Viadrina Center B/ORDERS IN MOTION

Forschungsgruppe „Border & Boundary Studies“

  • Dr. Hannes Krämer (Lehrstuhl für Vergleichende Kultursoziologie, Europa-Universität Viadrina)
  • Prof. Dr. Christian Voß (Lehrstuhl für Südslawische Sprach- und Kulturwissenschaft, Humboldt Universität zu Berlin)
  • Dominik Gerst, M.A.
  • Dr. des. Mitja Sienknecht
  • Peter Ulrich, M.A.
  • Snežana Stanković, M.A.
Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg
Januar 2017 bis Dezember 2018

Grenzen sind in Anbetracht der zunehmenden Beschleunigung gesellschaftlichen, nationalstaatlichen und kulturellen Wandels von zentraler Bedeutung. Ihre theoretische Konzeption und empirische Ausgestaltung werden immer stärker als hochkomplexe Gegenstände und Wissenschaftsbereiche wahrgenommen und behandelt. Dennoch fehlt ein Ansatz, der die vielfältigen Prozesse der Grenzbearbeitung und ihre Relation untereinander analysiert. So bleiben die praxisbezogenen und materialen Gegebenheiten von Grenzziehungen weitgehend unberücksichtigt. Ebenso fehlt ein transdisziplinäres Verbindungsvokabular zur Beschreibung multidimensionaler Grenzen. Das Projekt adressiert diese Leerstellen, indem es das Konzept der „Infrastruktur“ zentral setzt. In­frastrukturen können als Substrat angesehen werden, als gleichermaßen „harte“ (Straßen, Grenzzäune, Pipelines etc.) wie auch „weiche“ (Menschen, Dienstleistungen, Kategoriensysteme etc.) Grundlagen der Verbindung und Trennung, die als physische wie symbolische Gelingensbedingungen kollektive soziale Prozesse und übersituative Strukturierungs- bzw. Relationierungsleistungen ermöglichen. Ausgehend von der aktuellen geistes- und sozialwissenschaftlichen Infrastrukturforschung können somit nicht nur einzelne Grenzobjekte und konkordante Grenzpraktiken in den Blick genommen, sondern auch die meist unbewussten, übersituativen, häufig unsichtbaren und standardisierten Relationen von Grenzarbeitsprozessen analysiert werden. Im Rahmen des Projektes dient das Konzept der Infrastruktur als Ausgangspunkt für drei inhaltliche Forschungsakzente:

1) Grenzen – verstanden sowohl als soziale, zeitliche wie auch räumliche Trennungen – lassen sich nur ungenügend als simple (häufig räumliche) Demarkationen fassen. Sie sind vielmehr komplexe Gebilde, die sich durch eine multidimensionale Beschaffenheit auszeichnen, diverse Funktionen aufweisen und von einer hohen Dynamik geprägt sind. Diese Vielfältigkeit von Grenzen wurde in den letzten Jahren von der interdisziplinären Grenzforschung wiederholt aufgegriffen (vgl. die Konzepte der borderscapes, assemblages, boundary sets, interfaces etc.), allerdings ohne eine konsensuale Position zu erreichen. In der ersten Forschungslinie soll das Konzept der Infrastruktur dazu dienen, die Komplexität von Grenzziehungen begrifflich auf den Punkt zu bringen und analytisch aufzufangen. Entsprechend wird im Dialog mit prominenten Grenzkonzepten eine analytische Grenzheuristik skizziert und so ein interdisziplinäres Verbindungsvokabular befördert, welches die einzelnen Dimensionen vielfältiger Grenzziehungsprozesse erkennen und in ihrer Relationalität beschreiben kann. Dabei ermöglicht das Infrastrukturkonzept, den Blick auf die materiale Verfasstheit von Grenzen zu lenken und nicht im Metaphorischen zu verharren. Diese konzeptionelle Auseinandersetzung zielt sowohl auf die begriffliche Weiterentwicklung als auch die Vernetzung mit anderen Ansätzen und Personen.

2) Die zweite Forschungslinie dient der empirischen Anwendung des Infrastrukturkonzepts am Beispiel der Vorstadtgrenzen. Die Grenze zwischen Stadt und Land wird neben der sozialräumlichen Dichte gemeinhin als eine Differenz infrastruktureller Versorgung konzipiert – als ein Mehr oder Weniger an Verkehrsanbindungen, medizinischen Leistungen, religiösen und kulturellen Angeboten, Bildungsmöglichkeiten etc. Wenn die Unterscheidung zwischen urbanen und ruralen Ordnungen damit maßgeblich als Grenze identifiziert wird, gilt es nach der infrastrukturellen Manifestation dieser Grenze zu fragen – quasi nach dem „Infrastrukturieren“ der Grenzsetzung. Indem verschiedene Versorgungsleistungen und die dazugehörigen soziomateriellen Praktiken an den Zwischenräumen der Trennung und Verbindung von Stadt und Land (also die Vorstadt, der Speckgürtel, das Randstädtische) untersucht werden, lässt sich die alltägliche Arbeit an dieser Grenze  nachzeichnen. Als ordnende und geordnete Strukturen verweisen Infrastrukturen dabei auf diejenigen Objekte, technischen Systeme und diskursiven wie nicht-diskursiven Praktiken, die maßgeblich an der Entstehung und Aufrechterhaltung von Grenzen beteiligt sind, worüber auch korrespondierende urbane, suburbane und rurale Ordnungssysteme deutlich werden.

3) Im Rahmen der dritten Forschungslinie strukturiert der Infrastrukturbegriff die weiterführende Debatte um die inkludierenden und exkludierenden Effekte zeitgenössischer Grenzarbeit. Gerade im Kontext der gegenwärtigen Umstrittenheit räumlicher wie auch sozialer, symbolischer und temporaler Differenzierungen in der vermeintlich postnational-entterritorialisierten, kulturell heterogenen und polychronen Welt erhalten die Wirkungen vielfältiger Grenzziehungen eine erhöhte Aufmerksamkeit. Im Kontext sich intensivierender globaler Migrationsströme ebenso wie in der damit einhergehenden Erosion traditioneller Inklusions- und Exklusionsmuster und der Ausdifferenzierung von Ungleichzeitigkeiten gelangen Grenzen auf eindringliche Weise auf den Prüfstand. Beobachtbar wird eine solche „Umstrittenheit von Grenzen“ anhand ihrer Infrastrukturen – der Verstärkung von Zäunen, der Verweigerung schulischer Ausbildungsprogramme oder divergierenden Rechtfertigungssystemen. Die Aufgabe der dritten Forschungslinie ist es, einen analytischen Rahmen für die Bestimmungen der vielfältigen Wirkungen von Grenzziehungen zu entwickeln.

Das übergeordnete Ziel der „Forschungsgruppe Grenzforschung“ ist es schließlich, die konzeptuelle sowie empirische Forschung an und über Grenzen voranzubringen und verschiedene Forschungsaktivitäten im Bereich von „B/Orders in Motion“ an der Europa-Universität Viadrina zu versammeln.

Das Projekt auf der digitalen Plattform B/ORDER STUDIES.