ochsmann, EUV
DAAD
Januar 2019 - Dezember 2019

„Wer gedenkt, wo und wann?“, fragt der Historiker Jay Winter.

Wer gedenkt Holocaust und Porajmos/Samudaripen[1], wo, wann und wie auf dem westlichen Balkan, vor allem in Kroatien und Serbien, den Ländern des in den 1990ern zerfallenen Jugoslawiens?

Der Zerfall Jugoslawiens in den 1990ern Jahren erfolgte als Zersplitterung in sechs unabhängige neue Staaten. Entlang der territorial und administrativ gezogenen Grenzen etablieren sich seitdem auch getrennte nationale Gedächtniskulturen, die die Abspaltung auch historisch legitimieren möchten. Dies ist verbunden mit Prozessen der Neubewertung und Umcodierung der Vergangenheit des Zweiten Weltkrieges, und insbesondere des auch auf jugoslawischem Territorium stattfindenden Holocaust/Porajmos, was rechten Bewegungen neuen Auftrieb gibt. Dieses politisierte Erinnern an den Holocaust/Porajmos, bzw. das Ausblenden der Erinnerung an diesen, steht deshalb im Mittelpunkt des Projektes Zwischenräume in Gedächtnislandschaften: Holocaust/Porajmos Gedenken als (südost-)europäische Herausforderung.

 

Während die neugegründete sozialistische Republik Jugoslawien (1945-1992) den Kampf gegen den Faschismus und deren Opfer als zentrales Narrativ der Erinnerung an den  Zweiten Weltkrieges etablierte, ohne die ethnische Zugehörigkeit der Opfer zu differenzieren, brachte bzw. bringt das historische Bewusstsein seit den 1990ern zum ersten Mal klar definierte ethnische Gruppen als Opfer des Faschismus zum Vorschein: Juden und (seltener) Roma. In diesem Sinne wird  in einigen Diskursen in Serbien die eigene nationale Rolle im Kampf gegen die nationalsozialistische Besatzung glorifiziert, da nur durch dieses Prisma Serben – zusammen mit Juden und Roma – als Opfer des Faschismus und der kroatisch-rechtsextremen  Ustaša-Bewegung  im damals benachbarten profaschistischen Unabhängigen Staates Kroatien (1941-1945) anerkannt werden können. Zugleich werden heute sowohl in Serbien als auch in Kroatien Parallelen zwischen dem in den 1990er Jahren stattfindenden Jugoslawien- bzw. Kroatienkrieg (1992-1995) und dem Zweiten Weltkrieg gezogen, in welchen Kollaborateure des NS-Besatzungsregimes wiederbelebt und gefeiert werden. Während man in Kroatien den kroatischen Ustaša-Mitglieder als Helden und Märtyrer, die gegen die serbische Dominanz im Königreich Jugoslawien kämpften, gedenkt, rehabilitiert man in Serbien die im Zweiten Weltkrieg agierende, profaschistische und antikommunistische Četnik-Bewegung als patriotisch-bewusste Linie des Staates, die ebenfalls mit Hitlerdeutschland kooperierte. Die Fragen des Zusammenhangs zwischen dieser Kollaboration und dem Verbrechen an Juden, Roma, Kommunisten und Mitgliedern anderer Minderheiten bleiben jedoch in den beiden Ländern nicht angesprochen. Diese komplexitätsreduzierten Narrative haben einen Doppel-Effekt: Man kann die eigene Rolle im Krieg in den 1990ern legitimieren und sich der Verantwortung für die Geschehnisse im Zweiten Weltkrieg entledigen.

Das Holocaust/Porajmos-Gedenken betrachten wir als Ort, in denen die Grenzziehungen unscharf werden und welches vielmehr von vielerlei – konflikthaften – Überlagerungen beeinflusst wird: wo „Opfer“ und Täter“ wie auch „Antifaschismus-Faschismus“, „Gedächtnis-Contra-Gedächtnis“ miteinander verwoben sind. Anstelle der binären, nationalen Opfer- und Täter-Narrative wenden wir unseren Blick auf die „Zwischenräume“, die durch hegemoniale Narrative ausgeblendet werden. Wie bleiben Juden und Roma in ihnen gefangen? Was passiert, wenn sie ins „nationale“ Gedächtnis gerufen werden und was für Lesarten der Vergangenheit(en) bewegen sie – sind die Fragen, die dieses Projekt leiten.

 

[1] Auf Romanes bezeichnet Porajmos Verfolgung und Völkermord an Sinti und Roma im Nationalsozialismus.